Sixt AG (Ausgabe 1/2008)

 

Erich und Regine Sixt sind Familienunternehmer. Das beteuern beide und führen ihre Firma auch so. Wenngleich die Sixt AG längst zu den 100 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands zählt. Mit Charme und Provokation („Neid und Missgunst für 99 Mark am Tag“) gelang es Sixt, zu Deutschlands größtem Autoverleiher aufzusteigen.

Erich und Regine Sixt sind Familienunternehmer. Das beteuern beide und führen ihre Firma auch so. Wenngleich die Sixt AG längst zu den 100 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands zählt. Mit Charme und Provokation („Neid und Missgunst für 99 Mark am Tag“) gelang es Sixt, zu Deutschlands größtem Autoverleiher aufzusteigen.

Die Anfänge im Heuschober
Wäre sie nicht eine Spur zu teuer angezogen, würde man ihr die Nummer mit der Rezeptionistin glatt abnehmen. „Auf wen warten Sie, wen dürfen wir anmelden?“, fragt die Frau im französischen Designerkleid in leicht münchnerischem Dialekt. Das ist Regine Sixts Spezialität, das macht ihr Spaß. Überall im Unternehmen aufzutauchen, wo man es gerade nicht vermutet. Sie ist in dem Familienunternehmen Sixt für die PR zuständig und führt den Titel Executive Vice President Marketing auf der Visitenkarte. Erich Sixt, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender, kümmert sich lieber um Kunden, Produkte und Zahlen. Mit drei Mercedes gründete sein Großvater Martin Sixt den ersten Autoverleih Deutschlands. Der Vater Hans übernahm die drei Wagen, die er vor den Kriegswirren im Heuschober des eigenen Bauernhofes versteckt hatte.

Vom Studienabbrecher zum Senkrechtstarter
Erich Sixt, geboren am 25. Juni 1944 in Wien, brach im Alter von 25 Jahren sein BWL-Studium ab, um die kleine Autovermietung „Bavarian Travel“ des Vaters in München zu übernehmen. Der Familienunternehmer hat daraus mit weltweit 1.564 Vermietstationen eines der 100 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland gebaut. Sixt ist heute der größte Autoverleiher des Landes, der einzige konzernunabhängige dazu, erst recht der Bekannteste. In den 70er Jahren schaffte er es eigenen Worten zufolge, schnell und flächendeckend an allen deutschen Flughäfen und anderen Verkehrsknotenpunkten präsent zu sein. Mit der Kampagne „Mercedes zum Golfpreis“ in den 80er Jahren positionierte er das Unternehmen zum Premium-Verleiher, auch indem er den Anmiet- und Abgabeprozess beschleunigte. Vor fünf Jahren hat Sixt seine Unternehmenszentrale nach Pullach verlegt – in einen futuristischen, dreistöckigen Flachbau, der von außen durch seine Farbe auffällt: das unverkennbare Sixt-Orange. Das frühere Headquarter, eine alte Villa auf der anderen Seite des S-Bahnhofs Höllriegelskreuth, war zu klein geworden. Im neuen Hauptquartier haben nicht nur die mittlerweile 400 Beschäftigten mehr Raum.

Tabubrecher und PR-Profi
Zu der Prominenz des Firmennamens trägt auch die oft witzige, aber auch aggressive Werbung bei. Erich Sixt selbst soll bei den Sitzungen mit seinen Werbern oft im Chefsessel sitzen. So war eine der ersten prämierten ganzseitigen Tageszeitungsanzeigen aus den 70er Jahren die mit der aus dem Fenster lehnenden Unsympathin. Der fiel vor Staunen fast das Gebiss aus dem Antlitz, als sie den jungen Studententyp mit dem Porsche davon flitzen sah. „Neid und Missgunst für 99 Mark am Tag“, stand unter dem Firmenlogo. So scheint er es auch mit der gesamten Firmenkommunikation zu halten: Solange die Öffentlichkeit über die Provokationen des Aufsteigers moralisiert, ist die Welt für Sixt in Ordnung: je mehr Neid und Missgunst, desto besser. Als er Angela Merkel mit zersauster Sturmfrisur abbildete, diskutierte die ganze Republik: Darf der das? Die Kanzlerin machte gute Miene zum durchschaubaren Spiel. Sixt lud sie zur Entschädigung zur Spritztour ins Cabrio – PR-Aktion gelungen. Die gleiche Masche hatte er zuvor mit Fulda abgezogen: Als „deprimierendsten Ort Deutschlands“ hat er die Bischofsstadt in einem Spot verhöhnt. Die Lokalprominenz rastete aus. Sixt leistete brav Abbitte und lachte sich ins Fäustchen ob des Medienrummels. Gegenüber der Unternehmeredition sagt Erich Sixt, wichtig sei ihm bei seiner Werbung nur: „Gleichgültig darf sie niemanden lassen. Dann würden wir etwas falsch machen.“

