„Es gilt, angeschlagene, aber zukunftsfähige Firmen durch die Krise hindurch zu finanzieren“ (Ausgabe 2/2010)

Interview mit Detlef Hermann, Bereichsvorstand Mittelstandsgeschäft, Commerzbank AG

Die Commerzbank ist seit der Übernahme der Dresdner Bank Deutschlands zweitgrößtes Finanzinstitut. Im Interview spricht Bereichsvorstand Detlef Hermann über die Kreditvergabe der Commerzbank im Mittelstand, die Auswirkungen verschlechterter Ratings sowie den Stand der Integration der Dresdner Bank im Firmenkundengeschäft.

Die Commerzbank ist seit der Übernahme der Dresdner Bank Deutschlands zweitgrößtes Finanzinstitut. Im Interview spricht Bereichsvorstand Detlef Hermann über die Kreditvergabe der Commerzbank im Mittelstand, die Auswirkungen verschlechterter Ratings sowie den Stand der Integration der Dresdner Bank im Firmenkundengeschäft.

Unternehmeredition: Herr Hermann, wird es Ihrer Meinung nach im Laufe dieses Jahres zu einer vielfach befürchteten Kreditklemme kommen?
Hermann: Eine Kreditklemme gibt es derzeit nicht. Eine rückläufige Kreditnachfrage der Unternehmen ergibt sich zwangsläufig aus der schwachen Konjunktur heraus, da die Investitionen bis zu einer Besserung der Lage zunächst zurückgestellt werden. Außerdem hat es der Mittelstand geschafft, als Reaktion auf die Krise ein bemerkenswertes Management des Working Capital aufzubauen. Insbesondere durch eine Reduzierung der Vorräte sowie eine schnellere Aktivierung von Forderungen konnten die Firmen das benötigte Kreditvolumen drastisch reduzieren. Generell ist es natürlich in schwierigen konjunkturellen Zeiten nicht einfach, positive Kreditentscheidungen zu treffen, da sich die Ratings als Grundlage der Kreditvergabe verschlechtern – infolge von Umsatz- und Gewinnrückgängen und schrumpfendem Eigenkapital in den Bilanzen. In einigen Fällen macht sich der Rückzug von Auslandsbanken aus dem deutschen Markt zusätzlich bemerkbar.

Unternehmeredition: Aufgrund der schlechten Bilanzen geraten die Ratings unter Druck. Wie reagiert die Commerzbank darauf?
Hermann: Um in Ergänzung der Ratings als relativ starre, auf bestimmten Kennziffern basierende Systeme die Kreditentscheidung auf eine breitere Basis zu stellen, setzt die Commerzbank als zweites Instrument die „Analyse Zukunftsfähigkeit“ ein. Dabei analysieren wir mit dem Unternehmer dessen künftige Entwicklung und untersuchen das Branchenumfeld, das Geschäftsmodell, die Marktpositionierung, die Marktanteile, die Kostenpositionierung etc. So kann im positiven Fall bei einem Unternehmen, dessen Rating auf rot zeigte, nun eine grüne Ampel für die Kreditvergabe aufleuchten, das heißt wenn die Firma trotz eines verschlechterten Ratings klare Signale für eine positive Zukunft nach der Krise zeigt. Und auf diesem Resultat basiert dann neben dem Rating unsere Kreditentscheidung. Grundsätzlich ist jedes Unternehmen unabhängig von der Situation einer Branche zu betrachten. So ist z.B. anzunehmen, dass es in dem unter Druck geratenen Automotive-Sektor dieses Jahr noch einige Marktaustritte geben wird – zwischen 15 und 20% der Unternehmen sind kritisch zu sehen. Das heißt aber im Umkehrschluss auch, dass 80-85% gestärkt aus der Krise hervorgehen werden.

Unternehmeredition: Wie schätzen Sie die weitere konjunkturelle Entwicklung ein?
Hermann:
Wir sind zwar im Moment noch nicht aus der Krise heraus, sehen aber Licht am Horizont – und sind vorsichtig optimistisch. Das Wachstum scheint sich dieses Jahr zu stabilisieren, aber von einem Tiefpunkt aus und sehr unterschiedlich nach einzelnen Branchen – unsere Volkswirte prognostizieren für 2010 ein Wachstum von etwa 2,25%. Im Laufe des kommenden nächsten Jahres werden dann auch die im Konjunkturzyklus weiter hinten stehenden Branchen nachziehen. Die deutsche Wirtschaft wird dann insgesamt wieder zwar keine überbordenden, aber dennoch stabilen Wachstumsraten aufweisen. Bis dahin gilt es, durch den Nachfrageeinbruch angeschlagene, aber grundsätzlich zukunftsfähige Firmen durch die Krise hindurch zu finanzieren.

