Funke zündet noch nicht

Kabel Deutschland gab sich erst gar keine Mühe, eine zu kreieren; die von Brenntag („Wachstum und Robustheit“) wirkte einstudiert; Tom Tailors Mode ist anziehend, die Erlösverwendung dagegen wenig inspirierend (Bilanzsanierung). Am interessantesten kam da ausgerechnet der Badarmaturenhersteller Joyou rüber, im Gegensatz zu den Vorgenannten ein typisch mittelständisches Unternehmen – allerdings kein deutsches, sondern ein chinesisches. Hier stellt sich die Frage: Wo sind die deutschen „Hidden Champions“?

Pro-Argumente sollten gewichtiger sein

Das absolute Gros deutscher Unternehmen zählt zum sogenannten „Mittelstand“ – ein Begriff, der aufgrund seiner Relevanz sogar Eingang in die angelsächsische Sprache fand. Daher ist erstaunlich, dass dieser deutsche Mittelstand an der Börse nicht maßstabsgerecht repräsentiert ist, nicht zu vergessen in den Medien, in denen häufig nur die 30 DAX-Titel im Rampenlicht stehen. Die Contra-Börse-Argumente typischer Mittelstandsunternehmen sind allerdings verzerrt durch gewisse Vorurteile, so beispielsweise zum Regulierungsniveau börsennotierter Unternehmen, den Kosten eines Listings oder der Autonomie. Dass diesen – größtenteils nur – gefühlten Nachteilen mindestens ebenso gewichtige Pro-Argumente wie die Stärkung der Eigenkapitalbasis, eine nicht unbeträchtliche Steigerung des Bekanntheitsgrads oder die mögliche Beteiligung der Mitarbeiterschaft an der Firma gegenüberstehen, wird gerne übersehen.

Refinanzierungsoptionen plötzlich gefragt

Gerade in den letzten zwei Jahren zeigte sich, wie wichtig die Möglichkeit zur Refinanzierung sein kann, ohne auf eine einzige Quelle – häufig nur die Hausbank – angewiesen zu sein. Banken reduzierten noch im 4. Quartal 2009 die Kreditvergabe an Firmen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um weitere 3%. Gleichzeitig drückt es bei vielen deutschen Unternehmen: Rund jedes dritte arbeitet mit einer Eigenkapitalquote unterhalb der als kritisch angesehenen Marke von 10%. Nun, da auch das Börsenumfeld gerade deutlich vom Schrecken der Jahre 2007 und 2008 verloren hat, gewinnt auch die Option Börsengang spürbar an Bedeutung, unterstreicht Andreas Schmidt, Vorstand der Bayerischen Börse, im Rahmen der finanzwirtschaftlichen Vortragsreihe Finance Experts Speaker Series beim Zentrum für Weiterbildung und Wissenstransfer (ZWW) an der Universität Augsburg. Schmidt betont dies nicht, weil man dies von einem Börsenchef naturgemäß erwarten würde, sondern weil er weiß, dass ein ordentlich durchgeführter Börsengang einen Vorlauf von mindestens sechs, eher zwölf Monaten erfordert. Und wer kann schon sagen, wie das Börsenumfeld in einem Jahr aussehen wird? – besser also, man macht seine Hausaufgaben beizeiten, um für den Fall der Fälle, sofern die Option einmal ernsthaft in Erwägung gezogen wurde, gewappnet zu sein. So erklärt sich schnell, weshalb derzeit erst die Private-Equity-gestützten Firmen Kabel Deutschland, Brenntag und Tom Tailor vor Ostern an die Börse stürmten, während auf einen deutschen Mittelständler weiterhin gewartet wird: Im ersten Fall sind Profis am Werk, die möglicherweise schon den 15. Börsengang betreuen; im anderen Fall stehen Managements in der Verantwortung, die erst noch den zeitraubenden Weg der Überzeugungsarbeit durchlaufen.

Dürftige Performance PE-finanzierter Firmen

Private-Equity-beladene Gesellschaften, die in den letzten fünf Jahren hierzulande an die Börse kamen, entwickelten sich nicht nur in absoluten Zahlen ziemlich dürftig, sondern auch im Vergleich zu ihren relevanten Indizes. Wenige Ausnahmen wie Wacker Chemie bestätigen die Regel. Meistens waren entweder die Ausgabepreise überzogen (offenkundig das naheliegendste), es kündigten sich weitere Alteigentümerabverkäufe an oder beides. Weder die bisherigen Eigentümer noch die Unternehmen machten damit Werbung in eigener Sache.

„Börsengang light“ oder „Safe IPO“

Die vermeintlichen Nachteile Kosten, Mitbestimmung etc. sind nicht zu leugnen, allerdings meistens nicht so gewichtig, wie von den Verantwortlichen befürchtet. Vor allem die Einstiegssegmente Entry Standard (Frankfurter Börse) und m:access (Börse München) sind auch für den schmalen Geldbeutel sowohl bei den Einmal- als auch den Folgekosten „erschwinglich“. Nationale größere Unternehmen sind im General Standard und international tätige im Prime Standard am besten aufgehoben. Diese bringen zweifellos höhere Kosten mit sich, allerdings müssen diese auch ins Verhältnis zu den Unternehmensumsätzen gestellt werden. Die einfachste Option zu einem „Being Public“ ist jedoch die simple Notierungsaufnahme, d.h. ein Börsengang ohne Kapitalmaßnahme. Dazu benötigt es abgesehen von den erforderlichen rechtlichen Voraussetzungen kaum mehr als einen Skontroführer und einen Antragsteller. Einmal börsennotiert, kann eine Kapitalmaßnahme jederzeit später durchgeführt werden. Dann allerdings mit etwas mehr Aufwand, sofern ein Emissionsprospekt nicht schon beim Listing erstellt wurde. Diese Variante wurde aufgrund ihrer einfachen Durchführbarkeit als „Börsengang light“ oder „Safe IPO“ bekannt.

Ausblick
Der Kapitalmarkt hat schon seit einiger Zeit wieder „geöffnet“, allein der deutsche Mittelständler lässt sich noch nicht blicken. Zu befürchten ist, dass viele aufgrund des verbesserten Börsenumfelds erst jetzt mögliche IPO-Pläne in Angriff nehmen – und bis zum Tag X womöglich ein schon wieder gänzlich anderes Umfeld vorfinden. Deshalb ist dringend zu empfehlen, etwaige Börsenpläne nicht vollständig wieder in den Schubläden verschwinden zu lassen, sondern auf „Standby“ zu bleiben, um relativ kurzfristig – „opportunistisch“ – reagieren zu können. Die eingangs erwähnten und in einer beispiellosen Hast allesamt vor Ostern durchgepressten Börsengänge haben dies lehrbuchmäßig vorgeführt. Nun wünschen sich Investoren zur Abwechslung aber auch mal Kandidaten mit einer richtig interessanten Wachstums- oder Nischenstory – im deutschen Mittelstand soll es so etwas Ungewöhnliches gerüchteweise ja geben.

Falko Bozicevic
fb@goingpublic.de

Autorenprofil

Falko Bozicevic ist Chefredakteur des GoingPublic Magazins sowie des Anleihe-Portals BondGuide. Seine Schwerpunkte liegen vor allem auf makroökonomischen Themen sowie Investment-Fragen rund um IPOs, Anleihen und Fonds.

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