Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) verzeichnet im Dezember einen deutlichen Anstieg der Firmenpleiten in Deutschland. Nach Angaben des Instituts lag die Zahl der Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften bei 1.519 Fällen. Dieser Wert entspricht einer Steigerung von 17% gegenüber dem Vormonat November. Im Vergleich zum Dezember 2024 stieg die Zahl um 14% an. Laut dem IWH liegt dieser Wert sogar 75% über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Im gesamten Jahr 2025 wurden insgesamt 17.604 Insolvenzen registriert. Das ist nach Angaben der Forscher der höchste Stand seit zwei Jahrzehnten. Selbst im Krisenjahr 2009 lag die Zahl mach Angaben des IWH um fünf Prozent niedriger. Steffen Müller vom IWH erklärt dazu, dass die Nachholeffekte der Pandemie an Kraft verloren haben. Die hohen Zahlen spiegeln laut dem Experten die gegenwärtigen wirtschaftlichen Herausforderungen in Deutschland wider. Er betont jedoch auch, dass Insolvenzen notwendige Marktbereinigungen darstellen und Raum für zukunftsfähige Betriebe schaffen.
Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Strukturkrise im Mittelstand

Die Transformationsberatung Falkensteg stellt für das Jahr 2025 einen weiteren Anstieg der Großinsolvenzen fest. Betriebe mit einem Jahresumsatz von über 10 Mio. EUR meldeten laut der Analyse in 471 Fällen Insolvenz an. Das entspricht nach Angaben des Unternehmens einem Zuwachs von rund 25% gegenüber dem Vorjahr. Besonders betroffen waren laut der Studie Metallwarenhersteller mit 65 Fällen und Automobilzulieferer mit 59 Fällen. Auch die Elektrotechnik verzeichnete mit 53 Insolvenzen einen deutlichen Anstieg. Jonas Eckhardt, Partner bei Falkensteg, bezeichnet den Zustand des Mittelstands als „fieberhaft“. Die Ursachen liegen nach seinen Angaben in einer tiefen Strukturkrise und einer ausgeprägten Konsumzurückhaltung. Hinzu kommen seiner Ansicht nach geopolitische Unsicherheiten durch die Trump-Administration und der Wettbewerb durch China. Laut dem Experten entwickelt sich der zyklische Abschwung für viele Betriebe zu einer existenziellen Überlebensfrage. Für das Jahr 2026 erwartet die Beratung eine weitere Zunahme der Großverfahren um bis zu 20%.
Metallindustrie überholt Automobilsektor
Erstmals führen die Metallwarenhersteller das Insolvenzranking der Großunternehmen an. Nach Angaben von Falkensteg stieg die Zahl der Fälle in dieser Branche um 35% auf 65 Meldungen. Die enge Verflechtung mit der Automobilindustrie und der Wettbewerbsdruck aus Asien belasten die Betriebe. Laut der Analyse fluten massive Überkapazitäten den Weltmarkt und lassen heimische Marktanteile erodieren. Die Produktion in der Elektrotechnik ist laut der Studie auf das Niveau von vor über zehn Jahren zurückgefallen. Nach Einschätzung der Experten gerät das Geschäftsmodell des deutschen Maschinenbaus ins Wanken. Dr. Florian Harig, Partner bei Anchor, warnt vor einer weiteren Verschärfung durch technologische Rückstände. „Viele Unternehmen haben den Anschluss bei der Digitalisierung und der Umstellung auf effiziente Prozesse verpasst, was sich nun in den steigenden Fallzahlen spiegelt“, erklärt der Insolvenzrechtler. Er sieht in der aktuellen Welle auch eine Bereinigung, die vor allem wenig innovative Betriebe trifft.
Relative Stabilität im Konsumsektor

