Der „Centaur“ auf dem Weg zum Marktführer

Das Fundament für seinen Erfolg baute Dirk Roßmann mit zwölf Jahren. Damals montierte er sich einen Korb an die Lenkstange seines Fahrrads und belieferte die Nachbarn mit Drogerieartikeln. Mit 14 Jahren kaufte er sich von seinem Ersparten die ersten Aktien, mit 16 eine Zweizimmerwohnung. Dann absolvierte er eine Ausbildung im elterlichen Betrieb als Drogeriekaufmann, um Ahnung von der Warenvielfalt einer Drogerie zu bekommen. Im vergangenen Jahr hat die Drogeriekette Rossmann erstmals in ihrer 40-jährigen Firmengeschichte die Fünf-Milliarden-Umsatzmarke geknackt. Für das Jahr 2012 peilt das Unternehmen mit Sitz in Burgwedel bei Hannover ein Gesamtumsatz von 5,6 Mrd. EUR an.

Mit 25 Jahren ersten Selbstbedienungsladen eröffnet

Der Durchbruch gelang ihm 1972. In Deutschland war gerade die Preisbindung für Drogerieartikel gefallen, und Dirk Roßmann eröffnete mit 25 Jahren seinen ersten Selbstbedienungsladen mit damals konkurrenzlos günstigen Preisen. Bis dahin wurden Drogerieartikel hinter einem Tresen wie in der Apotheke verkauft. Heute betreibt Dirk Roßmann unter dem Markennamen Rossmann – mit zwei s – in sechs europäischen Ländern 2.531 Märkte und beschäftigt rund 31.000 Mitarbeiter. In Deutschland will Roßmann in diesem Jahr 110 neue Verkaufsstellen eröffnen. Dabei sollen rund 1.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Sein Fleiß, aber auch stetes, hartes Verhandeln hat ihn zu einem der 200 reichsten Deutschen gemacht. Das „Manager Magazin“ schätzt sein Vermögen auf 600 Mio. EUR. „Ich war schon immer jemand, der die Dinge durchgezogen hat. Wenn man Erfolg haben will, darf man nicht aufgeben. Ein Unternehmen zu leiten, ist nicht immer Honigbrot essen. Es sind auch oft unpopuläre Entscheidungen erforderlich“, sagt Roßmann gegenüber der Unternehmeredition. Dass er so erfolgreich ist, liegt aber nicht nur an seinem unbedingten Willen zum Erfolg. Roßmann hat in seinen Filialen eine Unternehmenskultur aufgebaut, die Ihresgleichen sucht.

Liebe deinen Nächsten“

Das Bibelzitat „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gefällt ihm, sagt er gegenüber der Unternehmeredition, wenngleich er sich selbst nicht für besonders religiös hält. „Man muss Menschen mögen. Wer das nicht tut, der sollte weder Unternehmer noch Führungskraft werden. Vielen mangelt es einfach an Liebe.“ Liebe sei auch etwas Kreatives, das Energie freisetze. „Das hat mit der Persönlichkeit und der richtigen inneren Einstellung zu tun. Damit meine ich, dass man sich auch für andere Menschen einsetzt.“ Dass seine Mitarbeiter zu Persönlichkeiten reifen, ist ihm Geld und Mühe wert. Professionell und privat interessieren ihn Programme zur Entwicklung der Persönlichkeit und Gruppentherapie. Rossmanns Manager lässt er seit Anfang der 80er Jahre entsprechende Trainings im firmeneigenen Seminarzentrum in der Lüneburger Heide („Rossmann-Waldhof“) angedeihen. Sie nehmen an sogenannten „Rossmann-Jahresgruppen“ teil. Roßmann berichtet: „In diesen gruppendynamischen Kursen wird nach den Grundsätzen der ,Themenzentrierten Interaktion‘ gearbeitet.“ Seine Manager lernten, „in der ersten Person von sich zu sprechen, mit Kritik konstruktiv umzugehen, zu streiten und sich und andere sensibler wahrzunehmen“. Es sei ungeheuer wichtig, dass sich die Mitarbeiter aller Ebenen mit Achtsamkeit und Respekt begegnen. „Unsere Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung und zu kommunikativer Interaktion haben den Geist und das Wesen des Unternehmens nachhaltig geprägt.“

