„Wir brauchen wieder etwas vom Spirit und von der Begeisterungsfähigkeit der Nachkriegszeit“ (Ausgabe 3/2008)

Interview mit Lothar Späth, Ministerpräsident a.D.

Der CDU-Politiker und Manager Lothar Späth trieb als Ministerpräsident von Baden-Württemberg die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voran und erhielt für den ökonomischen Erfolg den Spitznamen „Cleverle“.

Der CDU-Politiker und Manager Lothar Späth trieb als Ministerpräsident von Baden-Württemberg die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voran und erhielt für den ökonomischen Erfolg den Spitznamen „Cleverle“. Heute referiert er regelmäßig zum Thema „Mittelstand in Deutschland – Mit Dynamik und Kreativität erfolgreich in die Zukunft“. Im Interview spricht er über die Erfolgsfaktoren und Besonderheiten des deutschen Mittelstandes, die Unterschiede zwischen Familienunternehmen und börsennotierten Konzernen sowie die künftigen Herausforderungen.

Unternehmeredition:
Herr Späth, was macht Ihrer Meinung nach den Erfolg und die Besonderheit des deutschen Mittelstandes aus?
Späth: Der Erfolg des Mittelstandes ist in der Tat eine deutsche Besonderheit, eine Art deutsches Signal. Es gibt kein Land, das so einen starken Besatz an Familienunternehmen, vor allem an familieneigenen mittelständischen Unternehmen hat wie die Bundesrepublik Deutschland. Und wenn Sie untersuchen, wer die meisten Arbeitsplätze geschaffen hat, dann können Sie feststellen, dass in den letzten 20 Jahren nicht mehr die Großindustrie die Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen hat, sondern der Mittelstand. Man kann sogar sagen, der Mittelstand hat mehr Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen, als von der Großindustrie abgebaut wurden. Ein anderer wichtiger Aspekt ist der, dass der Mittelstand durch seine Beweglichkeit – mittelständische Unternehmen sind ja so etwas wie Schnellschiffe zwischen den großen Tankern der Wirtschaft – ein Innovations- und ein Ideentempo vorgelegt hat, das uns heute in die Position bringt, nicht nur im Export Weltmeister zu sein, sondern auch bei den Patenten und bei vielen Technologien. Und genau dies ist die konsequente Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung.

Unternehmeredition: Wie unterscheidet sich die Denk- und Handlungsweise eines Familienunternehmers von der eines angestellten Managers in einem börsennotierten Konzern?
Späth: An die Märkte gehen sie in ähnlicher Weise heran. Allerdings treffen Mittelständler die Entscheidungen etwas anders. Der Manager muss im Grunde das Ziel haben, seine Aktionäre zufriedenzustellen – und ist dabei sehr stark auf die jeweiligen Berichterstattungszeitpunkte angewiesen, etwa die der Geschäftsberichte oder der Vierteljahresberichte. Der Mittelständler ist in der Regel jemand, der längerfristig denkt, der vielleicht nicht sofort alle Reserven nutzen und alle Einsätze leisten will, um ganz schnell zum Erfolg zu kommen. Und außerdem ist er in der Regel auch viel stärker seinem Umfeld verbunden als der Großunternehmer: Ein Großunternehmen ist im Grunde genommen ein Staat im Staate, ein ganz eigener Lebensbereich. Der Mittelständler hingegen muss sich immer auch den gesellschaftlichen Gegebenheiten seines Standorts anpassen. Er muss sich um das öffentliche Wohl kümmern und gewisse soziale Leistungen erbringen, wenn er anerkannt sein will. Er ist darauf angewiesen, dass die Arbeitskräfte emotional mit seinem Betrieb verbunden sind und auch mal Überstunden machen, wenn es brennt. Umgekehrt ist er auch jemand, der, wenn er Personal abbauen muss, öfter noch zögert und die Leute behält, auch wenn es für ihn nicht mehr ganz rentabel ist – weil er eben der angesehene Nachbar sein will. Insofern ist der Mittelständler anders getrieben. Er ist eher in Gefahr, zu technologiegetrieben zu sein und zu wenig die rein kaufmännischen Gesichtspunkte zu betrachten. Eine Sache, die in der Regel in Großbetrieben gar nicht stattfinden kann, weil dort die Finanz- und Kontrollleute ganz scharf darauf achten, dass alles optimiert wird, während der Mittelständler sich auch mal in die Technik oder in sein Produkt verliebt – und es sich leisten kann, dass dies auch mal einen Prozentpunkt Rentabilität kostet.

