Dezentrale Energieerzeugung ist ein Thema, das insbesondere in ländlichen Regionen und solchen mit schlechter bzw. instabiler Stromversorgung ganz oben auf der Agenda steht. Die Protarget AG setzt hier auf die Solarthermie – und bietet schlüsselfertige Kleinkraftwerke an. Im September ging eine Pilotanlage im bayerischen Bad Aibling in Betrieb – zu Demonstrationszwecken für potenzielle Kunden.

Stromausfälle kosten Geld

In Entwicklungs- und Schwellenländern ist eine stabile Stromversorgung längst nicht so selbstverständlich wie bei uns. In manchen Gebieten wird sie zu bestimmten Zeiten unterbrochen, weil die Kapazitäten nicht ausreichen. In anderen Regionen – wie kürzlich beispielsweise im Norden Indiens – fällt der Strom immer wieder mal für mehrere Stunden oder auch länger unvorhergesehen aus. Das ist nicht nur ärgerlich für die Einwohner dort, sondern auch für die vielen Betriebe – die Produktionsausfälle kosten Geld. Des Weiteren gibt es auch sehr ländliche, abgelegene Gegenden, die erst gar nicht an ein größeres Stromnetz angeschlossen sind. Eine bessere dezentrale und unabhängige Energieversorgung ist deshalb in vielen Teilen der Welt ein großes Thema.


Viel Sonne und Fläche nötig

Die Protarget AG ist Anbieter schlüsselfertiger solarthermischer Kraftwerke. „Dort, wo Sonne und Fläche in ausreichendem Maße vorhanden sind, ist Solarthermie eine sehr interessante Lösung“, sagt Martin Scheuerer, Vorstand des Unternehmens in Köln. Eine gewisse Fläche wird deshalb benötigt, weil Parabolrinnen von jeweils 100 m Länge und 3 m Breite installiert werden müssen, um genügend Sonnenlicht aufzufangen. Je Megawatt elektrischer Kraftwerksleistung benötigt man ca. vier Hektar Fläche, das entspricht etwa acht Fußballplätzen, d.h. es funktioniere nur bedingt in dicht besiedelten Gebieten, wie Scheuerer erklärt. Als Einsatzgebiete nennt er in erster Linie Nordafrika, den Mittleren Osten inkl. Golfregion und Indien. Um Interessenten die Technik demonstrieren zu können, wurde inzwischen im bayerischen Bad Aibling ein Referenzkraftwerk errichtet.

Investoren mit Wachstumsfinanzierung

Zur Finanzierung dieser Anlage brauchte man Geld. Im November 2011 stellte eine Investorenrunde einen einstelligen Millionenbetrag zur Verfügung. Die Düsseldorfer Gesellschaft Network Corporate Finance (NCF) beriet Protarget bei dieser Finanzierung und brachte die Investoren zusammen: mehrere Privatinvestoren sowie die Hörmann-Gruppe, ein familiengeführter Autozulieferer, der in den letzten Jahren schon mehrere Investments im Energiebereich getätigt hat. „Mit der Hörmann-Gruppe hat Protarget einen langfristigen, verlässlichen Partner ohne Exit-Druck“, sagt Dietmar Thiele, Managing Partner bei NCF. Die Eigenkapitalfinanzierung diente nicht nur dem Pilotprojekt, sondern auch der Weiterentwicklung der Technologie, z.B. der Effizienzsteigerung der Röhre, die das Sonnenlicht sammelt.

Auch Speicherung möglich

Thiele bezeichnet dies als „concentrated solar power“. Parabolspiegel in Form von langen Rinnen reflektieren das Sonnenlicht auf eine Röhre, wo sich die Einstrahlung konzentriert – mit der so gewonnenen Energie wird Dampf erzeugt und eine Turbine angetrieben, deren Generator elektrischen Strom produziert. Je effizienter die Röhre, umso schneller amortisiert sich die Anlage und umso eher sind Kunden bereit, die weit verbreiteten Dieselaggregate zu substituieren. Die Technik arbeitet autark und benötigt keine Einspeisung in ein Netz. „Dies hat mit der herkömmlichen Photovoltaik und ihren aktuellen Problemen nichts zu tun“, sagt Thiele. Ein großer Vorteil ist: Bei der Solarthermie kann die Energie auch gespeichert werden, z.B. über Nacht. Die Technik sei ohne staatliche Förderung wettbewerbsfähig und ermögliche eine Energieversorgung in kleinen Einheiten, abseits fossiler Brennstoffe wie Diesel oder Gas – geeignet u.a. für Industrieparks, Hotels und abgelegene Siedlungen.

