Management Buyout (Ausgabe 1/2007)

Titan-Aluminium-Feinguß GmbH: Kapital verleiht FlügelGinge es nach der Meinung mancher Soziologen, so lebten wir heute bereits im postindustriellen Zeitalter. Rauchende Schlote an Rhein und Ruhr mögen zwar der Vergangenheit angehören, aber die meisten Dinge, mit denen wir im täglichen Leben in Berührung kommen, stammen nach wie vor aus industrieller Fertigung, seien es nun Autos, Computer oder Waschmaschinen.
Ginge es nach der Meinung mancher Soziologen, so lebten wir heute bereits im postindustriellen Zeitalter. Rauchende Schlote an Rhein und Ruhr mögen zwar der Vergangenheit angehören, aber die meisten Dinge, mit denen wir im täglichen Leben in Berührung kommen, stammen nach wie vor aus industrieller Fertigung, seien es nun Autos, Computer oder Waschmaschinen. Sogar vorindustrielle Produktionsformen spielen immer noch eine wichtige Rolle. Und damit sind nicht etwa nur rührige Spezialversender gemeint, die schmiedeeiserne Pfannen wie zu Urgroßmutters Zeiten anbieten oder Manchesterhosen, so fein gewirkt wie damals im gleichnamigen Kapitalismus, sondern Hightech-Unternehmen, die auch heute noch in der Lage sind, Kleinserien für Spezialanwendungen zu fertigen, das aber mit den modernsten Verfahren. Zu ihnen gehört die Titan-Aluminium-Feinguß GmbH (TITAL) aus Bestwig im Sauerland, die vor allem als Zulieferer der Luft- und Raumfahrtindustrie aktiv ist.

Kleine Serien, große Bauteile
Geschäftsführer Philipp Schack bezeichnet TITAL als „Manufaktur für Spezialanwendungen“ und erklärt: „In unserem Unternehmen geht es grundsätzlich um Kleinserien. Das geht herunter bis zur Losgröße 1, die im Rapid-Prototyping-Verfahren gefertigt wird.“ Mit dem 1995 international zum Patent angemeldeten proprietären „HERO Premium Casting“-Verfahren, bei dem der Erstarrungsprozess der Aluminium-Bauteile computerunterstützt gesteuert wird, konnte sich TITAL bei ihrer wichtigsten Kundengruppe entscheidende Vorteile gegenüber konkurrierenden Unternehmen sichern. „85% unserer Produkte sind für Anwendungen in der Luftfahrt bestimmt“, erläutert Schack. „Daneben beliefern wir weltweit auch Kunden aus der Raumfahrt, der Elektronik- und Optiksparte, der Industrie- und Medizintechnik sowie aus dem Motorsport.“ Bei den Produkten, die das Unternehmensgelände in Bestwig verlassen, handelt es sich um Großbauteile, die zunehmend einbaufertig ausgeliefert werden.

Luftfahrtindustrie im Wandel
Die Titan-Aluminium-Feinguß GmbH ist 1974 in Bestwig im Sauerland als Joint Venture des Autozulieferers Honsel AG (Meschede) und der Holdinggesellschaft des Edelmetall- und Technologiekonzern Heraeus (Hanau) zur Herstellung von Aluminium- und Titan-Feinguss-Produkten nach dem Wachsausschmelzverfahren gegründet worden. Nachdem die W.C. Heraeus Holding GmbH 2002 zunächst 100% der TITAL übernommen hatte, entschied das Unternehmen vier Jahre später, dass ein Gießereibetrieb nicht mehr in die Konzernstruktur passen würde und verkauft werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits fest, dass TITAL neues Kapital benötigen würde, um die steigende Nachfrage nach Titanbauteilen in der Luftfahrtindustrie befriedigen zu können. Während bei der Gründung des Unternehmens zunächst der Werkstoff Titan im Vordergrund stand und Aluminium als zusätzliches Standbein galt, stieg der Anteil des Auftragsvolumens für Aluminiumerzeugnisse bei TITAL durch das kontinuierlich stärkere Wachstum dieses Marktsegments auf aktuell etwa 70%. „Diese Entwicklung wird sich aber so für uns nicht fortsetzen“, beschreibt Schack. „In der Luftfahrtindustrie kommt es aufgrund der Entwicklung neuer Modelle wie der Großraumflugzeuge Airbus A350 oder Boeing 787 zu einer Veränderung des Materialmix. Einerseits werden Aluminiumkomponenten zunehmend durch so genannte CFK-Bauteile, also kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe ersetzt, dadurch steigt andererseits die Nachfrage nach Bauteilen aus Titan, das sich durch seine Korrosionsfreiheit auszeichnet.“