Der Zentaur ist ein Roßmann

Gerne und häufig besucht Rossmann seine Filialen. Dann sieht er von außen das Firmenlogo, in dem ein Zentaur prangt. Wer Roßmanns Sprachwitz kennt, weiß warum. Das griechische Fabelwesen Zentaur ist eine Mischung zwischen einem Ross und einem Mann (Roß-Mann). Tritt er in die Filiale, begrüßt er jeden persönlich, auch den Praktikanten oder die Putzfrau. „Ich möchte allen das Gefühl vermitteln, dass sie wertgeschätzt werden als Person, ich möchte deutlich machen: Ohne euch gäbe es Rossmann gar nicht. Ich bemühe mich, meinen Mitarbeitern stets mit Sensibilität, Achtsamkeit und Empathie zu begegnen“, sagt er. „Vielleicht musste Konkurrent Schlecker auch im vergangenen Januar Insolvenz anmelden, weil die Mitarbeiter nicht wert geschätzt wurden. In den oft winzig kleinen Schlecker-Filialen musste die einzige Angestellte Waren auffüllen und wenn Kundschaft kam, schnell zur Kasse hetzen. Im Schlecker wirkt immer alles billig. Die meisten Filialen sehen heute kärglicher aus die großen Lebensmittel-Discounter vor zehn Jahren. Doch die Kunden heute wollen eine große Produktvielfalt, Beratung und auch schöne, große Läden. Das haben nur dm und Rossmann zu bieten. Aus einer Analyse der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung geht laut „Wirtschaftswoche“ hervor, dass Schlecker in den vergangenen fünf Jahren rund sechs Millionen Kunden verloren hat.“ Rund 40% von Schleckers „verlorenen Umsätzen“ teilen sich laut GfK dm und Rossmann.

Daniel und Raoul Roßmann sollen Chefs werden – irgendwann

Im September vergangenen Jahres wurde Roßmann 65 Jahre alt. Irgendwann will er die Leitung seines Unternehmens den beiden Söhnen Daniel und Raoul anvertrauen, die jetzt 36 und 27 Jahre alt sind. Roßmann will unbedingt Familienunternehmer bleiben. Von der Familie geführt zu werden, habe besondere Stärken, die gerade in der Drogerie-Branche wichtig seien. „Dazu zählen Wendigkeit und schnelle Entscheidungswege. Ich bin daher sehr froh, dass sich meine beiden Söhne entschlossen haben, in der Rossmann-Gruppe mitzuarbeiten und sukzessive in die Verantwortung hineinzuwachsen, während ich selbst noch das Unternehmen führe.“ Um Kapital für seine Expansionspläne zu sammeln, hat er 40% der Unternehmensanteile an die Hongkonger Unternehmensgruppe Hutchison Whampoa verkauft. Ob deren Führungsmannschaft Druck ausübt, weil seine Gewinnmarge gerade mal bei 3% liegt? „Nein“, sagt Roßmann entschieden, „im Management oder in der praktischen Arbeit herrscht null Einfluss. Die Geschäftsführung liegt in meinen Händen und in den Händen der von mir eingesetzten Geschäftsführer.“ Die Gewinnverwendung sei vertraglich geregelt, die Ergebnisse seit vielen Jahren gut, kurzum: „Der Teilhaber ist sehr zufrieden.“

Engagiert gegen „Denglisch“ und Bevölkerungsexplosion

Deshalb kann sich Dirk Rossmann unbesorgt gesellschaftlich engagieren. Der Niedersachse ist Mitbegründer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung mit Hauptsitz in Hannover und Büros in Äthiopien, Kenia und Uganda. Ziel ist es, mittels Aufklärung und Unterstützung bei der Familienplanung das für Roßmann „zentrale Zukunftsproblem des Weltbevölkerungswachstums“ zu lösen. Die International engagierte und von der UNO akkreditierte Organisation verfügt über einen Jahresetat von gut 6 Mio. EUR. Unterstützt wird die Stiftung unter anderem von der Weltbank. Dirk Roßmann ist auch Mitglied im Verein Deutsche Sprache. Für seine Bemühungen, Anglizismen zu vermeiden, wurde er 2006 wurde mit der Auszeichnung Sprachwahrer des Jahres geehrt. Wenn die Redaktion des Kundenmagazins Centaur in ihren Texten „englisches Marketing-Gequassel“ verwendet, wie Roßmann das nennt, gibt es Saures vom Chef.

Thomas Grether
redaktion@unternehmeredition.de

Autorenprofil

Thomas Grether ist Gastautor.

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