Unternehmeredition: Wie gut ist der Mittelstand für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet?
Späth: Die Risiken werden nicht ausbleiben, aber der Mittelstand ist meiner Meinung nach gut auf die weiteren Auseinandersetzungen vorbereitet. Man sollte ihn im steuerlichen Bereich noch etwas mehr entlasten, man sollte vor allem seine Forschungs- und Innovationsanstrengungen unterstützen, und man sollte darauf achten, dass die Menschen auch ein gutes Klima haben. Im Augenblick habe ich fast die Sorge, dass wir das Unternehmerische zerstören, indem wir den Staat wieder für alles zuständig erklären – und damit das, was den Mittelständler stark macht, gefährden, nämlich seine Beweglichkeit. Um die zu erhalten, braucht er auch Raum, damit er sich bewegen kann. Das betrifft die Finanzierung seines Unternehmens, etwa durch Risikokapitalbereitstellung, und auch das Schaffen eines geeigneten Aktionsumfelds. Da ist der Staat gefordert, mehr in moderne Infrastrukturen zu investieren, beim Kommunikationsnetz genauso wie im Logistikbereich. Aber insgesamt bin ich optimistisch. Allerdings sollten wir möglichst vielen unserer jungen Leute vermitteln, wie wichtig Unternehmertum in unserer Gesellschaft ist. Wenn wir die Zahl der Verwaltungsleute in unserer Gesellschaft nicht verringern und im Ausgleich dazu die der Unternehmer erhöhen, dann wird es nicht gelingen, unsere Gesellschaft so dynamisch zu gestalten, wie wir es brauchen – um wettbewerbsfähig zu sein, aber auch, um den Sozialstaat zu erhalten. Wir Deutschen sollten einen gemeinsamen Wettbewerb daraus machen, technische und innovative Entwicklungen zu schaffen, die dazu führen, dass wir europaweit an der Spitze bleiben. Denn nur mit dem Willen zum Wettbewerb und mit besonderer Anstrengung haben wir die Chance, unsere sozialen Probleme zu lösen. Deshalb brauchen wir ein Klima der Innovation und des Aufbruchs – und weniger Gegeneinander, weniger Verwaltung, weniger administrative Lösungen. Wir brauchen wieder etwas vom Spirit und von der Begeisterungsfähigkeit der Nachkriegszeit.

Unternehmeredition:
Herr Späth, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Zur Person: Lothar Späth
Lothar Späth ist Politiker und Manager. Er war unter anderem langjähriger Ministerpräsident von Baden-Württemberg sowie Vorstandsvorsitzender der Jenoptik AG. Derzeit arbeitet er als Vorsitzender der Geschäftsführung der Investmentbank Merrill Lynch für Deutschland und Österreich und Aufsichtsratsvorsitzender der Holtzbrinck-Verlagsgruppe. Außerdem ist er Mentor des Wettbewerbs „TOP 100 – Die 100 innovativsten Unternehmen im Mittelstand“. www.top100.de.

Autorenprofil
Vorheriger Artikel„Berentzen in fremde Hände zu geben, ist uns nicht leicht gefallen“ (Ausgabe 3/2008)
Nächster Artikel„Der Investor kann als Mediator wirken“