Kreditklemme und Subprimekrise

Seit fast einem Jahr sind die Finanzmärkte im Banne der Subprimekrise.
Seit fast einem Jahr sind die Finanzmärkte im Banne der Subprimekrise. Als die Refinanzierung von Immobilienkrediten geringer Bonität über Kreditverbriefungen austrocknete, gab es Erschütterungen bei vielen Banken und Finanzinstitutionen. Betroffen war nicht allein das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die USA, sondern auch Deutschland und selbst die als Hort der Klugheit und Stabilität angesehene Schweiz. Nun sind alle begierig darauf herauszufinden, wo noch „Leichen im Keller sind“ – also versteckte Verluste noch nicht an die Öffentlichkeit gelangt sind und weitere Abschreibungen drohen. Die bisherigen Abschreibungen sind wahrlich schon erschreckend. Doch die Konsequenzen sind in ihrem vollen Ausmaß noch nicht absehbar.

Das Misstrauen am Finanzmarkt bleibt groß

Eigenkapital ist an vielen Stellen recht drastisch vermindert, teilweise ganz vernichtet worden. Viele Bankmanager mussten gehen. Asiatische und arabische Staatsfonds investierten in einige betroffene Banken und füllten die entstandenen Eigenkapitallücken wieder auf. Aber auch Gelder von Einlagesicherungsfonds und Steuerzahlern wurden für Rettungsaktionen eingesetzt. Doch bis heute ist die Krise nicht ausgestanden. Das Misstrauen in die Partner am Finanzmarkt bleibt groß. Stattdessen müssen die großen Zentralbanken noch immer den Libero spielen und Liquidität in die Märkte pumpen. Insgesamt könnte die Subprimekrise lediglich ein kleiner Teil eines wesentlich größeren Problems und Symptom einer länger zurückreichenden Fehlentwicklung sein: Letztlich hat die Krise ihre Ursache in einer zu reichlichen Liquiditätsversorgung in den USA und in wichtigen Schwellenländern als Reaktion auf den Crash der New Economy. Diese Überversorgung mit liquiden Mitteln führte zu allzu sorglosen Investitionen in Assetmärkte, insbesondere in Immobilien, aber auch zu einer exzessiven Konsumentenfinanzierung. Als Überhitzungserscheinungen sichtbar wurden und die Zinsen ausgehend von den USA stiegen, war die Luft aus den Immobilienpreissteigerungen bereits heraus.

Gravierende Folgen

Nun sind wir in einer ernüchterten Welt: Häuserpreise fallen, die Bauwirtschaft ist in einer Rezession, die Vermögensbasis der Kreditnehmer erodiert, die Kreditgeber werden kritischer und die Risikoaufschläge bei Zinsen steigen. Dies trifft nicht nur die USA, sondern auch andere Märkte wie etwa England, Irland, Spanien oder Australien. Zunehmend spürt auch China die Auswirkungen der Krise. Die Politik, lange Zeit von Sonnenschein verwöhnt – Steuereinnahmen waren gestiegen, Arbeitslosigkeit gefallen -, geriet in Zugzwang. Insbesondere die USA, auf dem Weg zur Präsidentenwahl, griffen ein: Sie senkten rasch die Zinsen und legten ein Programm zur Konjunkturförderung auf. Dies schwächte den ohnehin schon angeschlagenen Dollar noch mehr. Entsprechend teuer wurde der Euro; dies nicht zuletzt deshalb, weil die Europäische Zentralbank (EZB) wegen der hohen Inflation und den Lohnsteigerungen – die drohten, aus dem Ruder zu laufen – eine Zinssenkung für den europäischen Raum ausschloss. Glücklicherweise hat die Konjunkturschwäche in den USA noch nicht auf die großen Schwellenländer übergegriffen, und glücklicherweise sind diese immer öfter bereit, auch ihre Währungen – zur Verminderung der dort deutlich überhöhten Inflation – aufwerten zu lassen.

Auswirkungen auf den Mittelstand

Was bedeutet dies nun für die Finanzierung des Mittelstandes? Zuerst einmal gilt es festzuhalten, dass die Selbstfinanzierungskraft insbesondere der deutschen Unternehmen kaum jemals so hoch war wie heute. Fast alle Firmen können ihre Investitionspläne mit „Bordmitteln“ umsetzen. Sie brauchen hierzu derzeit weder Banken noch die Kapitalmärkte. Nur dort, wo große Investitionen umgesetzt werden sollen oder wo es eine Übernahme zu verwirklichen gilt, wird eine Außenfinanzierung nötig. Die sind angesichts des labilen Aktienmarktes und einer restriktiven Kreditvergabe-Politik der Banken derzeit schwierig. Insbesondere stark kreditfinanzierte Private Equity-Transaktionen lassen sich derzeit kaum umsetzen. Es ist nicht leicht prognostizierbar, wann sich diese Kreditklemme auflöst. Vieles spricht dafür, dass dies länger dauert. Freilich, viele Investoren, darunter auch Staatsfonds, sitzen auf großen Beträgen anlagebereiter Mittel. Erste Enttäuschungen der Staatsfonds nach den früh gemachten Eigenkapitalhilfen an amerikanische und Schweizer Banken werden fürs erste Zögerlichkeit bei den Investitionen bewirken. Hier muss allerdings das nötige Vertrauen wieder hergestellt werden. Bis auf weiteres dürfte für den größten Teil des Mittelstandes die Finanzierung kurzfristig anstehender kleinerer Investitionen kein Problem sein.

Fazit:
Der Mittelstand besitzt viele Eigenmittel und hat meistens komfortablen Zugang zu Krediten. Nur in wenigen Fällen führen die Aufschläge bei den Kreditkonditionen zu einer ernsthaften Belastung von Unternehmen. Bei innovativen Formen der Mittelstandsfinanzierung, etwa bei Mezzanine-Kapital, wird es freilich eine zeitlang noch Beeinträchtigungen geben. Sicherlich gilt es, auch bei solchen Instrumenten mit mehr Transparenz und besserem Risikomanagement die Vertrauensverluste zu überwinden. Professionellere Regulatoren, die Trennung von Spreu und Weizen bei den Risikomanagern von Banken und erfahrene Finanzfachleute in den Unternehmen sollten helfen, die Klemme am Kapitalmarkt zu überwinden.

Autorenprofil

Dr. Norbert Walter (norbert.walter@db.com) ist seit 1990 Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe. Seit 1992 leitet er als Geschäftsführer die "Denkfabrik" Deutsche Bank Research, die Trends in Wirtschaft, Gesellschaft und Finanzmärkten analysiert. Die Deutsche Bank beschäftigt rund 70.000 Mitarbeiter in 76 Ländern und erzielte 2007 einen Gewinn vor Steuern in Höhe von 8,7 Mrd. Euro. www.norbert-walter.de, www.deutsche-bank.de

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