Im Einzelhandel zeigt sich laut der Analyse von Falkensteg ein heterogenes Bild. Die Insolvenzen in diesem Bereich gingen 2025 um rund 10% zurück. Nach Angaben der Berater ist die Marktbereinigung im Handel weitgehend abgeschlossen. Im Gegensatz dazu stiegen die Pleiten bei Herstellern von Nahrungs- und Konsumgütern um etwa 30% an. Das veränderte Kaufverhalten der Verbraucher setze der Branche zu. Die wachsende Sparmentalität führt dazu, dass Konsumenten vermehrt zu günstigeren Alternativen greifen. Dennoch liegen die Antragszahlen laut Falkensteg weiterhin unter dem Niveau der Coronajahre. Die verbleibenden Unternehmen im Handel seien durch Effizienzsteigerungen inzwischen stabiler aufgestellt. Dr. Harig sieht hier jedoch nur eine vorübergehende Beruhigung. „Die Konsumstimmung bleibt fragil, und steigende Kosten könnten die gerade erst gewonnenen Spielräume der Händler schnell wieder zunichtemachen“, sagt der Restrukturierungsexperte voraus.
Immobiliensektor weiter in Schieflage

Die Vorzeichen für den Immobilienmarkt sind trübe, denn er braucht eine wachsende Wirtschaft damit die Flächennachfrage steigt. „Auf ein erneutes deutliches Sinken der Zinsen braucht der Markt nicht zu hoffen. Allein die zusätzliche Kreditaufnahme des Bundes zur Finanzierung des milliardenschweren Infrastrukturprogrammes wird die langfristigen Zinsen eher steigen als fallen lassen“, sagt Immobilienexperte Sebastian H.Lohmer. Dem Büromarkt fehle die Kauflust der offenen Immobilienfonds (OIF) die lt. BVI-Statistik fast die Hälfte ihrer Mittelzuflüsse von 2010 bis 2020 in deutsche Bürogebäude investiert hatten. Heute seien diese Fonds eher Verkäufer, da Mittelzuflüsse fast völlig versiegt sind. „Die erwartete Erholung bleibt aus – die Immobilienkrise hält an. Die Hoffnung auf eine schnelle Trendwende ist der Ernüchterung gewichen. Der Markt verharrt 2026 in einer Seitwärtsbewegung mit anhaltendem Druck und die Krise der Branche verlagert sich nun mehr und mehr auf Bestandsobjekte“, so Nicole Riedemann, Partnerin bei Anchor. Kreditinstitute würden unter einer deutlich verschärften Aufsicht leiden. Diese härtere Bankenaufsicht sowie NPLs in ihren eigenen Büchern zwinge die Mehrzeit der deutschen Kreditinstitute zu konservativeren Risikobewertungen und höheren Eigenkapital-Rücklagen. In der Folge würden Anschlussfinanzierungen immer schwieriger, so die Immobilienrechtsexpertin.
Prognosen für das laufende Jahr

Für das Jahr 2026 erwarten Experten keine unmittelbare Trendwende beim Insolvenzgeschehen. Der Kreditversicherer Allianz Trade prognostiziert für Deutschland rund 24.500 Fälle. Das entspräche nach Angaben der Analysten einem leichten Anstieg um 1% gegenüber dem Vorjahr. Laut der Studie liegen die Fallzahlen damit so hoch wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Auch die Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnet nicht mit stagnierenden Zahlen. Nach Angaben von Patrik-Ludwig Hantzsch sind viele Betriebe hoch verschuldet und kämpfen mit bürokratischen Hürden. Die IWH-Frühindikatoren deuteten ebenfalls auf weiterhin hohe Werte im ersten Quartal 2026 hin. Sarah Wolf blickt mit Sorge auf mögliche Dominoeffekte. „Sollte die globale Nachfrage weiter schwächeln, werden wir 2026 eine Kaskade von Insolvenzen sehen, die auch bisher als sicher geltende Zulieferketten zerreißt“, warnt sie abschließend. Eine Entspannung wird von den meisten Forschungsinstituten erst für das Jahr 2027 in Aussicht gestellt.






