Insolvenzplanverfahren in Eigenverwaltung (Ausgabe 3/2010)

AE Group AG: Automobilzulieferer meistert die Insolvenz mit eigener Kraft

Die AE Group AG hatte als Automobilzulieferer in der Finanz- und Wirtschaftskrise mit typischen Problemen zu kämpfen: Die Auftragsvolumina brachen ein, der Umsatz rutschte in den Keller. Als das Unternehmen schließlich Insolvenz anmelden musste, wählte es dabei den bisher seltenen Weg des Planverfahrens in Eigenverwaltung. Nach nur vier Monaten war der Turnaround geglückt.

Die AE Group AG hatte als Automobilzulieferer in der Finanz- und Wirtschaftskrise mit typischen Problemen zu kämpfen: Die Auftragsvolumina brachen ein, der Umsatz rutschte in den Keller. Als das Unternehmen schließlich Insolvenz anmelden musste, wählte es dabei den bisher seltenen Weg des Planverfahrens in Eigenverwaltung. Nach nur vier Monaten war der Turnaround geglückt.

Wachstum nur auf Fremdkapitalbasis
Das Geschäft einer Aluminium-Druckgießerei ist sehr kapitalintensiv. „Für jeden Euro Umsatz, den wir generieren, müssen wir einen Euro investieren“, stellt Gerhard Ankenbauer, Vorstand der AE Group, klar. Als er 1989 zusammen mit seinem Kollegen Günter Engelbrecht das Unternehmen im Rahmen eines MBO erwarb, machte es 12 Mio. DM Umsatz. Mittlerweile in eine AG umgewandelt, erwirtschaftete es 2008 fast 150 Mio. EUR und unterhielt Standorte in Polen und den USA. Finanziert wurde das fast ausschließlich mit Fremdkapital. Als Ende 2008 der Umsatz aufgrund der Krise um 50% einbrach, wurden die Banken nervös. „Das Problem war, dass wir insgesamt 14 Bankenpartner hatten und es unmöglich war, diese auf eine Linie zu bekommen“, erklärt Ankenbauer. So blieb nur die Insolvenz, der Aufsichtsrat wandte sich frühzeitig an den darin erfahrenen Rechtsanwalt Andrew Seidl, der im Februar 2009 als zweiter Vorstand neben Ankenbauer eingesetzt wurde. „Spätestens im März war klar, dass wir eine Einigung mit den Banken wegen der Höhe eines weiteren Sanierungsdarlehens nicht werden erzielen können, und zogen die Notbremse“, erinnert sich Seidl.

Eröffnung der Insolvenz
Am 1. April 2009 leitete die AE Group die Insolvenz bewusst ein, um sich über das Insolvenzplanverfahren in Eigenverwaltung zu sanieren. Hierbei wird die Gesellschaft vom Ballast der Vergangenheit, sprich von den Verbindlichkeiten befreit. Der Vorteil für die Gläubiger ist eine gegenüber der normalen Insolvenz höhere Befriedigungsquote. Die Sonderform der Eigenverwaltung besagt, dass das Unternehmen die Insolvenz in Eigenregie durchführt, ohne dass ein Insolvenzverwalter die Entscheidungskompetenz übernimmt. Das Insolvenzgericht stimmte dem Antrag der AE Group zu, sodass die Insolvenz offiziell am 1. Juli eröffnet wurde.

Turnaround nach nur vier Monaten
Mit Rechtsanwalt Seidl hatte die AE Group einen Profi für Insolvenzplanverfahren an der Hand, dessen Kanzlei bundesweit schon über 100 Planverfahren abgewickelt hatte. Zusammen mit Ankenbauer wurde sofort eine radikale Zäsur gemacht: Das Werk im amerikanischen Georgia wurde geschlossen – „außerhalb der Insolvenz hätte uns das 6,5 Mio. EUR gekostet“, so Seidl – und die Produktion in Gerstungen zum 30. April 2010 nach Polen und Untersuhl verlagert. Insgesamt 400 Stellen wurden abgebaut. Alle Kunden sind bei der Stange geblieben, da sie über eine aktive Kommunikation in den Prozess einbezogen wurden. Im Eiltempo schritt der Insolvenzprozess voran. Schon am 29.Oktober 2009 stimmte die Gläubigerversammlung dem Sanierungskonzept zu: „Es sah einen Gläubigerverzicht von 97% der Gesamtverbindlichkeiten vor, alles in allem mussten die Banken auf 80 Mio. EUR verzichten“, räumt Seidl ein. Von den ursprünglich 14 Bankenpartnern sind heute nur noch die DKB und die IKB geblieben, die DKB ist mit 49% sogar Hauptgesellschafter. „Bankenfinanzierungen laufen heute komplett über die DKB“, so Seidl.

