„Stille Beteiligungen gelten als wirtschaftliches Eigenkapital“

Seit mehr als 30 Jahren leisten die nach Bundesländern aufgestellten Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften (MBGen) einen Beitrag zur Unternehmensfinanzierung. Aktuell sind die 15 MBGen in Deutschland an 2.900 Unternehmen mit einem Volumen in Höhe von rund 1,1 Mrd. EUR beteiligt. Häufigstes Instrument ist die stille Beteiligung. Im Interview sprechen Armin Reinke und Manfred Thivessen, Geschäftsführer der MBGen aus dem Saarland und Nordrhein-Westfalen, über aktuelle Trends, Finanzierungsanlässe und geben einen Ausblick zur weiteren Geschäftsentwicklung.

Unternehmeredition: Herr Thivessen, was unterscheidet die MBGen grundsätzlich von klassischen Private-Equity-Gesellschaften?

Thivessen: MBGen sind ein wichtiger Bestandteil des Förderangebotes in Finanzierungsfragen. Durch die Begleitung im Wesentlichen kleinerer und mittlerer Unternehmen (KMU) wird ein Segment unterstützt, das ansonsten nicht im überwiegenden Fokus der Private-Equity-Gesellschaften steht. MBGen verfolgen ferner keine ausschließlichen eigenen Renditeziele. Mit ihren stillen Beteiligungen wollen sie insbesondere nachhaltige Unternehmensexistenzen schaffen bzw. sichern. Der Unternehmer hat im Übrigen kostenfreien Zugang zum Gesellschafter- und Partnernetzwerk der MGBen.

Unternehmeredition: Herr Reinke, wie haben sich die Anzahl der Transaktionen und die Investitionsvolumina der 16 MBGen in Deutschland 2012 im Mittelstandsbereich entwickelt?

Reinke: Die MBGen waren auch im abgelaufenen Geschäftsjahr 2012 sehr erfolgreich. Die guten Vorjahreszahlen wurden mit 605 (+3%) neu bewilligten Beteiligungen und mit einem Gesamtvolumen von 172,9 Mio. EUR (+5%) nochmals übertroffen. Diese gute Entwicklung ist aus meiner Sicht darauf zurückzuführen, dass die Akzeptanz der stillen Beteiligungen als typische Finanzierungsform der MBGen ebenso wie die Sensibilität der mittelständischen Unternehmen zur Verbreiterung ihrer Eigenkapitalbasis in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen ist. Insbesondere in den Krisenjahren haben die Unternehmen eine gute Eigenkapitalbasis als Puffer zu schätzen gelernt. Darüber hinaus haben sich die MBGen gerade in Krisenzeiten als verlässlicher Partner gezeigt.

Unternehmeredition: Wie beurteilen Sie die allgemeine Finanzierungssituation des Mittelstandes für dieses Jahr? Wird Basel III zu einer restriktiveren Kreditvergabe der Banken führen?

Thivessen:
Das aktuelle wirtschaftliche Umfeld sowie die bekannten Indikatoren lassen den Schluss zu, dass Finanzierungsengpässe nicht zu befürchten sind. Auch Unternehmensumfragen belegen eher vorteilhafte Finanzierungsbedingungen für den Mittelstand. Abstriche sind bei den Kleinbetrieben zu machen, die angesichts der heutigen Transparenz-, Eigenkapital- und Sicherheitenanforderungen häufiger Probleme haben. Auch wenn sicherlich durch Basel III die eine oder andere Stellschraube neu feinjustiert werden könnte, so sind m.E. nachhaltige Probleme des Mittelstands beim Kreditzugang nicht zu befürchten. Flankierend können die Produktangebote der MBGen sowie der mit ihnen eng kooperierenden Bürgschaftsbanken wichtige Finanzkennziffern verbessern und fehlende Sicherheiten ersetzen, so dass der Kreditzugang ermöglicht bzw. erleichtert wird.

Armin Reinke, KBG Saarland. Bild: KBG Saarland

Unternehmeredition: Für welche Unternehmen und vor allem für welche Finanzierungsanlässe kommt eine stille Beteiligung, das Hauptfinanzierungsinstrument der MBGen, grundsätzlich in Frage?