Größte Investition der Unternehmensgeschichte
In dieser Situation entschloss sich Schack, unterstützt vom Alteigentümer, „der in dieser Frage aus einer sehr unternehmerischen Perspektive heraus agiert hat und die Weiterentwicklung von TITAL im Auge hatte“, zum Schritt in den Management Buyout. In der Frankfurter DZ Equity Partner GmbH, einer 100%igen Tochter der DZ BANK AG Deutsche Zentral-Genossenschaftsbank, fand er einen Finanzinvestor, der dem Unternehmen langfristig Wachstumskapital für den Ausbau des Titangeschäftsfeldes zur Verfügung stellt. „Und langfristig“, kommentiert Schack „heißt bei uns wirklich langfristig, denn im Flugzeugbau sprechen wir von Entwicklungszyklen im 10-Jahres-Turnus.“ Nachdem die DZ Equity Partner GmbH zusammen mit dem Management im April vergangenen Jahres 100% der Anteile an TITAL übernommen hatte, konnte das Unternehmen die größte Investition seiner Geschichte in Angriff nehmen: In den Bau einer neuen Produktionsstätte für den Titanfeinguss sollen 10 Mio. Euro fließen. Die Anlage ermöglicht es dem Unternehmen, Titanbauteile bis zu einer Größe von 1.500 Millimeter herzustellen, bisher sind nur 600 möglich. Außerdem können bis zu 55 neue Mitarbeiter eingestellt und die Zahl der Beschäftigten somit auf rund 450 erhöht werden. „Mit der neuen Gießerei wollen Unternehmen und Investor eines der wesentlichen Ziele des MBO erreichen“, erläutert Schack, „und zu den Technologieführen im Geschäftsfeld Titan aufschließen. Im Bereich Aluminium spielen wir schon heute in der Weltklasse mit.“

Bernd Luxa

Kurzprofil Titan-Aluminium-Feinguß GmbH (TITAL)
Gründungsjahr: 1974
Branche: Metallverarbeitung
Unternehmenssitz: Bestwig (Sauerland)
Mitarbeiterzahl: 396
Umsatz 2006: 39 Mio. Euro

„Bewusst anders aufgestellt als angelsächsische PE-Gesellschaften“
Interview mit Oliver Weddrien, Geschäftsführer, DZ Equity Partner GmbH

Unternehmeredition: Herr Weddrien, welche Voraussetzungen muss ein Unternehmen mitbringen, damit es für ein finanzielles Engagement der DZ Equity Partner GmbH in Frage kommt?
Weddrien: Das Unternehmen muss über mehrere Jahre gezeigt haben, dass es sich in einer guten Entwicklung befindet, eine führende Position im Markt einnehmen und ein sehr gutes Management haben. Der Mindestumsatz liegt bei 10 Mio. Euro und der Mindestkapitalbedarf bei 1,5 Mio. Euro. Branche und Standort spielen keine Rolle, da verfolgen wir einen ganz und gar opportunistischen Ansatz.

Unternehmeredition: In welcher Weise charakterisiert das TITAL-Engagement Ihre Investitionsstrategie?
Weddrien: Wir beschäftigen uns mit der langfristigen Entwicklung von Unternehmen und möchten dem Management ermöglichen, unsere Anteile nach acht, neun Jahren zu übernehmen und das Unternehmen wieder als Familienunternehmen zu führen. Es ist nicht unser Ziel, das Unternehmen in eine Konzernstruktur zu überführen. Damit stellt sich die DZ Equity Partner GmbH bewusst anders auf als angelsächsische Private Equity-Gesellschaften, die schon aufgrund ihrer Struktur eine Beteiligung nach drei bis vier Jahren wieder veräußern müssen. Wir wollen das Beteiligungsunternehmen gemeinsam mit dem Management entwickeln und sind der Überzeugung, dass das Management von Anfang an eine Mehrheit haben soll. Wir schicken auch keine eigenen Mitarbeiter in den Beirat, der die Unternehmensentwicklung plant, sondern Sachverständige aus unserem Netzwerk, die im Fall TITAL anerkannte Experten auf dem Gebiet der Gießereitechnik sind.

Unternehmeredition: Können Sie abschließend noch etwas über das Finanzvolumen des Engagements bei der TITAL sagen?
Weddrien: Wir haben das Unternehmen mit einer hohen Eigenkapitalquote von über 30% ausgestattet und bisher in einem Volumen von ca. 15 Mio. Euro investiert. Darüber hinaus haben wir uns verpflichtet, TITAL auch bei zukünftigen Investitionen den Zugang zu weiteren Kapitalquellen zu ermöglichen.

Unternehmeredition: Herr Weddrien, vielen Dank für das Interview!