„2010 wird auf jeden Fall besser als das Krisenjahr 2009 ausfallen“ (Ausgabe 4/2010)

Nach dem Krisenjahr 2009 haben sich 2010 die Private Equity-Investitionen in Deutschland wieder deutlich belebt. So wurden nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) im 1. Halbjahr 2010 2,2 Mrd. EUR investiert, mehr als das Dreifache des vergleichbaren Vorjahreszeitraums (0,7 Mrd. EUR). Im Interview spricht BVK-Geschäftsführerin Dörte Höppner über aktuelle Private Equity-Trends, das Verhältnis von Finanzinvestoren und Mittelstand sowie eine mögliche Konsolidierung der Beteiligungsbranche.

Unternehmeredition: Frau Höppner, viele Unternehmen leiden unter einer restriktiven Kreditvergabe der Banken. Stellt Private Equity eine passende Finanzierungsalternative dar?
Höppner: Zahlreiche operativ gut aufgestellte Firmen haben aufgrund rückläufiger Umsätze und Gewinne Schwierigkeiten, weitere Bankkredite zu erhalten. Um neue Märkte zu erschließen oder neue Produkte zu entwickeln, müssen sie sich nach anderen Finanzierungsformen umsehen. Da kann Private Equity eine Alternative darstellen. Allerdings ist es kein Modell für alle Krisenfälle, die schnelle Hilfe erwarten. Wer keine positiven Perspektiven hat und keinen Bankkredit bekommt, wird auch nur schwerlich Beteiligungskapital erhalten. Dagegen stehen für Unternehmen mit funktionierendem Geschäftsmodell und Wachstumspotenzial die Chancen für eine Private Equity-Finanzierung gut. Es ist eine Entscheidung, die von beiden Seiten gut abgewogen werden muss.

Unternehmeredition: Wie entwickeln sich die Private Equity-Transaktionen im Mittelstandssegment?
Höppner: Wir können eine deutliche Belebung des Private Equity-Marktes feststellen. 2010 wird auf jeden Fall besser als das Krisenjahr 2009 ausfallen. Wir erwarten, dass die Investitionen des gesamten Vorjahres bereits im dritten Quartal überschritten werden. Die Boomzahlen des Jahres 2007/2008 werden wir dagegen so schnell nicht mehr erreichen. Ein Grund dafür ist, dass die Banken weit weniger Fremdkapital für Buy-outs zur Verfügung stellen als vor Ausbruch der Wirtschaftskrise. Das dürfte auch so bleiben, wie die Diskussionen über eine strengere Bankenregulierung und Basel III zeigen. Der Eigenkapitalanteil von Private Equity-Transaktionen beträgt aktuell mehr als 50% – in den Jahren vor der Krise waren es im Schnitt etwa 30%. Nur in Ausnahmefällen lag er darunter. Derartige Finanzierungsstrukturen der Boomphase mit extrem niedrigen Eigenkapital- und sehr hohen Fremdkapitalanteilen werden auf absehbare Zeit nicht mehr stattfinden – und das ist gut so. Wir erwarten eine Normalisierung mit nachhaltiger, gesunder Entwicklung.

Unternehmeredition: Wie viel Kapital steht aktuell zur Verfügung?
Höppner:
Eine im Juni unter unseren Mitgliedern durchgeführte Umfrage hat ergeben, dass derzeit rund 33 Mrd. EUR für Investitionen in den deutschen Mittelstand und Großunternehmen zur Verfügung stehen, davon 4 Mrd. EUR für Minderheitsbeteiligungen. Dieses Kapitalangebot zeigt klar, dass es einen großen Markt für privates Beteiligungskapital gibt. Wann und wie viel investiert wird, muss man abwarten. Im weiteren Jahresverlauf rechnen wir besonders mit einer Zunahme an Minderheitsbeteiligungen, die neben den darauf spezialisierten Gesellschaften auch das eine oder andere Buy-out-Haus eingehen wird.