Auf der Überholspur
Dass er im Jahr 2007 nicht viel falsch gemacht hat, belegt die Bilanz. Bessere Geschäfte mit Mietwagen sowie mit Leasingfahrzeugen haben dem Autovermieter ein Spitzenjahr beschert. Sixt ist fast besessen davon, den europäischen Marktführer Europcar zu überholen. Der Vorsteuergewinn erhöhte sich um 13% auf 137,7 Mio. Euro; netto blieben 93,6 Mio. Euro in der Kasse, ein sattes Plus von 27%. Der Umsatz aus Vermiet- und Leasinggeschäften legte um 14% auf 1,38 Mrd. Euro zu. Der Marktanteil im Inland legte auf 29% (Jahr 2006: 27%) zu. Für 2008 kündigte Sixt weitere Steigerungen an. Der operative Umsatz, also ohne den Verkauf gebrauchter Leasingautos, werde wachsen. Der Vorsteuergewinn solle ebenfalls zulegen, auch wenn die Kosten stiegen, vor allem für den Fuhrpark. Sixt ist dem Vernehmen nach größter Mercedes-Händler der Welt. 20.000 Fahrzeuge bestellt er bei den Schwaben jedes Jahr. Auftragswert: eine halbe Mrd. Euro. Entsprechend hoch sind die Rabatte. An die 30%, munkelt die Branche. Die Finanzwelt jedenfalls ist augenblicklich voll des Lobes für Sixt. Nahezu alle Analysten stufen die Aktie auf Buy ein. „Werden Sie Sixt-Aktionär“, sagt er dem Besucher, „weil unsere Aktie derzeit drastisch unterbewertet ist, wenn man die Ertragskraft und die Wachstumspotenziale unseres Konzerns in Rechnung stellt.“

Wer Erich Sixt Paroli bietetWer sich mit ihm trifft, spricht mit einem ruhigen, offenen, ehrlichen, aber keinesfalls zurückhaltend wirkenden Geschäftsmann. „Ich muss nicht vorsichtig sein“, sagt er und lächelt. 67% der stimmberechtigten Anteile an der Sixt AG hält er selbst. Wer soll da reinreden? Finanzvorstand Karsten Odemann macht brav seinen Job, genauso wie die beiden anderen Spitzenleute Detlev Pätsch und Hans-Norbert Topp. Damit der manchmal ruppige Vorstandsvorsitzende aber dennoch einen streitbaren Counter-Part hat, hat er sich als Aufsichtsratschef Kajo Neukirchen in die Firma geholt. Der ehemalige Vorstandsboss der früheren Frankfurter Metallgesellschaft, inzwischen GEA Group AG, gilt als einer der größten Rambos unter den Top-Wirtschaftsführern der Republik – im Umgang mit Geschäftspartnern wie Mitarbeitern. Er hat Stimme und Ellbogen, Sixt zuzuflüstern, wenn etwas schief läuft. Solche Traute braucht man als Aufseher eines Erich Sixt’ auch.

Waschechter Familienunternehmer
Dennoch hält er sich für einen waschechten Familienunternehmer. Die seien „oftmals der Garant, dass langfristig und damit nachhaltig gehandelt wird und dass nicht das an der Börse verbreitete Quartalsdenken vorherrscht“, schimpft er. Familiengeprägte Unternehmen und Börse seien aber kein Widerspruch, wie Sixt seit Jahren beweise, sagt er im Gespräch. Dennoch müssten sich seine beiden Söhne, die ihren Masterabschluss in Wirtschaftswissenschaften im Ausland gemacht haben, ihre Stellung im Unternehmen erst noch erarbeiten – weswegen Erich Sixt nicht vom Ruhestand redet und davon auch nichts hören will. Konstantin ist Geschäftsführer der neuen Internetplattform Carmondo.de, die zur Sixt-Gruppe gehört. Alexander arbeitet als Unternehmensberater für Roland Berger.

Erich Sixts Mitarbeiter, das bestätigen viele, ermutigt er, wie Familienunternehmer zu handeln. „Dazu gebe ich ihnen den notwendigen Freiraum.“ Wer bei seiner Geschwindigkeit und seinem Elan mithält, der kann es weit bringen im Familienkonzern. Aber Zögerlichkeit hasst er, was die Belegschaft zuweilen zu spüren bekommt: „Ich bin sicher niemand, der sich in Geduld übt, wenn Dinge erledigt werden müssen.“

Thomas Grether

Kurzprofil: Sixt AG
Gründungsjahr: 1912
Branche: Autovermietung
Unternehmenssitz: Pullach bei München
Umsatz 2007: 1,57 Mrd. Euro
Internet: www.sixt.de