Ruhe nach dem Übernahme-Krimi

Serie Unternehmerdynastien: Schaeffler Gruppe

Puma und Adidas sind Marken mit einer Bekanntheit rund um den Globus. Aber wer kannte vor drei Jahren den großen Nachbarn der beiden Sportartikelkonzerne im fränkischen Städtchen Herzogenaurach – die Schaeffler Gruppe? Sie ist eines der 50 größten Unternehmen Deutschlands, stellt als Autozulieferer z.B. Nadelkränze, Vierpunktlager, Zylinderträger, Spannhülsen und nicht zu vergessen Axial-Radial-Rollenlager her. Die Reihe ließe sich weit fortsetzen – 40.000 Artikel umfasst der Katalog, der dick wie zwei Telefonbücher ist. Vieles davon findet sich später einmal in Autos wieder und erfreut den Fahrer, wenn zum Beispiel der Schaltknüppel weich einrastet. Die Firmeninhaberin wusste um die Glanzlosigkeit von dem, was ihre Angestellten täglich produzieren. „Ein Wälzlager schenkt nun mal keiner seiner Frau zu Weihnachten“, begründete Maria-Elisabeth Schaeffler in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ den Unbekanntheitsgrad des Konzerns. Zudem unterlag die Schaeffler KG als Familienunternehmen mit persönlich haftenden Gesellschaftern weniger strengen Publizitätspflichten.

Schaeffler greift nach Continental
Doch seit dem 15. Juli vor drei Jahren kennt jeder, der Zeitung liest, den Namen Schaeffler. Damals wurde Maria-Elisabeth Schaeffler quasi über Nacht bundesweit prominent. Denn die heute 69-Jährige wollte aus dem mittelständischen Autozulieferer Schaeffler KG einen Weltkonzern formen. Durch die feindliche Übernahme des Konkurrenten Continental aus Hannover sollte Schaeffler zum drittgrößten Autozulieferer der Welt aufsteigen. Die Schaeffler-Gruppe meldete damals einen Umsatz von knapp 9 Mrd. EUR. Der DAX-Konzern Continental war dreimal größer. Die Schaeffler KG hatten Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr 47-jähriger Sohn Georg junior nach dem Tod von Georg senior 1996 geerbt. So lief der Geheimplan der Maria-Elisabeth Schaeffler namens „Paul kauft Emma“: Um die Meldepflicht aus dem Aktiengesetz zu umgehen, erwarben Banken Continental-Aktien. Schaeffler hielt darauf Optionen, blieb ansonsten aber im Hintergrund. Im Juli 2008 wähnten sich beide am Ziel und gaben sich zu erkennen. Über die Optionen der Banken hatte Schaeffler Zugriff auf gut 36% von Continental und war damit größter Aktionär des Reifen- und Autoelektronikherstellers. Schaeffler unterbreitete den restlichen Aktionären ein Kaufangebot mit dem Ziel, den eigenen Anteil auf knapp 50% auszubauen.
Doch die Lehman-Pleite durchkreuzte die Pläne der Schaefflers jäh. Weltweit stürzten die Kurse ab. Schaeffler wurden viel mehr Aktien angedient als geplant, und die Gruppe musste rund 90% der Continental-Anteile übernehmen – zum Übernahme-Angebotspreis von 75 EUR, obwohl der Kurs auf 20 EUR gefallen war. Quasi über Nacht hatte das Familienunternehmen knapp 11 Mrd. EUR Schulden – bei einem Umsatz, der bis zum Ende des Geschäftsjahres 2009 auf 7,3 Mrd. EUR geschrumpft war, und einem Gewinn von weniger als 400 Mio. EUR. Hinzu kamen die Continental-Altschulden von gut 10 Mrd. EUR. Denn Continental hatte sich selbst sehr verschuldet und die ehemalige Siemens-Tochter VDO übernommen – erst ein Jahr zuvor, im Sommer 2007.

