Wie Vermögen die Sozialisation und Erziehung in Unternehmerfamilien beeinflusst.

Von PROF. DR. Heiko Kleve und Prof. dr. Tom A. Rüsen

„Geld verdirbt den Charakter.“

Oder: „Mit zu viel Geld wird die Familie vergiftet.“ Solche und ähnliche Sätze hören wir in unseren Forschungs- und Beratungsprozessen von Vertretern mehrgenerationaler Unternehmerfamilien nicht selten. Damit wird eine problematische Wirkung des vorhandenen finanziellen Vermögens auf die Persönlichkeitsentwicklung ihrer (insbesondere jüngeren) Mitglieder herausgestellt oder zumindest die Befürchtung geäußert, dass sich negative Folgen des Aufwachsens in spürbarem Reichtum einstellen könnten. Diese negative Perspektive auf das vorhandene Vermögen führt oftmals zu einer spezifischen Form von Tabuisierung und Nichtansprechbarkeit des Themas sowie zu Schamgefühlen bei Mitgliedern vermögender Familien. In mehreren Forschungsprojekten am Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) arbeiten wir derzeit an Fragen, die die Effekte des finanziellen Reichtums in Unternehmerfamilien insbesondere bezüglich der Sozialisation wie auch Erziehung von Kindern und Jugendlichen fokussieren.

Wie wachsen Kinder in diesem spezifischen Familientypus auf? Wie versuchen die Eltern, das Denken, Fühlen und Handeln ihres Nachwuchses konstruktiv zu beeinflussen, sodass sich der familiäre Reichtum positiv und nicht schädlich auf die kindliche Sozialisation sowie auf die aktuelle und zukünftige Lebensführung auswirkt? Das sind zwei von zahlreichen Fragen, die uns interessieren.

Unterscheidung zwischen Sozialisation und Erziehung

Um davon ausgehend Unternehmerfamilien zu untersuchen – vor allem durch Gespräche mit Eltern und Kindern –, ist eine grundsätzliche Unterscheidung wichtig, und zwar jene zwischen Sozialisation und Erziehung. Unter Sozialisation verstehen wir einen permanenten sozialen Prozess, der die individuelle Entwicklung eines jeden Menschen einbettet und rahmt. Die Sozialisation eines Menschen vollzieht sich über sein gesamtes Leben, wird aber durch die Kindheit, die gemeinhin in der Familie erlebt wird, ausgesprochen stark geprägt. In Unternehmerfamilien realisiert sich diese sozialisatorische Prägung, wie in allen anderen Familien auch, durch die Weitergabe des Lebens selbst sowie durch die Fürsorge, Betreuung und Begleitung der Kinder auf ihrem Weg in das eigenständige Leben. Hinzu kommt in diesen Familien jedoch, dass den Kindern neben den Grundbedingungen ihrer menschlichen Existenz und Selbstentwicklung sowohl Unternehmenseigentum als auch Vermögen übertragen werden.

Verpflichtungsgefühl als angstbehaftete Bürde

Diese Übertragung führt bei den Kindern regelmäßig zu Verpflichtungsgefühlen den Eltern beziehungsweise der gesamten Unternehmerfamilie gegenüber. Die Verpflichtung kann einen individuell belastenden Charakter annehmen, und zwar vor allem dann, wenn mit der Eigentums- und Vermögensweitergabe zugleich hohe Erwartungen seitens der Eltern an die Kinder zum Ausdruck gebracht werden, die etwa in der Aufforderung kumulieren können: „Verhaltet euch als Erben so, dass ihr euren Vorfahren keine Schande bereitet.“ Zudem kann die übernehmende Generation das Verpflichtungsgefühl in Form einer angstbehafteten Bürde erleben. Dann werden das Eigentum sowie das Vermögen als etwas empfunden, das von den Vorfahren erschaffen wurde und das nun von den Erben möglicherweise unangemessen genutzt, geschmälert oder vernichtet werden könnte.

