Unternehmeredition: Herr Rösner, obwohl Lamy längst auch im Ausland bekannt ist, streben Sie verstärkte Internationalisierung an. Warum?
Rösner: Tatsächlich haben wir uns annährend schon an die dritte Stelle der weltgrößten Schreibgerätehersteller im hochwertigen Sortiment vorgearbeitet. Aber im Inland ist längst nicht mehr so viel Wachstum möglich wie im Ausland. Dabei spielt auch eine Rolle, dass wir stark fachhandelsorientiert sind und sich in Deutschland, besonders in ländlichen Regionen, ein stilles Sterben des Facheinzelhandels vollzieht. Vor zehn Jahren hatten wir hierzulande noch 9.000 Kunden, heute sind es weniger als 6.000 – und der Abschmelzprozess dürfte sich fortsetzen. So verändert sich die Handelslandschaft massiv, und das bedeutet, dass wir unser Wachstum im Ausland realisieren müssen. Schon heute wachsen wir im Auslandsgeschäft deutlich zweistellig und damit wesentlich stärker als im Inland.

Unternehmeredition: Welche Regionen peilen Sie vor allem an?

Rösner:
Zurzeit vor allem Südostasien, die USA und Lateinamerika. Aber auch in Indien und in Russland werden wir uns künftig engagieren. Große weiße Flecken auf der Landkarte und Märkte mit hoher Kaufkraft gibt es für uns auf der arabischen Halbinsel, aber auch in Ägypten und den Maghreb-Staaten. Auch der schwarz-afrikanische Markt ist noch weitgehend unerschlossen.

Unternehmeredition: Asien und Südamerika sind nicht unbedingt Regionen, in denen man Bedarf für hochwertige Schreibgeräte vermutet.

Rösner:
Da täuscht man sich leicht. In Lateinamerika wird das vielleicht noch nicht so deutlich, umso mehr aber in Asien, vor allem in China. Von den 1,3 Mrd. Menschen dort sind sicher 200 Mio. schon heute mit der europäischen Mittelschicht gleichzustellen. Gerade viele junge Menschen aus der Generation der Ein-Kind-Haushalte sind hervorragend ausgebildet und verdienen gut. Ich sehe Asien als guten Zielpunkt für unser Unternehmen.

Unternehmeredition: Kann es trotzdem bei „Made in Germany“ bleiben, auf das Sie so viel Wert legen?

Rösner:
„Made in Germany“ ist für uns ein Teil unserer Identität. An eine Produktion im Ausland verschwende ich keine Gedanken. Unsere Produkte sind für den Weltmarkt gemacht. Viele Unternehmen, die die Produktion ins Ausland verlagern, stellen die Personalkosten in den Vordergrund, vernachlässigen aber, was an Abstimmungsaufwand, Qualitätssicherung und Logistikaufwand hinzukommt. Wir tun alles, damit unsere Produktion in Deutschland bleiben kann – mit einer Optimierung aller produktionstechnischen und logistischen Abläufe. Wir arbeiten intensiv mit den Werkzeugen daran, unsere Abläufe und die Produktion zu optimieren.

Unternehmeredition: Ihre Internationalisierungsstrategie zielt also nicht auf die Produktion, sondern auf den Vertrieb ab. Wie gehen Sie vor?

Rösner:
Der Handel geht in Asien ganz andere Wege als in Europa. In China gibt es keine Vertriebsorganisation für hochwertige Schreibgeräte, also auch keinen Facheinzelhandel. Wir haben uns dort deshalb für eigene Lamy-Geschäfte und Shop-in-shop-Systeme entschieden. In Japan und Korea gibt es eine andere Einzelhandelskultur und andere Vertriebsformen. In Osaka haben wir kürzlich unseren ersten japanischen Laden eröffnet. Daneben gibt es in Ländern wie Japan und Korea auch eine hohe Lesekultur. Lesen und Schreiben hängen eng zusammen. Wir verkaufen unsere Schreibgeräte deshalb auch über den Buchhandel. Interessant sind für uns auch Designgeschäfte, so wie in Japan.

Unternehmeredition: Sehen Sie Design und Innovation also auch bei Ihren Internationalisierungsplänen als wesentliche Erfolgsfaktoren – und kann man bei Schreibgeräten überhaupt immer noch Neues entwickeln, gerade in Zeiten von Computer und Smartphone?

Rösner:
Für den internationalen Erfolg ist das Design mit entscheidend. Innovation und Design sind für uns sehr wichtige Erfolgsfaktoren, aber wir ergänzen unser Sortiment regelmäßig um neue Produkte und Programme. Da gibt es noch viele Möglichkeiten. Eine Neuheit ist zum Beispiel unser „dialog 3“, ein Füller ohne Kappe mit versenkbarem Clip und Feder. Die Funktion bestimmt das Design. Daneben haben wir vor drei Jahren Farbstifte und Malkästen in den Markt eingeführt. Für uns sind alle Bereiche interessant, wo es darum geht, unsere Kernkompetenz „Schreiben“ abzurunden. Gerade in diesen Zeiten der Elektronik gewinnt das Thema Individualität und damit die Handschrift als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit immer stärker an Bedeutung.

Unternehmeredition: Können Sie uns zum Schluss noch kurz sagen, wie es bei Lamy zurzeit wirtschaftlich aussieht?

Rösner:
Wir werden 2011 umsatzseitig um rund 5% wachsen, nachdem wir den Umsatz zuletzt auf über 50 Mio. EUR steigern konnten. Im vorigen Jahr hatten wir eine etwa 10%ige Steigerung. Auch 2012 wollen wir wieder gut wachsen. Das bedeutet eine erhebliche Kraftanstrengung, weil wir uns insgesamt in einem schrumpfenden Marktumfeld befinden. Aber nicht zuletzt aufgrund unserer Internationalisierung werden wir dies erreichen. Ein Drittel des Umsatzes entfällt bereits auf den Export. Auch unsere Ertragslage ist erfreulich. Lamy ist ein gut finanziertes, sehr solides mittelständisches Unternehmen.

Unternehmeredition: Herr Rösner, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lorenz Goslich.
redaktion@unternehmeredition.de


Zur Person: Bernhard M. Rösner
Bernhard M. Rösner ist Alleingeschäftsführer der C. Josef Lamy GmbH (www.lamy.com). Er trat 2006 die Nachfolge von Dr. Manfred Lamy an. Lamy ist ein unabhängiges Familienunternehmen, das 1930 von C. Josef Lamy in Heidelberg gegründet wurde, die Marke LAMY gibt es seit 1952. Mit einer Jahresproduktion von über 6 Mio. Schreibgeräten und einem Umsatz von mehr als 50 Mio. EUR ist Lamy Marktführer in Deutschland.