1951 wurde die Firma M. Schreiner, Spezialfabrik für geprägte Siegelmarken und Etiketten, gegründet. Seit 1. September 2012 steht Roland Schreiner in dritter Generation an der Spitze des heute unter dem Namen Schreiner Group firmierenden Familienunternehmens, das mittlerweile einen Jahresumsatz von 125 Mio. EUR erzielt. Die Vorbereitung auf den Führungswechsel erfolgte über Jahre hinweg in vielen Einzelschritten, sukzessive übertrug der bisherige geschäftsführende Gesellschafter Helmut Schreiner die Verantwortung für verschiedene Unternehmensbereiche auf seinen Sohn Roland. Im Interview spricht Roland Schreiner über den Weg in die Geschäftsführung des Familienunternehmens sowie die Chancen und Risiken der Nachfolge. 

Unternehmeredition: Herr Schreiner, die Dachmarke „Schreiner Group“ steht für unterschiedliche Unternehmensbereiche. Wie würden Sie Ihr Geschäftsmodell beschreiben?


Schreiner: Die Schreiner Group ist ein Spezialist für Funktionsetiketten und Selbstklebetechnik. Das übergreifende Element der Gruppe ist, dass wir Etiketten mit sehr speziellen und technisch anspruchsvollen Funktionen herstellen, die in unterschiedlichsten Anwendungen zum Einsatz kommen. Wir sind in einer Matrix-Struktur organisiert, die aus drei marktorientierten Geschäftsbereichen und vier rein technologieorientierten Competence Centern besteht. Die Geschäftsbereiche umfassen Schreiner MediPharm für die Medical-Industrie und die Pharmabranche, Schreiner ProTech für die technische Industrie sowie Schreiner PrinTrust mit Fokus auf Behörden, Banken und Dienstleister. Die verschiedenen Competence Center sind spezialisiert auf Sicherheitstechnologien, RFID (Funketiketten), Gedruckte Elektronik sowie Systemlösungen und Zubehör.

Unternehmeredition: Wie wichtig ist für Sie die persönliche Identifikation mit der Firma? Was unterscheidet einen Familienunternehmer vom angestellten Konzernmanager?

Schreiner: Im Vergleich zu einem angestellten Konzernmanager hat man als Familienunternehmer eine wesentlich stärkere emotionale Bindung zur Firma und verfolgt eine sehr langfristige Perspektive. Für einen Familienfremden ist das Unternehmen austauschbar, ihm fällt es leichter zu wechseln, wenn es schwierige Zeiten gibt. Natürlich ist es ein besonderes Privileg, Familienunternehmer zu sein. Aber es gibt immer zwei Seiten einer Medaille: Einerseits die Chance, ein Unternehmen gestalten, in die Zukunft führen und eigene Ideen umsetzen zu können. Andererseits steht man in voller persönlicher Haftung.

Unternehmeredition: Viele Kinder aus Familienunternehmen überlegen lange, ob sie in die Fußstapfen ihrer Eltern treten oder nicht. Wann war für Sie klar, dass Sie das Unternehmen weiterführen möchten?

Schreiner: In Summe war es ein langer Weg. Man wächst seit der Geburt in ein Unternehmerleben hinein. Aber es ist heute alles andere als selbstverständlich, dass Kinder in Unternehmerfamilien die Nachfolge antreten. Auch wenn ich erst mit 32 den Entschluss gefasst habe, später einmal die Geschäftsführung zu übernehmen, so habe ich mich doch schon viel länger darauf vorbereitet. Nach Abitur und Ausbildung zum Industriekaufmann habe ich Druckereitechnik studiert und ein internationales MBA-Programm angeschlossen. Schließlich stieg ich über ein Trainee-Programm bei der Schreiner Group ein, habe ab 1999 den Geschäftsbereich Schreiner MediPharm weiter ausgebaut und bis September 2011 geführt. In dieser Zeit hat sich MediPharm zu einem internationalen Qualitätslieferanten mit einem Umsatz von rund 70 Mio. EUR und damit zum erfolgreichsten Geschäftsbereich der Schreiner Group entwickelt. Das entscheidende Jahr in Bezug auf die Nachfolge war allerdings 2002, als mein Vater mir die ersten Unternehmensanteile anbot und ich mein Commitment dazu abgegeben habe.

Unternehmeredition: Was waren für Sie weitere wichtige Meilensteine auf dem Weg zur Unternehmensspitze?