Unternehmeredition: In den Boomjahren 2007/2008 hat die Zahl der Leveraged Buy-outs stark zugenommen – Unternehmenskäufe von Finanzinvestoren, die mit einem hohen Fremdkapitalanteil finanziert werden. Besteht die Gefahr, dass die durch die Wirtschaftskrise unter Druck geratenen Portfoliounternehmen Schwierigkeiten haben, die Schulden der Übernahme abzutragen? Rechnen Sie deswegen mit einem zunehmenden Restrukturierungsbedarf in den Private Equity-Portfolien?
Höppner: Die Krise hat alle Arten von Unternehmen betroffen, unabhängig von deren Eigentümerstruktur. Es gab sicher manche Leveraged Buy-outs mit hohen Kaufpreisen und hohen Fremdkapitalanteilen. Bis auf wenige Ausnahmen hat sich das aber auf die überwiegende Mehrheit der Private Equity-finanzierten Unternehmen nicht negativ ausgewirkt. Ich denke, dass viele Firmen in den Portfolien von Beteiligungsgesellschaften sogar besser über die Krise hinwegkommen werden als andere, da diese im Schnitt sogar über höhere Eigenkapitalquoten verfügen als andere Unternehmen. Außerdem profitieren sie vom Finanzierungs-Know-how der Private Equity-Manager. Finanzinvestoren haben die Möglichkeit, Eigenkapital nachzuschießen. Das ist gerade der Vorteil von Private Equity. Ein Finanzinvestor wird sicher alles für die Rettung seiner Portfolio-Unternehmen tun – denn wird es insolvent, dann verliert er sein eingesetztes Kapital. Aus diesen Gründen rechne ich nicht mit einem höheren Restrukturierungsbedarf in den Portfolien von Private Equity-Gesellschaften im Vergleich zu anderen Unternehmen.

Unternehmeredition: Wird es infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise zu einer Konsolidierung der PE-Branche kommen?
Höppner: Nein, das sehe ich nicht. Private Equity-Gesellschaften haben zwar in den letzten Jahren weniger investiert, das heißt aber nicht, dass sie kein Kapital für Investitionen haben. Es gibt natürlich auch in der Private Equity-Branche immer wieder Gesellschaften, die vom Markt verschwinden, aber auch neue, die dazukommen. Die Konkurrenz um das Kapital der professionellen Anleger ist enorm groß. Wer keine langfristigen Renditen erwirtschaftet, wird keine neuen Fonds auflegen können. Aber es wir nicht zu einem großen Private Equity-Sterben aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise kommen. Die Umfragen unter institutionellen Investoren zeigen, dass Private Equity für sie nach wie vor eine sehr wichtige Anlageklasse ist.

Unternehmeredition: Können Sie ein zunehmendes Interesse des Mittelstands am Thema Private Equity feststellen?
Höppner: Ja, ich habe den Eindruck, dass das Interesse der Unternehmen an Private Equity trotz der einsetzenden wirtschaftlichen Erholung steigt. Aufgrund so manch enttäuschender Erfahrung mit den Banken während der Krise sehen viele Firmen nun ihre Finanzierungsstrategie mit anderen Augen. Sie überlegen, wie sie sich rechtzeitig vor der nächsten Rezession unabhängiger von Kreditinstituten machen können. Und das geht vor allem über eine höhere Eigenkapitalquote. Private Equity kann dabei eine sinnvolle Finanzierungsalternative für den deutschen Mittelstand sein. Deswegen sollten sich Unternehmer auf jeden Fall darüber informieren. Auch auf unserer Website gibt es zahlreiche Informationen für Firmen, wie z.B. den Leitfaden für den Mittelstand.

Unternehmeredition: Frau Höppner, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de
Zur Person: Dörte Höppner
Dörte Höppner ist seit Januar 2008 Geschäftsführerin des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften e.V. Der BVK vereint als Interessenvertretung der Private Equity-Branche in Deutschland über 320 Mitglieder, davon 217 Beteiligungsgesellschaften, unter einem Dach. www.bvkap.de