Insellösung für Griechenland

Große Hoffnung setzt Scheuerer nun auf die griechische Insel Kalymnos (16.000 Einwohner). Sie wird bislang komplett mit Dieselaggregaten versorgt. „Wir stehen in Verhandlungen mit griechischen Investoren zum Bau einer 1-MW-Anlage“, sagt Scheuerer. Preislich sei man absolut wettbewerbsfähig, nicht nur wegen des Dieselpreisanstiegs, sondern auch weil der Transport des Diesels auf die Insel und zu den Aggregaten Geld koste und Infrastruktur benötige. Er rechnet inkl. Transport mit 25 bis 30 Cent je kwh beim Dieselstrom – gegenüber 10 bis 15 Cent bei Solarthermie. Wenn die Verhandlungen gut laufen, könnte die Anlage nächstes Jahr gebaut werden. Es wäre die erste ihrer Art – „ein Leuchtturmprojekt für viele Inseln im Mittelmeer, die das gleiche Problem haben“, so Scheuerer.


„Unser Ziel ist, das klassische Dieselaggregat zu ersetzen“
Interview mit Martin Scheuerer, Vorstand der Protarget AG

Unternehmeredition: Wie kam es zur Idee mit den Solarthermie-Kraftwerken?

Scheuerer:
Mit einem Kollegen kam ich damals vom Toyota-Formel-1-Team, wo wir jahrelang in verschiedenen Managementpositionen gearbeitet hatten. Anfang 2009 beschlossen wir, unsere Erfahrungen in diesem hochdynamischen Entwicklungsumfeld auf eine andere innovative Technologie anzuwenden, um diese zur Serienreife zu führen. So haben wir uns auch beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln umgeschaut und fanden dort zur Solarthermie und zu einem der führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Gemeinsam mit ihm gründeten wir Ende 2009 das Unternehmen. Ebenso wie die Formel 1 ist die Energieversorgung ein sehr emotionales Thema. Überhaupt gibt es einige Überschneidungen. Es geht darum, ein Hightech-Produkt zur Marktreife zu bringen.

Unternehmeredition: Wie haben Sie sich finanziert?

Scheuerer:
Am Anfang haben wir uns mit Eigenkapital aus dem Gründerkreis finanziert. Durch den Gewinn eines Businessplan-Wettbewerbs erhielten wir eine kleine Förderung. Im Juli 2011 gewannen wir dann beim Klimakreis Köln (KKK), der Projekte zur Energieeffizienz unterstützt, den Förderpreis mit der Höchstsumme von 200.000 Euro, bevor dann im November 2011 die erste große Finanzierungsrunde zustande kam.

Unternehmeredition: Für welche Bereiche eignen sich Ihre Anlagen?

Scheuerer:
Unser Ziel ist, das klassische Dieselaggregat zu ersetzen. Unsere Anlagen bieten außer Strom- auch Wärmeerzeugung. Zielkunden sind u.a. Hotels, Krankenhäuser, Industriebetriebe – insbesondere Textil- und Papierunternehmen, Molkereien, Großbäckereien und andere Lebensmittelbetriebe – überall dort, wo nicht nur Strom, sondern auch Prozesswärme gebraucht wird. Dies ist ein Riesenmarkt für uns. In Papier- und Textilfabriken ebenso wie in der Getränkeindustrie geht es um Verfahren, bei denen heißer Dampf benötigt wird. Bei Lebensmitteln geht es um das Thema Haltbarkeit durch Erhitzen. Wir bieten standardisierte Kraftwerksgrößen von 1 bis 20 Megawatt (MW) an. Mit 1 MW können Sie etwa 1.000 Haushalte, also ca. 4.000 Personen, versorgen. Die Kraftwerke sind völlig unabhängig vom Stromnetz, die Kunden haben damit eine autarke Energieversorgung – wir sprechen von der Insellösung.

Unternehmeredition: Herr Scheuerer, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Bernd Frank.

Artikel und Interview: Bernd Frank
redaktion@unternehmeredition.de

Kurzprofil: Protarget AG

Gründungsjahr 2009
Branche: Anlagenbau/Solarthermie
Unternehmenssitz: Köln
Mitarbeiterzahl: ca. 10
Umsatz 2011: k.A.
Internet: www.protarget-ag.com