Melitta Bentz machte Kaffee zum Genuss

Serie Unternehmerdynastien: Melitta Unternehmensgruppe

Sie muss eine wahre Genießerin gewesen sein. Der Kaffeesatz in ihrem morgendlichen Kaffee stört Melitta Bentz so sehr, dass sie sich eines Morgens im Jahr 1908 ans Experimentieren macht. Kurzerhand nimmt sie eine alte Blechdose, durchlöchert den Boden mit Hammer und Nagel und legt ihn mit einem passend geschnittenen Löschblatt aus dem Schulheft ihres ältesten Sohnes Willy aus. Kaffeefilter und Filterpapier waren geboren. Am 20. Juni 1908 erteilt ihr das Kaiserliche Patentamt zu Berlin Gebrauchsmusterschutz für einen mit „Filtrierpapier arbeitenden Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem Boden sowie mit schräg gerichteten Durchflusslöchern“. Heute ist die Melitta-Unternehmensgruppe in 18 Ländern aktiv. Der Geschäftsführende Gesellschafter Dr. Thomas Bentz kann sich Zukäufe vorstellen.
72 Reichspfennig Startkapital
Mit bescheidenen 72 Reichspfennigen Startkapital meldet Melitta im Jahr 1908 beim Dresdner Gewerbeamt ein „kaufmännisches Agentur- und Kommissionsgeschäft“ an. Die Filterpapierherstellung beginnt in einem acht Quadratmeter großen Zimmer in der Dresdner Fünfzimmerwohnung der Familie. Ihr Mann Hugo Bentz gibt seinen Beruf als Angestellter in einem Kaufhaus auf. Die Söhne Willy und Horst liefern Filterpapier-Kartons mit dem Bollerwagen aus, der Ehemann führt in Schaufenstern die Handhabung des Kaffeefilters vor. Melitta macht derweil Werbung im Freundeskreis. Sie lädt Freundinnen zum Kaffeeklatsch ein und präsentiert „vollendeten Kaffeegenuss“. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs wird Papier rationiert. Ehemann Hugo muss als Soldat an die Front. Melitta hält mit dem Verkauf von Kartons die Familie über Wasser. Nach Kriegsende wächst die Firma jedoch schnell wieder und die Kapazitäten in Dresden stoßen an ihre Grenzen. Sie kaufen im westfälischen Minden die Immobilie einer Schokoladenfabrik. Am Gründonnerstag 1929 siedelt Melitta mit 55 Mitarbeitern und den vorhandenen Maschinen nach Minden. Seither ist die Weserstadt Hauptsitz des Unternehmens.
Heutige Unternehmensleitung stellt sich Vergangenheit
1932 geht die Mehrheit der Melitta-Werke Aktiengesellschaft an die Söhne Horst und Willy Bentz. Vier Jahre später kommt die heute noch gebräuchliche und weltweit bekannte Filtertüte auf den Markt. Im Zweiten Weltkrieg muss Familie Benz umstellen und nur noch „kriegswichtige“ Artikel wie Munitionsgurte, Pfannen, Töpfe fabrizieren. Die Zeit zwischen 1933 bis 1945 ist ein düsteres Kapitel in der Unternehmensgeschichte. In dem Buch „100 Jahre Melitta“, das zum Jubiläum vor vier Jahren erschienen ist, kann es jeder nachlesen: Die Bentzens stellen sich ihrer auch traurigen und brutalen Geschichte. Im Jahr 2000 beteiligt sich die heutige Unternehmergeneration am Zwangsarbeiterfonds „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ der Bundesregierung. Denn sie haben es von Geschichtswissenschaftlern aufarbeiten lassen: Zur Machtergreifung 1933 tritt Horst Bentz der SS bei, wenige Monate danach der NSDAP, arbeitet sogar für Himmlers berüchtigten Sicherheitsdienst. Nach einem Entnazifizierungsverfahren kehrt Horst 1948 ins Unternehmen zurück. Ursprünglich hatten die beiden Söhne 1932 gemeinsam die Nachfolge ihrer Eltern angetreten. Doch nach 20 Jahren war es mit der Eintracht vorbei. 1952 trennen sich die Wege von Horst und Willy. Willy bekommt die Papierfabrik in Düren bei Aachen und Horst das Melitta-Werk in Minden. Während der 50er und 60er Jahre baut Horst das Kaffeegeschäft aus, steigt in den Verkauf von Haushaltswaren ein und kauft ein Unternehmen nach dem anderen: die Schokoladenfabrik Haller, einen Porzellanhersteller mit der Marke Friesland, den Saftladen Granini und den Zigarrenproduzenten Dannemann. Nach fast 50 Jahren an der Melitta-Spitze übergibt Horst Bentz 1981 die Führung an seine Söhne Jörg und Thomas; später kommt auch sein jüngster Spross Stephan hinzu.