Reinke: Zielgruppe der MBGen sind die kleinen und mittleren Unternehmen sowie Existenzgründer in Deutschland. Es gibt keinen Branchenausschluss und keine Branchenfokussierung, so dass alle Unternehmen gleichermaßen von den Möglichkeiten und Vorteilen einer stillen Beteiligung der MBGen profitieren können. Industriebetriebe sind ebenso wie Handelsunternehmen, Handwerksbetriebe, Dienstleistungsunternehmen oder Unternehmen aus den Bereichen Gartenbau, Verkehr und Gastgewerbe in den Kundenportfolien der MBGen zu finden. Die Finanzierungsanlässe reichen von der Existenzgründung über Wachstumsphasen bis hin zu Unternehmensübernahmen. Neben investiven Maßnahmen können insbesondere auch Markteinführungs- und Innovationsvorhaben, bei denen sich Banken angesichts fehlender Besicherungsmöglichkeiten oftmals schwer tun, mit den stillen Beteiligungen der MBGen langfristig finanziert werden.

Unternehmeredition: Welche Vor- bzw. Nachteile hat eine stille Beteiligung im Vergleich zu anderen Finanzierungsinstrumenten? Mit welchen Kosten ist sie in der Regel verbunden?

Thivessen: Der bloße Abgleich stiller Beteiligungen mit anderen Finanzierungsinstrumenten ist nicht zielführend. Grundsätzlich sind Finanzierungsanlass sowie die aktuelle bzw. künftige Finanzierungsstruktur eines Unternehmens ausschlaggebend für die Suche nach dem „passenden“ Finanzierungsprodukt. Stille Beteiligungen der MBGen sind so ausgestaltet, dass sie als wirtschaftliches Eigenkapital gelten, mit entsprechend positiven Ratingauswirkungen für das Unternehmen. Außerdem bleibt der Unternehmer „Herr im Haus“. Unsere Mitspracherechte beschränken sich auf wenige Vorgänge. Mit einer Laufzeit von i.d.R. 7-15 Jahren bieten stille Beteiligungen eine langfristige Finanzierung und schonen insbesondere in den ersten Laufzeitjahren die Unternehmensliquidität. Die Kosten für eine stille Beteiligung umfassen im Wesentlichen ein festes Jahresentgelt sowie eine variable gewinnabhängige Komponente. Und: Von einer positiven Unternehmensentwicklung profitiert alleine der Unternehmer. Die Rückzahlung der stillen Beteiligung erfolgt zum Nominalwert.

Unternehmeredition: Wie schätzen Sie die Nachfrage aus dem Mittelstand nach MBGen-Finanzierungen im weiteren Jahresverlauf ein?

Reinke: Die Verschärfung der Eigenkapitalregeln für Kreditinstitute durch Basel III wird meines Erachtens dazu führen, dass die Banken und Sparkassen künftig noch stärker auf die Bonität und damit verbunden die Eigenkapitalausstattung ihrer Kunden achten. Auch die mittelständischen Unternehmer haben erkannt, dass sie mit einer guten Eigenkapitalausstattung den notwendigen Spielraum für ihr unternehmerisches Handeln schaffen. Ich gehe daher davon aus, dass die gute Nachfrage nach den stillen Beteiligungen der MBGen auch im weiteren Jahresverlauf und in Zukunft anhalten wird.

Unternehmeredition: Herr Thivessen, Herr Reinke, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.


Zu den Personen: Manfred Thivessen und Armin Reinke
Manfred Thivessen ist Geschäftsführer der Kapitalbeteiligungsgesellschaft für die mittelständische Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen mbH, Armin Reinke Geschäftsführer der Saarlaendischen Kapitalbeteiligungsgesellschaft mbH. Die MBGen sind Kapitalgesellschaften, die öffentlich gefördert werden und ausschließlich und branchenunabhängig in mittelständische Unternehmen in den jeweiligen Bundesländern investieren. www.kbg-saar.de, www.kbg-nrw.de

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