100 Jahre Innovation: Mit dem gewachsenen Umweltbewusstsein bei Kunden und Herstellern erlebt Klingeles wichtigstes Produktionsmaterial Wellpappe eine glanzvolle Renaissance.

Wenn etwas „nicht aus Pappe“ ist, dann gilt es nach dem Volksmund als stark und stabil. Bei der Klingele Paper & Packaging Group ist man verständlicherweise vollkommen anderer Meinung. In dem Familienunternehmen aus dem baden-württembergischen Remshalden werden innovative und strapazierfähige Verpackungen aus Wellpappe produziert. Hinter den zahlreichen einfach aussehenden Kartons steckt intensive Entwicklungsarbeit. In diesem Jahr feiert das Unternehmen sein 100-jähriges Bestehen. Auf dem bisher Erreichten möchten sich die 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht ausruhen – der Blick geht nach vorne. VON ALEXANDER GÖRBING

Seit den 1960er-Jahren hat Klingele einen kontinuierlichen Expansionsprozess absolviert. Damals erfolgte der Einstieg ins Papiergeschäft; zugleich wurden erste internationale Unternehmensbeteiligungen erworben. Mittlerweile hat das Familienunternehmen nach einem kräftigen Wachstum weltweit 23 Produktionsstandorte und erwirtschaftete im abgelaufenen Jahr einen Umsatz von rund 860 Mio. EUR. Hier passt der gern verwendete Begriff „Hidden Champion“ zu 100%.

Weihnachtsbaum per Post? Kein Problem!

Die Entwickler bei Klingele arbeiten bei neuen Projekten gemeinsam mit Kunden an neuen Lösungen für optimierte Verpackungslösungen. Zusammen mit einer Hamburger Baumschule konzipierten die Experten einen Karton zum Versand von Weihnachtsbäumen bis zu einer Höhe von 120 cm. Der Clou: Der Wurzelballen steckt in einem eigenen Karton. Früher wurden Wurzelballen und Pflanzerde in Plastik verpackt – das ist nun nicht mehr erforderlich. Kinderleicht lässt sich der Baum aus der Verpackung entnehmen, ohne dass Erde herausfällt. Mit solchen individualisierten Konzepten gewinnt Klingele immer mehr Kunden bei E-Commerce-Dienstleistern.

Plastik wird ersetzt durch innovative Verpackungen

Die Produkte von Klingele passen optimal zu den kontinuierlich wachsenden Anforderungen an eine flexible Logistik durch Online- wie auch Einzelhandel und Industrie. Das vermeintlich unmoderne und langweilige Material Wellpappe erlebt eine Renaissance, seitdem Verpackungen und Füllmaterialien aus Plastik verpönt sind.

Die Wellpappenbranche ist seit Jahren auf Wachstumskurs. Verbraucher und Industriekunden fragen gezielt nach Verpackungen aus Recyclingmaterial für Versand, Handel und Industrie – zur Schonung der Umwelt und aufgrund der geringeren Entsorgungskosten. Klingele hat hier in den vergangenen Jahren eine breite Palette an Produkten entwickelt. So können beispielsweise gestanzte Formen in den Kartons Füllmaterialien aus Plastik oder Schaumstoff komplett ersetzen und zugleich einen optimalen Schutz bieten.

Papierverpackungen schonen die Umwelt

Dr. Jan Klingele, Geschäftsführender Gesellschafter der Klingele Gruppe

„Die teilweise dramatischen Bilder vom Plastikmüll in den Weltmeeren haben einen deutlichen Bewusstseinswandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bewirkt. Klima- und Umweltschutz führen außerdem inzwischen die internationale Agenda an“, erklärt Dr. Jan Klingele, geschäftsführender Gesellschafter der Klingele Paper & Packaging Group. Wellpappe sei zu 100% recycelbar und erfüllt nach Angaben von Dr. Klingele die höchsten hygienischen wie auch ökologischen Ansprüche. „Plastikverpackungen lassen sich in vielen Fällen durch Wellpappe ersetzen, und zwar auch bei komplexen Anwendungen, wie beispielsweise dem Versand gekühlter Lebensmittel. Bereits heute unterstützen Hersteller von Wellpappenverpackungen zahlreiche Unternehmen dabei, ihre Wertschöpfungsketten nachhaltiger zu gestalten“, fährt Dr. Klingele fort.

