M&A-Boom in Deutschland trotz COVID ungebrochen

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Angesichts der seit eineinhalb Jahren andauernden weltweiten Coronapandemie wäre
es naheliegend, einen Einbruch bei M&A-Transaktionen zu vermuten. Eine Analyse zeigt jedoch, dass sich die Dynamik der Unternehmensakquisitionen in Deutschland mit Aus­nahme eines kurzfristigen Einbruchs zu Beginn der Krise weiter fortgesetzt hat.
VON ULRICH SCHNEIDER

Die Coronakrise hat weltweit für erhebliche Verwerfungen gesorgt und nicht zuletzt auch das wirtschaftliche und soziale Leben in Deutsch­land stark beeinflusst. Ein Ende der Krise sowie die langfristigen Auswirkungen sind derzeit noch nicht absehbar. Aus Unternehmenssicht waren die letzten ­Mo­nate gekennzeichnet von Unsicherheit im Hinblick auf die aktuelle Situa­tion und die zukünftige Entwicklung. Kurzfristige operative Maßnahmen zur Stabilisierung des Geschäfts hatten häufig Vorrang vor strategischen Entscheidungen. In zahlreichen Unternehmen mussten zudem finanzielle Ressourcen eingespart beziehungsweise staatliche Hilfen in Anspruch genommen werden. Dies lässt die Vermutung zu, dass vielfach auch das Thema M&A für Unternehmen zumindest vorüber­gehend in den Hintergrund getreten ist.

Basierend auf einer Analyse von über 3.500 Transaktionen in Deutschland von Januar 2018 bis Juli 2021 ist je­doch festzustellen, dass die Aktivi­tät bei Unternehmensakquisitionen in Deutsch­land mit Ausnahme eines kurzfristigen Einbruchs zu Beginn der Krise ungebrochen ist und sich in eigenen Branchen sogar beschleunigt hat.

Verschiebung des Branchenfokus von M&A-Deals

Gleichzeitig wird deutlich, dass die vermeint­lichen Gewinnerbranchen auch klar im Fokus von Investoren stehen. So zeichnen sich beispielsweise Software-as-a-Service-(SaaS-)Anbieter durch ein starkes Wachstum, wiederkehrende abon­nementbasierte Erlöse und hohe EBITDA-­Margen aus – allesamt Attribute, die die­se Unternehmen zu begehrten Targets machen. Ähnlich attraktiv sind derzeit Healthcareunternehmen oder auch Bau­zulieferer und -dienstleister, da sie von einer hohen Nachfrage sowie steigenden Margen profitieren. Dem stehen Sektoren wie der stationäre Einzel­handel oder auch die Unterhaltungsbranche gegenüber, die sich bereits vor COVID durch digitale Geschäftsmodelle im Umbruch befanden.

Während also das gesamte Transaktionsvolumen stabil hoch geblieben ist, hat sich der Branchenfokus von M&A-­Deals in den letzten Quartalen deutlich verschoben.

Private-Equity-Investoren treiben die Nachfrage

Ein weiterer Grund für das anhaltend star­ke Transaktionsniveau ist die nach wie vor schier unerschöpfliche Verfügbar­keit von Kapital im Markt. Nachdem sich die Zentralbankgeldmenge der EZB von 900 Mrd. EUR im Juli 2008 auf 3,2 Bio. EUR Ende 2019 bereits annähernd vervierfacht hatte, hat die EZB weitere 1,85 Bio. EUR im Rahmen ihrer COVID-­Rettungsprogramme zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig setzt sie weiterhin ­ihre Niedrig­zins­politik fort. Somit sind insbeson­dere Private-Equity-Fonds, die ohnehin über eine große Menge an „Dry Powder“ verfügen, in der Lage, zu günstigen Konditionen Fremdkapital auf­zunehmen und im Rahmen von Buy-outs Unter­nehmen zu erwerben. So hat sich der Anteil von Transaktionen mit Private-Equity-Inves­toren als Käufern von etwa einem Drittel (rund 31%) in der ersten Jahreshälfte 2019 auf mitt­lerweile knapp die Hälfte (etwa 46%) in der ersten Jahres­hälfte 2021 stark erhöht.

Natürlich suchen diese Investoren Op­portunitäten mit einem möglichst attrak­tiven Chance-Risiko-Potenzial. Da­durch erfahren zum Beispiel die oben erwähnten IT-Unternehmen extreme Nach­frage, denn deren Geschäftsmodelle bieten eine deutlich höhere Stabilität als zyklische Branchen. Zudem verfolgen viele Private-­Equity-Inves­to­ren derzeit sogenannte Buy-and-­Build-Strategien, bei denen aus­gehend von ­einem Nukleus weitere vergleichbare Unternehmen erworben wer­den und dadurch die Konsolidierung ­einer Branche vorangetrieben wird. Durch Synergie­effekte entsteht ein deut­licher Wert­zuwachs, an dem häufig auch die ehema­ligen Inhaber zugekaufter ­Unternehmen partizipieren können.

Strategische Investoren als Verkäufer und Käufer

Auf Konzernebene beobachten wir, dass vielzählige Marktteilnehmer ihre Portfo­liostrategie nicht zuletzt aufgrund der durch die COVID-Krise offengelegten Schwächen auf den Prüfstand stellen. Vor diesem Hintergrund haben Unterneh­men zum einen damit begonnen, sich von Randbereichen zu trennen, die nicht zum Kerngeschäft gehören. Zum anderen verspüren gleichzeitig viele Unternehmen in genau diesem Kerngeschäft einen enormen Digitalisierungsdruck, etwa in der Automobilindustrie oder einer Vielzahl von Servicesektoren. Beide Faktoren werden voraussichtlich auch strategische Transaktionen zu neuen Höchstständen bringen.

Distressed M&A (noch) unbedeutend

Während im Sommer 2020 viele Marktteilnehmer noch davon ausgegangen waren, dass die COVID-Krise zu einer erhöhten Anzahl von insolvenzbedingten oder sogenannten Distressed-­M&A-Transaktionen führen würde, sind diese aufgrund ausgedehnter staatlicher Maß­nahmen wie Überbrückungshilfen, der Aussetzung der Insolvenzantrags­pflicht sowie Stundungsregelungen bislang weit­gehend ausgeblieben. Jedoch ist zu erwar­ten, dass diese Welle nur auf­geschoben ist.

FAZIT

Insgesamt ist festzustellen, dass für zahl­reiche Unternehmer aktuell ein guter Zeitpunkt ist, sich mit dem Thema M&A zu beschäftigen, insbesondere wenn es um die eigene Nachfolge geht. In diesem finanzstarken und transaktionsmotivier­ten Investorenumfeld sind nicht nur digi­tale Geschäftsmodelle, sondern auch an­dere Branchenspezialisten oder „Hidden Champions“ gefragt, die einen guten strategischen Fit darstellen. COVID hat hier nur für eine Pause gesorgt und ein Ende des Transaktionsbooms ist derzeit nicht abzusehen.


ZUR PERSON

Ulrich Schneider begleitet seit über 15 Jahren Unternehmer, Unternehmen und Finanzinvestoren bei grenzüberschreitenden M&A-Transaktionen und Strategieprojekten. Er leitet die Proventis Partners Practice Group Consumer Goods & Retail, begleitet aber auch regelmäßig Projekte in den Bereichen Packaging, Automation und Software. Einen wesentlichen Teil seiner Karriere hat er im Ausland verbracht.

www.proventis.com

 

Dieser Artikel ist in der Unternehmeredition 3/2021 erschienen.