Nachfolgelösung als nächste Herausforderung
Seit 31. Dezember 2009 nun ist AE Group AG offiziell nicht mehr insolvent, weiterhin „künstlich“ in Insolvenz befinden sich die Tochterfirmen. „Um sie dieses Jahr noch komplett aus diesem Zustand zu holen, müssen noch neue Gesellschaften gegründet werden, in die sie sukzessive transferiert werden“, erläutert Ankenbauer. Tief stapeln will man bei der AE Group dennoch nicht: „Wir erwarten dieses Jahr 95 Mio. EUR Umsatz, also 10 Mio. mehr als 2009“, sagt Seidl. Er möchte als Interimsmanager das Unternehmen noch so lange begleiten, bis die Restrukturierung beendet ist. „Das wird wahrscheinlich Ende 2010 bis Mitte 2011 der Fall sein.“ Ankenbauers Vertrag läuft bereits im Juli aus, die Suche nach einem Nachfolger läuft. Ganz vom operativen Geschäft möchte sich der Ruheständler in spe jedoch nicht verabschieden: „Ich werde wahrscheinlich dann in den Aufsichtsrat wechseln.“

Esther Mischkowski
mischkowski@unternehmeredition.de

Kurzprofil: AE Group AG
Gründungsjahr: 1989
Branche: Automobilzulieferer
Unternehmenssitz: Gerstungen
Mitarbeiter: 800
Umsatz 2009: 85 Mio. EUR
Internet: www.ae-group.de

„Viele Insolvenzverfahren leiden darunter, dass die falschen Verwalter eingesetzt werden“
Interview mit Andrew Seidl, Rechtsanwalt und Interimsvorstand, AE Group AG

Unternehmeredition: Herr Seidl, seit seiner Einführung 1999 wurde das Planverfahren deutschlandweit bis 2008 in weniger als 1% der Insolvenzfälle angewendet. Warum nur so selten?
Seidl:
Das Hauptmanko ist, dass die meisten nicht so weitsichtig sind wie die AE, wo schon Monate vorher der Plan B vorbereitet wurde. Handelt der Unternehmer zu spät, ist die Zerschlagung durch den Insolvenzverwalter schon fast vorprogrammiert. Zudem sind zwar einige Insolvenzverwalter hochqualifizierte Sanierungsexperten, doch 80% fehlt es am Sanierungs-Know-how. Die meisten sind reine Juristen ohne jegliche betriebswirtschaftliche Ausbildung. Für sie ist eine Sanierung viel zu aufwendig und riskant. In vielen Fällen wird auf die Schnelle ein Käufer gesucht, der das Unternehmen quasi geschenkt bekommt. Findet sich kein Interessent, erfolgt die Zerschlagung. Viele Insolvenzverfahren leiden darunter, dass die falschen Verwalter eingesetzt werden.

Unternehmeredition: Was spricht denn für ein Insolvenzplanverfahren?
Seidl: Die Insolvenz dient nach der Vorstellung des Gesetzgebers der bestmöglichen Befriedigung der Gläubiger. Unter diesem Aspekt ist ein Insolvenzplan immer von Vorteil, denn dort müssen die Gläubiger gesetzlich besser gestellt werden als bei einem Regelverfahren. Außerdem dauert ein Regelverfahren mindestens fünf bis sieben Jahre, beim Planverfahren bekommen die Gläubiger ihr Geld im Schnitt schon nach drei bis vier Monaten. Für die Anteilseigner selbst hat es den großen Vorteil, dass sie nicht enteignet werden und das Unternehmen erhalten bleibt.

Unternehmeredition: Warum wurde bisher nur eine Handvoll der Planverfahren in Eigenverwaltung durchgeführt?
Seidl: Das liegt zu 95% am Insolvenzverwalter, denn vom Gesetz wird es ja gefördert. In der Eigenverwaltung habe ich lediglich einen Sachverwalter. Dieser verdient jedoch nur 60% dessen, was ein Insolvenzverwalter erhält. Deshalb kann ich mir durchaus vorstellen, dass aus monetären Gründen der vorläufige Insolvenzverwalter eine Eigenverwaltung eher verhindert. Der andere Punkt ist die Außendarstellung: Als Insolvenzverwalter steht man als der Retter und Sanierer in der Presse, bei der Eigenverwaltung spielt man plötzlich die zweite Geige. Da haben viele meiner Berufskollegen ein Egoproblem.

Unternehmeredition: Was sprach denn bei der AE Group AG für dieses Verfahren?
Seidl: Wir hatten unser Sanierungskonzept schon erarbeitet und wussten, dass es bei der damaligen Bankenstruktur ohne Insolvenz nicht zu verwirklichen war. Die Insolvenz war als Sanierungszeitraffer erforderlich, um die notwendigen Maßnahmen wie z.B. Gläubigerverzichte, Werksschließungen, Personalabbau etc. durchzusetzen. Ohne hätte uns das Millionen gekostet. Und welcher Kapitalgeber bezahlt schon gern die Fehlstellungen aus der Vergangenheit, anstatt in die Zukunft zu investieren? Durch das Planverfahren kann man ihm die Sicherheit geben, dass sein Geld für eine zielgerichtete und zukunftsorientierte Sanierung verwendet wird. Es bedarf aber stets einer sorgfältigen Vorbereitung.

Unternehmeredition: Herr Seidl, herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Esther Mischkowski.
mischkowski@unternehmeredition.de

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