Zahl der Unternehmenskrisen steigt weiter deutlich

Die Zahl der Insolvenzen in Deutschland sank im November 2024 leicht, bleibt aber deutlich über dem Vorjahresniveau. Prognose: Anstieg 2025.
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Die Zahl der Unternehmenskrisen in Deutschland wird nach Einschätzung von Restrukturierungsexperten in den kommenden Monaten weiter deutlich steigen. Dies geht aus dem aktuellen Restrukturierungsmonitor der TMA Deutschland Gesellschaft für Restrukturierung e. V. hervor. Nahezu alle befragten Mitglieder rechnen mit einem erneuten Anstieg der Fallzahlen innerhalb der nächsten zwölf Monate. Damit verschärft sich die Lage im Vergleich zum Vorjahr nochmals deutlich. Damals gingen lediglich rund zwei Drittel der Befragten von einer weiteren Zuspitzung aus. Besonders stark betroffen bleibt nach Einschätzung der Experten weiterhin die Automobilindustrie. Sämtliche Umfrageteilnehmer bewerten die Situation in diesem Sektor als kritisch oder sehr kritisch. Auch die Bereiche Industriegüter und Handel gelten weiterhin als überdurchschnittlich krisenanfällig. Eine leichte Entspannung sehen die Befragten lediglich im Baugewerbe, das nach längerer Schwächephase offenbar erste Stabilisierungstendenzen zeigt.

US-Zollpolitik als Problem

Erstmals wird die US‑Zollpolitik als eine der drei wichtigsten Krisenursachen in Deutschland genannt. Zwei von drei Umfrageteilnehmern sehen in den handelspolitischen Maßnahmen der Vereinigten Staaten einen wesentlichen Belastungsfaktor für deutsche Unternehmen. Neben den weiterhin schwachen Auftragseingängen und rückläufigen Umsätzen zählen auch die restriktive Kreditvergabe durch Banken sowie die hohen Energiekosten unverändert zu den zentralen Krisentreibern. Während steigende Finanzierungskosten inzwischen als weniger relevant eingeschätzt werden, wirken sich höhere Materialkosten deutlich stärker auf die wirtschaftliche Lage vieler Unternehmen aus als noch im Vorjahr.

Liquiditätskrisen nehmen zu

Ein besonders kritischer Faktor bleibt die Liquidität. Nach Einschätzung von 87 % der Befragten wird die Zahl der Krisenfälle infolge fehlender finanzieller Mittel weiter steigen. Auch die Zahl der Absatzkrisen dürfte nach Ansicht von 68 % der Experten erneut zunehmen. Aktuell kämpft die Mehrheit der betroffenen Unternehmen mit einer Ergebniskrise. Der entsprechende Anteil liegt bei 89 % und damit leicht unter dem Vorjahreswert von 96 %. Zwar hat sich der Anteil der Unternehmen, die überhaupt Restrukturierungsmaßnahmen ergriffen haben, geringfügig erhöht. Gleichzeitig zeigt sich jedoch weiterhin ein erhebliches Umsetzungsdefizit. Bei 58 % der Mandanten stellen die befragten TMA‑Mitglieder fest, dass die definierten Maßnahmen entweder nicht umgesetzt wurden oder deren Wirkung unzureichend blieb. Damit sehen die Experten nicht mangelndes Problembewusstsein, sondern fehlende Umsetzungskraft als zentrales Hindernis einer nachhaltigen Sanierung.

Dr. Dorothee Prosteder, Vorstandsvorsitzende der Noerr‑Partnerin innerhalb der TMA, erklärt: „Es beschäftigen uns nicht mehr einzelne Krisenfälle oder temporäre Krisen. Wir stecken heute in einer tiefgreifenden Strukturkrise, die auch solche Unternehmen bedroht, die wir vor einigen Jahren noch krisensicher genannt hätten.“ Nach ihrer Einschätzung treffen die aktuellen Herausforderungen strukturell breite Teile der deutschen Wirtschaft. Die Umfrage zeigt zudem, dass die Nachfrage nach externer Restrukturierungsberatung weiter steigt. Während in der Vergangenheit häufig einzelne operative Maßnahmen im Fokus standen, wächst nun erstmals auch die Nachfrage nach Beratung zu ganzheitlicher operativer Transformation deutlich. 66 % der Befragten geben an, in diesem Bereich vermehrt mandatiert zu werden. Ebenso ziehen Unternehmen externe Experten häufiger für Portfolioanpassungen und finanzielle Restrukturierungen hinzu.

Zuwachs der Insolvenzen erwartet

Den stärksten Nachfrageanstieg in den kommenden zwölf Monaten erwarten die TMA‑Mitglieder bei der Umsetzungsbegleitung, der Insolvenzbegleitung sowie bei der Entwicklung von Refinanzierungskonzepten. Jeweils knapp ein Drittel der Befragten rechnet hier mit einem deutlichen Zuwachs. Damit verschiebt sich der Beratungsbedarf zunehmend von der reinen Analyse hin zur begleitenden Umsetzung komplexer Sanierungsprozesse. Dr. Rainer Bizenberger, Co‑Leiter des TMA‑Facharbeitskreises Restrukturierungsberatung und Managing Director bei AlixPartners, sagt: „Wir stellen noch immer fest, dass Mandanten zwar wissen, dass sie sich aus der absehbaren oder schon akuten Krisensituation ohne tiefgreifende Veränderungen nicht befreien können. Viele zögern aber zu lange, sich Unterstützung zu holen.“ Verzögerungen im Handeln verschärften die wirtschaftliche Situation zusätzlich und führten häufig zu einem Verlust an Handlungsspielräumen.

Die Umfrageergebnisse verdeutlichen zudem strukturelle Schwächen bei der Finanzierung von Unternehmen in kritischen Phasen. Trotz vorhandener rechtlicher Instrumente mangelt es insbesondere im Mittelstand häufig an Zugang zu alternativen Finanzierungsquellen. Restriktive Kreditvergaben durch Banken erschweren Sanierungen zusätzlich. Die Experten sehen darin eine zentrale Ursache für die zunehmenden Liquiditätskrisen. Nach Angaben der TMA wurde der Restrukturierungsmonitor Ende Oktober 2025 durchgeführt. Die Rücklaufquote lag bei 27 %. Befragt wurden mehrere hundert Mitglieder aus den Bereichen Unternehmensberatung, Rechtsberatung, Wirtschaftsprüfung, Corporate Finance und Finanzierung. Die Ergebnisse zeichnen insgesamt ein Bild anhaltender wirtschaftlicher Schwäche mit weiter steigender Restrukturierungsdynamik.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Tech-Start-ups.

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