Schreiner: Ein wichtiger Meilenstein war, als mir mein Vater im September 2007 die Verantwortung für die gesamte Technik übertragen hat. Das erste Mal in einer Geschäftsleitungsfunktion zu arbeiten, war für mich eine entscheidende Bewährungsprobe. Ich war zwar bereits sehr erfolgreich mit Schreiner MediPharm, aber ich wusste nicht, ob es womöglich einfach nur Glück war. Der Bereich Technik hatte zu dieser Zeit eine Menge Schwierigkeiten, sodass ich mich nach reiflicher Analyse für eine grundsätzliche Veränderung entschieden habe, nämlich Lean Management einzuführen. Diese Entscheidung war verbunden mit einem riesigen Wandel der Unternehmenskultur, der von jedem Mitarbeiter verinnerlicht und gelebt werden musste. Es gab zunächst große Bedenken zu überwinden, denn Lean Management war damals in der Druckindustrie kein gängiges Thema. Ich bin stolz darauf, dass die anfänglichen Skeptiker nach intensiver Überzeugungsarbeit schließlich zu Befürwortern wurden. Letztendlich war dies die entscheidende Maßnahme, um den technischen Bereich wieder nach vorne zu bringen. 2010 habe ich dann die Verantwortung für alle Vertriebsbereiche erhalten und begonnen, die Matrixstruktur mit den Competence Centern einzuführen. In fast jedem Bereich, den ich übernommen habe, gab es Bedarf für Veränderungen, die ich auch durchgeführt habe. Dabei suchte ich zuerst immer das Gespräch mit den Mitarbeitern. So hatte ich die Chance, die einzelnen Bereiche noch näher als bisher kennenzulernen und letztlich auch die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Markus Hofelich, Chefredakteur der Unternehmeredition, im Gespräch mit Roland Schreiner. Bild: Schreiner Group.


Unternehmeredition: Wo sehen Sie die Chancen und Risiken einer langen Einarbeitungsphase im Vergleich zu einem raschen Stabwechsel?

Schreiner: Alles hat seine Vor- und Nachteile, auch dieser Weg. Der Nachteil ist, dass man über einen langen Zeitraum hinweg keine Klarheit über die Verantwortlichkeiten hat. Das bietet Angriffsflächen für Konflikte. Es gibt auch andere Modelle, bei denen der Stabwechsel relativ rasch vollzogen wird, schnell klare Verhältnisse geschaffen werden. Dabei hat der Nachfolger jedoch nicht die tiefen Einblicke ins Unternehmen. Einer der Erfolgsfaktoren bei uns war, dass wir Ende 2010 schließlich einen Stichtag für die Übergabe festgelegt haben, den 1.9.2012. Damit gab es einen festen Termin, der auch im Haus offiziell so kommuniziert wurde, was den Mitarbeitern und mir selbst Sicherheit gegeben hat. Es ist nicht positiv für das Unternehmen, wenn lange Zeit Unklarheit über die Nachfolge herrscht.

Unternehmeredition: Wie ist das Verhältnis zu Ihrem Vater Helmut F. Schreiner? Welche Aufgaben übernimmt er heute?

Schreiner: Mein Vater ist Mehrheitsgesellschafter und stellvertretender Beiratsvorsitzender der Schreiner Group – Funktionen, die er sehr intensiv ausfüllt. Aber wir haben eine klare Geschäftsführerordnung, die alles eindeutig regelt, was abgestimmt werden muss und was nicht. Außerdem ist er Geschäftsführer der Immobilienfirma, die losgelöst von der Gruppe ist, und vertritt die Schreiner Group in Verbänden und Interessengruppen. Wir sind sehr unterschiedliche Charaktere und jeder muss die Firma gemäß seiner Persönlichkeit führen. Dementsprechend gibt es einen großen Wandel im Unternehmen. Generationen unterscheiden sich sehr stark, wenn es um die Führungskultur geht. Deswegen bin ich gerade dabei, gemeinsam mit den Führungskräften ein neues Führungsmodell zu erarbeiten.

Unternehmeredition: Die Schreiner Group sieht sich als wachstumsorientiertes Familienunternehmen. Wie ist die aktuelle Geschäftsentwicklung? Welche Visionen haben Sie für die Zukunft?

Schreiner:
Unser Jahresumsatz liegt bei 125 Mio. EU
R, wir beschäftigen rund 800 Mitarbeiter. 2012 war für uns ein schwieriges Jahr, da es der Automobilbranche als wichtigem Markt für uns nicht so gut ging. Für 2013 haben wir ein moderates Wachstum geplant. Für uns ist sicher die weitere Internationalisierung ein großes Thema, der Exportanteil der Schreiner Group liegt bei mehr als 60%. Bisher sind wir mit einer eigenen Auslandsproduktion seit fünf Jahren in den USA vertreten und planen für 2014 einen weiteren internationalen Produktionsstandort in China. Mit unseren Märkten und Technologien sind wir gut aufgestellt und sehen in allen Segmenten weiterhin großes Potenzial – eine weitere Diversifikation ist deswegen nicht geplant.

Unternehmeredition: Herr Schreiner, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de

Kurzprofil: Schreiner Group GmbH & Co KG
Gründungsjahr: 1951
Branche: Funktionsetiketten
Unternehmenssitz: Oberschleißheim
Mitarbeiterzahl: 800
Umsatz (2012): 125 Mio. EUR
Internet: www.schreiner-group.com