Jero Bentz wird nächstes Jahr Top-Manager
Seit März vergangenen Jahres besteht die Unternehmensleitung aus Dr. Stephan Bentz, Dr. Thomas Bentz und Volker Stühmeier. Stühmeier ist der erste familienfremde Top-Manager der Melitta-Gruppe, nachdem sich Jörg Bentz aus Altersgründen aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hatte. Doch Jörgs Sohn Jero Bentz bereitet sich als Chef der Unternehmensentwicklung gerade darauf vor, im Jahr 2013 in das Spitzengremium aufzusteigen. Das bestätigte der Geschäftsführende Gesellschafter Dr. Thomas Bentz im Gespräch mit der Unternehmeredition, der dann im 68. Lebensjahr ausscheidet. Jero Bentz war zuletzt Geschäftsführender Gesellschafter bei der Werbeagentur Hofmann in Konstanz und hat nach seinem BWL-Studium unter anderem bei der Wirtschaftprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) gearbeitet.
Erlöse steigen um acht Prozent
Heute ist die Unternehmensgruppe Melitta in 18 Ländern vertreten. Die Westfalen entwickeln, produzieren und vertreiben Produkte für die Kaffeezubereitung, die Aufbewahrung und Zubereitung von Lebensmitteln und für die Sauberkeit im Haushalt. Melitta ist mehr als nur Kaffeefilter, dazu zählen auch Haushaltsfolien („Toppits“) oder Staubsaugerbeutel („Swirl“). Die Erlöse legten 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 8% auf 1,4 Mrd. EUR zu. Gewachsen sind die Mindener im vergangenen Jahr beim weltweiten Kaffeegeschäft, mit Kaffeevollautomaten, im Gastronomiegeschäft und mit Industrieprodukten wie Spezialpapier und Lebensmittelverpackungen. Das Geschäft mit Filtertüten geht weltweit zurück – der Umsatz fiel 2011 in diesem Geschäftsfeld um 3%. Kapselsysteme wie Nespresso setzen Melitta zu. Gegen den Trend wuchs das Kaffee- und Filtertütengeschäft in Brasilien, dem zweitwichtigsten Melitta-Absatzmarkt. „Das Wachstum außerhalb Europas gleicht zum Teil Wachstumsschwächen in Europa aus“, sagt Dr. Thomas Bentz. Auch das viel margenträchtigere Geschäft mit der Gastronomie macht dem Familienunternehmen offenbar Spaß, wenngleich „das verbraucherorientierte Konsumgütergeschäft auf den deutlich größeren Märkten stattfindet“, so Bentz.
Das Unternehmen ist gesund; Bentz kann sich eine Akquisition in diesem Jahr „gut vorstellen“. Mehr verrät er nicht. Nur so viel: Bräuchte das Unternehmen hierfür Geld, würde es niemals an der Börse als Aktiengesellschaft Kapital einsammeln. „Wir setzen auf Unternehmensanleihen, Schuldscheindarlehen oder klassische Kredite“, sagte Bentz gegenüber der Unternehmeredition. Zusammen mit den Brüdern das Geschäft zu lenken, ist für ihn Lebensphilosophie. „Familienunternehmer sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft“, so Bentz, der auch einige Jahre die Arbeitsgemeinschaft „ASU – Die Familienunternehmer“ geleitet hat.
Rotationsprinzip in der Unternehmensleitung
Das ungewöhnliche Rotationsprinzip wollen die Brüder zusammen mit ihrem neuen Manger Stühmeier beibehalten: Um den Überblick für alle Unternehmensbereiche zu wahren, wechselt sich die Unternehmensleitung in ihren Zuständigkeitsbereichen ab. „Mein-Dein-Überlegungen gibt es nicht“, erklärt Dr. Thomas Bentz.
Der Markenname „Melitta“ ist heute eine der stärksten Marken überhaupt. Deswegen trauen viele Verbraucher dem Unternehmen auch zu, ganz andere Produkte als die rund um den Kaffee unter dem Markennamen zu verkaufen. „Das aber ist gefährlich“, sagt Bentz, der daran denkt, dass sein Unternehmen in den 80er Jahren eine offensichtliche Fehlentwicklung korrigierte, als Mülltüten oder Staubsaugerbeutel auch unter dem Namen Melitta verkauft wurden. „Dann steht die Marke für alles und nichts. Heute weiß jedes Kind, das Melitta für Kaffeegenuss steht – und sonst nichts.“


Thomas Grether
redaktion@unternehmeredition.de

Melitta Unternehmensgruppe
Gründungsjahr: 1908
Branche: Kaffee und Kaffeezubereitungsprodukte, Haushaltsprodukte; Spezialpapiere und -folien
Unternehmenssitz: Minden
Mitarbeiterzahl: 3.631 (2011)
Umsatz 2011: 1,408 Mrd. EUR
Internet: www.melitta.info