1 Mrd. Quadratmeter Wellpappe aus Altpapier

Nachhaltigkeit ist bei Klingele nicht nur eine Worthülse, sondern spielt in nahezu allen Prozessen eine elementare Rolle. Die gelieferten Verpackungen werden aus Altpapier produziert – pro Jahr verlassen fast 1 Mrd. Quadratmeter Wellpappe die Werke. Den Rohstoff bilden 300.000 Tonnen Altpapier; alle Fabriken arbeiten nach dem FSC®-Standard. Das Forest Stewardship Council (kurz: FSC) wurde 1994 von Umweltverbänden, Wirtschaftsunternehmen und Gewerkschaften mit dem Ziel gegründet, durch weltweit einheitliche Standards eine nachhaltige Forstwirtschaft zu gewährleisten.

Nachhaltigkeit sorgt für Wettbewerbsvorteile

Bei der internen und externen Logistik wird auf kurze Transportwege und optimale Auslastung geachtet. Der Grund liegt auf der Hand: Dies schont nicht nur die Umwelt, sondern auch die Kasse des Unternehmens. Für den Bezug von Altpapier für die zwei eigenen Papierfabriken in Weener und Straßburg haben die Standorte langfristige Vereinbarungen mit regionalen Unternehmen und Kommunen abgeschlossen. Am Standort Weener in Niedersachsen hat Klingele 2008 ein eigenes Kraftwerk auf Basis von Ersatzbrennstoffen (also aus Abfällen gewonnenen Brennstoffen) errichtet. Die Anlage hat mittlerweile eine Leistung von 3 MW. Sie sorgt nicht nur für Energie: Die Abwärme wird nämlich zur Papiertrocknung verwendet. Überschüssige Energie wird ins örtliche Stromnetz eingespeist.

Die Strategie der nachhaltigen Produktion und Logistik verschafft dem Familienunternehmen klare Wettbewerbsvorteile. Kunden treffen ihre Entscheidungen nach Aussage von Dr. Klingele nicht nur auf der Basis von Kosten, sondern berücksichtigen auch Kriterien wie umweltgerechte Produktion und eine einfache Entsorgung. 2019 wurde Klingele in Shanghai mit dem World Corrugated Award als „umweltfreundlichstes Unternehmen“ ausgezeichnet. Davor hatte das Unternehmen bereits den Bremer Umweltpreis (2006) und den „WorldStar Award“ der World Packaging Organisation (WPO) in der Kategorie „Getränke“ (2015) gewonnen.

In der dritten Generation inhabergeführt

Der Vorläufer der heutigen Klingele Papierwerke wurde 1920 in Wiesloch als „Badische Wellpapierfabrik Klingele und Holfelder“ gegründet und kam 1936 mit dem Bau einer zweiten Betriebsstätte nach Grunbach. 1952 gingen Klingele und Holfelder getrennte Wege; Grunbach wurde zum Stammsitz der Klingele-Gruppe. Mit Dr. Jan Klingele als geschäftsführendem Gesellschafter ist das Unternehmen in dritter Generation auch heute noch inhabergeführt.

Wir denken nicht in Quartalen, sondern in Generationen

„Wir bieten die Präsenz eines internationalen Unternehmens, haben uns aber gleichzeitig die Kultur eines Familienunternehmens bewahrt: mit einer großen Kundennähe, Flexibilität, Mut zur Innovation und kompetenter Beratung durch erfahrene Experten, die ihre Kunden und deren Bedürfnisse gut kennen. Dieses Angebot ist in unserer Branche ziemlich einzigartig“, resümiert der geschäftsführende Gesellschafter. Klingele denkt nach seiner Aussage nicht in Quartalen, sondern in Generationen. Nach dieser Devise sollte sich das Wachstum weiter fortsetzen.


Kurzprofil Klingele Paper & Packaging Group

Gründung: 1920
Branche: Verpackungshersteller
Firmensitz: Remshalden (bei Stuttgart)
Beschäftigte: 2.500
Umsatz: 860 Mio. EUR
Internet: www.klingele.com

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Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören dabei Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen sowie Tech-Startups.