Unternehmeredition: Wie entwickelt sich die Kreditvergabe der Commerzbank im Mittelstand?
Hermann: Die Commerzbank wird ihrer Rolle als größter Mittelstandsfinanzierer in Deutschland gerecht. Im Dezember haben wir für den Mittelstand ein 5-Mrd.-EUR-Kreditprogramm ausgerufen, das wir seit Jahresbeginn zur Verfügung stellen. Das zusätzliche Kreditvolumen richtet sich mit Schwerpunkt an mittelständische Firmen mit einem Jahresumsatz zwischen 2,5 und 500 Mio. EUR und kann zur Finanzierung von Betriebsmitteln und Investitionen verwendet werden. Die Kredite werden marktüblich verzinst und an Bestands- sowie an Neukunden vergeben. Insgesamt stellt die Commerzbank deutschen Unternehmen derzeit rund 130 Mrd. EUR an Kreditlinien zur Verfügung. Außerdem gibt es seit März dieses Jahres die Funktion des Sonderbeauftragten des Vorstandes für Mittelstandskredite. Diese Funktion hat Michael Schmid inne. Sie ist Teil unserer Qualitätsoffensive in Sachen Kreditentscheidung. Hier können Kunden bereits abgelehnte Kredite noch einmal hinterfragen und erneut zur Entscheidung vorlegen. Michael Schmid ist auch erster Ansprechpartner in unserem Haus für Hans-Joachim Metternich, den Kreditmediator der Bundesregierung.

Unternehmeredition: Wie schätzen Sie die Bedeutung weiterer Finanzierungsinstrumente neben dem Kredit ein, wie etwa Private Equity, Mezzanine oder Leasing?
Hermann: Infolge der Krise wird natürlich das Eigenkapital zahlreicher Firmen angekratzt. Deshalb glaube ich, dass die Nachfrage nach Private Equity im nächsten Aufschwung steigen wird, um dann Investitionen in die Zukunft mit zu finanzieren. Wir haben über unsere eigene Commerz Beteiligungsgesellschaft bereits mehr als 500 Mio. EUR investiert, aber es ist noch längst nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Leasing wird auch die nächsten Jahre einer der wichtigen Finanzierungsbausteine des Mittelstands bleiben, auch wenn Leasing in der Krise aufgrund rückläufiger Investitionen bislang geringer genutzt worden ist. Bei den großen Standard-Mezzanine-Programmen stehen vielfach Anschlussfinanzierungen bevor. Darauf sind wir vorbereitet.

Unternehmeredition: Wie weit ist die Integration der Dresdner Bank in die Commerzbank in Bezug auf das Firmenkundengeschäft bereits fortgeschritten?
Hermann: Wir sind voll im Plan. Wir haben inzwischen die Firmenkundenbetreuer-Teams der Alt-Dresdner Bank und der Alt-Commerzbank zusammengeführt und auch die komplette Führungsstruktur, also vom Gebietsfilialleiter bis hin zum Berater, steht. Alles wird aus einer Hand gemacht. Jeder Kunde hat seinen Betreuer. Was wir in den nächsten Monaten noch zusammenführen müssen, das ist die EDV. Das ist dann der letzte große Schritt. Insgesamt konnte die Commerzbank durch die Integration der Dresdner Bank die Präsenz in der Fläche erhöhen und die Standorte von 105 auf 160 steigern und ist somit näher beim Kunden vor Ort. Natürlich wurden Doppelungen mit der Dresdner Bank bereinigt. Beide Filialnetze haben sich gut ergänzt. Jetzt sind wir perfekt vertreten.

Unternehmeredition: Herr Hermann, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.

Zur Person: Detlef Hermann
Detlef Hermann ist Bereichsvorstand Mittelstand der Commerzbank AG. Seit Anfang 2009 hält der Bund über den Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (SoFFin) 25% plus eine Aktie an der Commerzbank.
www.commerzbank.de

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