Der absatzstärkste deutsche Fahrradhersteller, die MIFA Mitteldeutsche Fahrradwerke AG, verfolgt einen konsequenten Wachstumskurs. Im März 2012 hat das Unternehmen aus Sachsen-Anhalt den Berliner E-Bike-Hersteller Grace gekauft, der ausschließlich im gehobenen Preissegment fertigt. Im August folgte die Übernahme des Münchener Premium-Fahrradherstellers Steppenwolf aus der Insolvenz heraus. Im Interview spricht MIFA-Vorstand Peter Wicht über die Motive hinter den Zukäufen, seine Wachstums- und Finanzierungsstrategie.

Unternehmeredition: Herr Wicht, MIFA blickt auf eine mehr als 100-jährige wechselvolle Geschichte zurück und war führender Fahrradproduzent in der DDR. 1996 haben Sie das Unternehmen gemeinsam mit einem weiteren Gesellschafter erworben. Was hat Sie damals zum Kauf bewogen? Wie ist es Ihnen gelungen, MIFA innerhalb von acht Jahren zu einem der absatzstärksten Fahrradproduzenten in Europa zu machen?

Wicht: Wir haben die MIFA 1996 von einem Investor der Treuhand übernommen. Damals war die Firma pleite und hatte im Vorjahr 8.000 Fahrräder verkauft. Mein damaliger Geschäftspartner Michael Lehmann und ich konnten Fahrräder bauen und haben bald die großen deutschen Einzelhandelsketten als Kunden gewonnen. In diesem Bereich sind Sie nur stark, wenn Sie große Stückzahlen effizient produzieren können – und das wiederum geht am besten über Automatisierung. Nicht zuletzt aufgrund unseres Automatisierungsgrads können wir uns seit 2004 als Deutschlands absatzstärkster Fahrradhersteller bezeichnen. Das war kein leichter Weg, die letzten Jahre waren von Marktbereinigung geprägt.

Unternehmeredition: Im ersten Halbjahr 2012 konnten Sie das EBITDA von 7,5 Mio. auf 7,9 Mio. EUR steigern, der Umsatz legte um 3,7% auf 80,0 Mio. EUR zu – der höchste Halbjahreswert seit dem Börsengang im Jahr 2004. Gleichzeitig ist die Zahl der verkauften Fahrräder um 8,9% auf 442.000 Stück zurückgegangen. Was waren die Gründe dafür?

Wicht: Wir wollen weiter wachsen. Unser Schwerpunkt liegt aber auf profitablem Wachstum, Ertrag geht ganz klar vor Absatz. Daher produzieren wir seit 2011 auch E-Bikes. Es ist kein Geheimnis, dass E-Bikes absolut im Trend liegen und deutlich teurer sind als klassische Fahrräder ohne Antrieb. Darauf ist ein Teil des Umsatzanstiegs zurückzuführen, da sich der E-Bike-Anteil am Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast verdoppelt hat. Auch unsere Margen steigen durch diesen neuen Produktmix. Dass wir gleichzeitig etwas weniger Fahrräder verkaufen würden, haben wir so einkalkuliert.

Unternehmeredition: Sie verfolgen also eine konsequente Wachstumsstrategie: Im März 2012 haben Sie den Berliner E-Bike-Hersteller Grace gekauft, im August folgte die Übernahme des Münchener Premium-Fahrradherstellers Steppenwolf aus der Insolvenz heraus. Was sprach für die Zukäufe?

Wicht: Die Zukäufe sind logische Folge unserer Strategie. Zum einen wollen wir durch E-Bikes wachsen und unsere Profitabilität nachhaltig steigern. Die Marke Grace ist im Fachhandel für anspruchsvolles Design und ihre technologische Vorreiterrolle bekannt. Mit der Übernahme konnten wir zudem zwei ausgewiesene Fachleute der Grace gewinnen, die uns ihr Know-how nun dauerhaft zur Verfügung stellen: Michael Hecken als Leiter Marketing und Strategie und Karlheinz Nicolai als Leiter Entwicklung. Zum anderen wollen wir auch im Geschäft mit klassischen Fahrrädern profitabler werden. Steppenwolf ist ein Premiumanbieter im hochmargigen Bereich. Andreas und Roland Liertz von Steppenwolf, die uns fortan auch in der MIFA-Gruppe zur Verfügung stehen, sind zudem ausgewiesene Vertriebsexperten, mit mehr als 17 Jahren Erfahrung im Fachhandel. Wir haben durch die Akquisition auf Anhieb den Zugang zu 250 weiteren Fachhändlern gewonnen. Das wird uns auch bei der Vermarktung von Grace zugute kommen, dort wollen wir Synergien nutzen.

Unternehmeredition: Welche Finanzierungsstrategie verfolgen Sie bei der Expansion, insbesondere bei den beiden letzten Übernahmen? Welche Rolle spielt dabei die Börse?

Wicht: Wir haben beide Akquisitionen aus eigener Tasche bezahlt. Die Übernahmen von Grace und Steppenwolf wurden durch die erfolgreiche Kapitalerhöhung im Juli dieses Jahres finanziert. Ganz allgemein haben wir im Jahr 2012 den Kontakt zum Kapitalmarkt wieder deutlich intensiviert. Ein erster Schritt war die Kapitalerhöhung bei gleichzeitigem Uplisting in den Prime Standard, wodurch wir uns selbst höchste Transparenzstandards setzen. Gleichzeitig haben Carsten Maschmeyer und ich bewusst auf die Ausübung unserer Bezugsrechte verzichtet, um den Streubesitz von rund 23% auf weit über 40% zu erhöhen und die Aktie der MIFA liquider zu machen. Darüber hinaus suchen wir den Dialog mit dem Kapitalmarkt, indem wir unsere Berichterstattung und die Beziehungen zu Investoren ausbauen. Ein Beispiel: Herr Hecken und ich waren im Sommer dieses Jahres zweimal auf Roadshow in Europa.

Unternehmeredition: Wie wichtig sind bei Ihrer Expansionsstrategie M&A-Transaktionen im Vergleich zum Wachstum aus eigener Kraft?

Wicht: Unser Schwerpunkt liegt auf organischem Wachstum. Die Akquisitionen von Grace und Steppenwolf waren aber ebenso wichtig, um unser Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Die zwei wesentlichen Bausteine sind dabei die Margenstärke der beiden Marken und die zusätzlichen Kompetenzen, die wir erworben haben. Solche Zukäufe können auch in Zukunft Sinn machen.

Unternehmeredition: Welche Vision haben Sie für die nächsten Jahre?

Wicht: Meines Erachtens entwickelt sich mit den E-Bikes derzeit etwas ganz Großes. Auf mittlere Sicht werden sie sich durchsetzen, mit deutlich steigenden Marktanteilen. Für die MIFA bedeutet das nach ein paar schwierigen Jahren den Beginn einer neuen Ära.

Unternehmeredition: Herr Wicht, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de


Zur Person: Peter Wicht
Peter Wicht ist Vorstandsvorsitzender der MIFA Mitteldeutsche Fahrradwerke AG (www.mifa.de) mit Sitz in Sangerhausen, Sachsen-Anhalt. 1996 hat Wicht das Unternehmen gemeinsam mit einem weiteren Gesellschafter erworben und zu einem der absatzstärksten Fahrradproduzenten in Europa gemacht.