Interview mit Dr. Jürgen Heraeus, China-Sprecher im Asien-Pazifik Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (APA)

China ist der führende Wachstumsmarkt in Asien und für deutsche Unternehmen günstiger Produktionsstandort und wichtiger Absatzmarkt. Im Interview spricht Dr. Jürgen Heraeus, Aufsichtsratsvorsitzender der Heraeus Holding GmbH und China-Sprecher im APA, über weiteres Potenzial im Reich der Mitte, die Rolle Chinas in der eigenen Unternehmensstrategie und die Herausforderung der Produktpiraterie.

China ist der führende Wachstumsmarkt in Asien und für deutsche Unternehmen günstiger Produktionsstandort und wichtiger Absatzmarkt. Im Interview spricht Dr. Jürgen Heraeus, Aufsichtsratsvorsitzender der Heraeus Holding GmbH und China-Sprecher im APA, über weiteres Potenzial im Reich der Mitte, die Rolle Chinas in der eigenen Unternehmensstrategie und die Herausforderung der Produktpiraterie.

Unternehmeredition: Herr Dr. Heraeus, wie bewerten Sie aktuell das Engagement der deutschen Wirtschaft, insbesondere des Mittelstandes, in China? Wird das Potenzial ausgeschöpft?
Heraeus: Seit 2002 ist China zweitwichtigster nicht-europäischer Exportmarkt für deutsche Unternehmen. Deutschland ist insgesamt Chinas größter europäischer Handelspartner. Das zeigt ganz klar, wie gut und wichtig die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen sind. Der Mittelstand spielt dabei eine herausgehobene Rolle. Der Großteil der rund 3.000 in China aktiven deutschen Firmen kommt aus dem Mittelstand. Beispielsweise ist das Reich der Mitte für viele mittelständische Automobilzulieferer ein Schlüsselmarkt, auf die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer entfallen derzeit rund 30% der Anlageninvestitionen dort. Insgesamt sehe ich aber noch viel Luft nach oben. Bisher sind nur 1,5% aller deutschen Direktinvestitionen in China. In den USA sind es knapp 30%. Mit der Kompetenz unserer Firmen bei Energie- und Rohstoff-effizienten Technologien sind wir gefragte Partner – in China wie in allen anderen Schwellenländern auch.

Unternehmeredition: Welche Strategien verfolgen deutsche Unternehmen primär in China? Stehen eher kostengünstige Produktionsstätten oder die Erschließung neuer Absatzmärkte im Vordergrund?
Heraeus: Deutsche Unternehmen investieren in erster Linie in China, weil sie in einem der größten und zugleich dynamischsten Märkte der Welt präsent sein wollen. Deshalb bauen die deutschen Firmen auch bei weiter steigenden Kosten ihr China-Engagement aus. In einer Umfrage der Deutschen Handelskammer in China im August gaben 90% der Mitgliedsfirmen an, ihre China-Präsenz auszubauen. In vielen Branchen wird auf die dynamische Binnennachfrage und nicht auf den Export gesetzt, das gilt auch für unser Unternehmen.

Unternehmeredition: Wie bewerten Sie die Sorge zahlreicher Mittelständler vor Produktpiraterie und Industriespionage bei Kooperationen oder Joint-Ventures in China? Kann man sich überhaupt effektiv davor schützen?
Heraeus: Leider ist China nach wie vor der größte Hersteller von Plagiaten. Der Schaden für deutsche Unternehmen ist nicht nur in Milliardenhöhe zu beziffern. Durch gefälschte Produkte und nachgebaute Maschinen ist auch die Gesundheit von Konsumenten und Angestellten gefährdet. Aber China tut eine Menge, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Immer mehr chinesische Firmen haben ein Interesse an der effektiven Umsetzung der Rechte zum Schutz geistigen Eigentums. Hundertprozentigen Schutz gibt es nicht, auch nicht in anderen Ländern. Eine genaue und gute Wahl des Partners vor Ort ist unerlässlich. Und die Frage der Sicherheit von Technologie spielt natürlich eine große Rolle in den Branchen, wo sich die Firmen zwischen Joint Ventures und sogenannten Wholly Foreign Owned Enterprises frei entscheiden können.