In diesem komplexen Sozialisationskontext vermögender Unternehmerfamilien finden nun die elterlichen Erziehungsprozesse statt. Mit Erziehung ist der Versuch zu verstehen, sozialisatorische Prozesse bewusst zu lenken, Kinder in ihrer kognitiven, emotionalen und aktionalen Entwicklung – also bezüglich ihres Denkens, Fühlens und Handelns – zielgerichtet zu beeinflussen. Da Sozialisation permanent und ungeplant geschieht sowie als andauernde Selbstentwicklung des Menschen bewertet werden kann, ist die Kraft der Erziehung in der Regel schwächer als sozialisatorische Prozesse. Demnach kann Erziehung die Sozialisation zwar anregen und rahmen, aber nicht determinieren, nicht eindeutig bestimmen oder hinsichtlich klar definierter Ergebnisse steuern. Daher lassen sich auch kaum allgemeingültige Erziehungstipps formulieren. Allerdings können zentrale Fragen hinsichtlich der Vermögenssozialisation formuliert werden, die in jeder Unternehmerfamilie jeweils eigenständig und in Abhängigkeit des Alters und des Entwicklungsstandes der Kinder zu beantworten sind. Drei dieser Fragen lauten:

    1. Welches Wissen soll den Kindern hinsichtlich der familiären Vermögenssituation in welchem Alter und in welcher Weise vermittelt werden? (Was sollte wann angesprochen und wie thematisiert werden?)
    2. Welche Emotionen, Werthaltungen und inneren Einstellungen wollen die Eltern ihren Kindern bezüglich des Vermögens nahebringen? (Wie ist das Wertegefüge der Familie zum vorhandenen Vermögen?)
    3. Welche Handlungskompetenzen in Bezug auf das Vermögen sollen die Kinder im familiären Sozialisations- und Erziehungsprozess erwerben? (Welche Fähigkeiten bezüglich des Umgangs mit dem Vermögen sollen Bestandteil eines Kompetenzentwicklungsprogramms der Unternehmerfamilie sein?)

Hinsichtlich der kognitiven Wissensvermittlung beobachten wir viele Unsicherheiten aufseiten der Eltern. In vielen Familien wird diese so verarbeitet, dass den Kindern so spät wie möglich – etwa erst in den Jahren der Pubertät, manchmal sogar erst bei Volljährigkeit – die tatsächlichen Vermögensverhältnisse offenbart werden. Hinter dieser Praktik steht nicht selten die elterliche Angst, dass die Kinder eine finanzielle Anspruchshaltung entwickeln und ihre eigene Persönlichkeitsentwicklung, etwa Ausbildung und Berufswahl, vernachlässigen.

Haltungen der Eltern prägen die Jugendlichen

Diese Angst erscheint zumeist jedoch unbegründet, denn viele heranwachsende und erwachsene Kinder aus vermögenden Unternehmerfamilien berichten, dass die Tatsache, dass sie Unternehmens- und Vermögenserben sind, eine besondere familiäre Loyalität und Leistungsorientierung bei ihnen herausfordert. Zugleich artikulieren viele von uns interviewte Jugendliche und junge Erwachsene, dass sie ihre Eltern als sehr werteorientiert, insbesondere als bescheiden und sparsam erlebt haben und dass diese Haltungen sowie die damit einhergehenden Verhaltensweisen auch ihr Leben maßgeblich prägen. Deutlich wird damit, dass Eltern insbesondere durch ihre eigene Lebensführung die Sozialisationsbedingungen der Kinder formen.

Im Umgang mit dem Vermögen zeigen sich in unseren Untersuchungen eher konservative Haltungen und Praktiken. Hier wird mehr die Verantwortung für das Bewahren als für das unternehmerische Entwickeln betont. Genau an dieser Stelle bestehen jedoch oftmals ungenutzte Chancen hinsichtlich der Tatsache, dass ein Vermögen vorhanden ist, das zur Schaffung unternehmerischer Kreativität und zur Entwicklung eines gesellschaftlichen Nutzens eingesetzt werden könnte.

Zu den Autoren

Prof. Dr. Heiko Kleve ist Inhaber des Stiftungslehrstuhls für Organisation und Entwicklung von Unternehmerfamilien am Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU), Universität Witten/Herdecke.

Prof. Dr. Tom A. Rüsen ist geschäftsführender Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen (WIFU), Universität Witten/Herdecke.