Aufschwung ermöglicht positive Wende

Doch manchmal siegt auch mutiges Abwarten. Schaeffler hat dank sprudelnder Gewinne in diesem Jahr keinen Kummer mehr mit seinem milliardenschweren Schuldenberg. Das boomende Geschäft mit der Autobranche und der Industrie machte den fränkischen Konzern 2010 so profitabel wie noch nie und beförderte ihn trotz Belastungen durch die Beteiligung am Autozulieferer Continental zurück in die schwarzen Zahlen. Maria-Elisabeth Schaeffler schreibt den Erfolg ihren Mitarbeitern zu und der Tatsache, ein Familienunternehmen zu sein. „Als Familienunternehmer hängt das Herz und die Seele an dem Unternehmen, und das Handeln ist darauf gerichtet, die Sicherheit und die Zukunft des Unternehmens und der Menschen zu wahren, die hier ihren Arbeitsplatz haben“, äußert sie sich gegenüber der Unternehmeredition. Schaeffler solle auch im laufenden Jahr stärker wachsen als der Markt und einen Rekordumsatz von mehr als 10 Mrd. EUR erwirtschaften, sagte Vorstandschef Jürgen Geißinger im März dieses Jahres. Das früher verschwiegene Familienunternehmen legte vor drei Monaten erstmals einen umfassenden Geschäftsbericht vor. Die Zinsbelastung für die Kredite und Anleihen sei dank des guten operativen Geschäfts leicht zu schultern, sagte Finanzchef Klaus Rosenfeld. Der Wälzlager- und Kupplungsspezialist hat seine Verbindlichkeiten zuletzt durch den Verkauf eines Continental-Aktienpakets auf 11,6 Mrd. EUR verringert. Die Franken halten nun gut 60% an dem Reifen- und Automobiltechnikspezialisten. Viele Banker erwarten, dass sich Schaeffler von mehr Continental-Aktien trennen wird. Noch in diesem Jahr soll aus der Schaeffler GmbH eine Aktiengesellschaft werden, äußern eingeweihte Banker. Das erschließt neue Finanzierungsquellen, würde aber auch die Möglichkeit schaffen, die Familienholding teilweise oder als Ganzes an die Börse zu bringen.

Georg Schaeffler junior übernimmt langsam das Ruder
Georg Schaeffler junior wurde im Herbst 2010 bei der ersten Aufsichtsratssitzung, die es in dem bislang so verschwiegenen Familienkonzern Schaeffler je gegeben hat, zum Vorsitzenden des Kontrollgremiums gewählt. Seine Stellvertreterin ist Mutter Maria-Elisabeth. Mutter und Sohn begegneten sich dort als Geschäftspartner „mit gegenseitigem Respekt und Hochachtung und meistens einer Meinung“, sagt sie gegenüber der Unternehmeredition. „Mein Sohn und ich übernehmen durch unsere Mitwirkung in der Leitung des Gremiums als Eigentümerfamilie und Gesellschafter in der Tradition des Familienunternehmens wie bisher Verantwortung für das Wohl des Unternehmens, für seinen Erfolg und seine Mitarbeiter.“ Deutschland ohne Familienunternehmer wäre schlicht „bedauernswert“, so Schaeffler weiter. „Denn hinter der vielbeschworenen Familientradition stehen gelebte Werte, die mehr darstellen als die reine Gewinnoptimierung und für Kontinuität, Stabilität und Fortschritt sorgen.“ Mit dem neuen Aufsichtsrat verschiebt sich der Einfluss des Sohnes in eine Richtung, die auch seinem Firmenanteil entspricht. Denn die Witwe des Unternehmensgründers hält nur 20% an der Firma, der Sohn aber 80%. Doch die dominierende, weil die Firma prägende Rolle spielte bisher die Mutter. Der einzige Erbe hatte lange sein eigenes Leben gelebt: Zuletzt arbeitete er als Wirtschaftsanwalt in den USA – fernab vom fränkischen Herzogenaurach. Als die Übernahme des Autozulieferers Continental den Familienkonzern in eine neue Dimension katapultieren sollte, kehrte er zurück in die fränkische Heimat, stand seiner Mutter beratend zur Seite. Und blieb.

Thomas Grether
redaktion@unternehmeredition.de
Kurzprofil: Schaeffler Gruppe
Gründungsjahr: 1946
Branche: Zulieferindustrie
Unternehmenssitz: Herzogenaurach/Bayern
Mitarbeiterzahl: 69.517 (Stand: 17.5.2011)
Umsatz 2010: 9,5 Mrd. EUR
Internet: www.schaeffler-group.com

Autorenprofil

Thomas Grether ist Gastautor.

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