Unternehmeredition: Bisher gilt China ähnlich wie Japan in den 70er Jahren als Billigproduktionsstandort und als eine Wirtschaft, die kopiert, statt eigene Innovationen hervorzubringen. Wann wird uns China bei Qualität und F&E überflügeln?
Heraeus: China ist schon heute nicht mehr das Land von billiger Lowtech-Produktion, sondern in immer mehr Branchen technologisch auf Augenhöhe mit uns. Das sollte uns aber keine Angst machen. Wir sollten lieber auf die Chancen achten, die daraus entstehen. Den Löwenanteil unserer Exporterlöse machen wir gerade auch mit Ländern, die technologisch hoch entwickelt sind. Entscheidend für unsere Zukunft ist aber nicht, was andere Länder machen. Entscheidend ist, wie innovativ wir in Deutschland sind. Ich bin der festen Überzeugung: Wenn wir es schaffen, eine lernende Gesellschaft zu werden – vom Kindergarten angefangen bis zur Weiterbildung gestandener Mitarbeiter in den Unternehmen – und unsere Anstrengungen bei Forschung und Entwicklung fortsetzen, dann werden wir auch in Zukunft ein führender Wirtschaftsstandort bleiben.

Unternehmeredition: Was sind die größten Herausforderungen Chinas? Wie geht die Politik damit um?
Heraeus: Chinas politische Führung hat in der Vergangenheit auf die wirtschaftliche Entwicklung gesetzt und damit die Befreiung von über 200 Mio. Menschen aus der absoluten Armut erreicht. Das war eine Mammutaufgabe, der ich höchsten Respekt zolle. Jetzt setzt die Regierung alles daran, das Wachstum im Land mit allen Aspekten der Nachhaltigkeit zu verknüpfen. Umwelt- und Klimaschutz genießen heute in China hohe Priorität, ebenso wie Energieeffizienz und die Lösung der mit der Verstädterung verbundenen Herausforderungen. Dass die deutsche Industrie gerade zu diesen Herausforderungen positive Beiträge leisten kann und will, ist klar. Natürlich zum beiderseitigen Nutzen.

Unternehmeredition: Welche Rolle spielt China bei Heraeus? Seit wann sind Sie dort vertreten, was waren die Gründe dafür und welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Heraeus: China spielt heute für unser Unternehmen eine ganz herausragende Rolle. Seit 1992 haben wir mit der Gründung einer 100%igen Tochtergesellschaft begonnen, haben Anteile von anderen Unternehmen übernommen und sind heute in China mit 13 selbstständigen Unternehmen vertreten. Wo wir chinesische Partner haben, haben wir diese, bis auf einen, herausgekauft, da sich gezeigt hat, dass wir alleine am schnellsten vorankommen. Wir beschäftigen heute mehr als 2.000 Mitarbeiter in China, stellen fest, dass Shanghai als Produktionsstandort zunehmend teuer – zu teuer – wird. Unser Ziel war es, uns rechtzeitig Marktanteile auf dem chinesischen Markt zu sichern und China nicht als billigen Produktionsstandort zu nutzen. Dennoch exportieren wir in benachbarte Länder, wie z. B. nach Südkorea oder Japan.

Unternehmeredition: Welchen wichtigen Rat würden Sie anderen deutschen Unternehmern geben bei der Expansion nach China?
Heraeus: Unternehmer sollten aufgeschlossen nach China gehen und bei Verhandlungen mit chinesischen Partnern Geduld mitbringen. China ist ein großes Land und die Wahl eines Standorts in China sollte man mit großer Sorgfalt treffen. Auch in China gilt: Nur ein gutes Produkt findet seinen Käufer. Mit einem guten Produkt lassen sich in China glänzende Geschäfte machen.

Unternehmeredition
: Herr Dr. Heraeus, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de

Zur Person: Dr. Jürgen Heraeus

Dr. Jürgen Heraeus ist Aufsichtsratsvorsitzender der Heraeus Holding GmbH und China-Sprecher im APA (Asien-Pazifik Ausschuss der Deutschen Wirtschaft). Heraeus ist ein weltweit tätiges Edelmetall- und Technologieunternehmen und befindet sich seit mehr als 155 Jahren in Familienbesitz. 2007 erwirtschaftete Heraeus mit über 11.000 Mitarbeitern in mehr als 100 Gesellschaften weltweit einen Produktumsatz von rund 3 Mrd. Euro
und einen Edelmetall-Handelsumsatz von 9 Mrd. Euro. www.konzern.heraeus.de

APA – Asien-Pazifik Ausschuss der Deutschen Wirtschaft
APA ist das Sprachrohr der deutschen Asienwirtschaft gegenüber der Politik in Deutschland, in Brüssel sowie in den asiatischen Partnerländern. Der APA intensiviert und gestaltet die Zusammenarbeit mit den Ländern der Asien-Pazifik-Region und fördert Handel und Investitionen in beide Richtungen. www.asien-pazifik-ausschuss.de