Währungskurs der türkischen Lira im Vergleich zum Euro seit 2015
Währungskurs der türkischen Lira im Vergleich zum Euro seit 2015

Die Politik durchzieht mit dem Verfall der türkischen Lira eine weitere Welle des Misstrauens. Die Unternehmen machen genau das Gegenteil und werden zu ihren eigenen Aktionären. Wer wird am Ende recht behalten?

Derzeit sind an den Kapitalmärkten zwei gegenläufige Entwicklungen zu sehen. Einerseits reißt die Kette belastender Nachrichten aus den vergangenen Monaten nicht ab (Vergleiche auch Kapitalkompass Unternehmeredition 3/2018): Der Verfall der türkischen Lira nimmt dramatische Formen an. Das erschwert den Unternehmen, ihre zumeist in US-Dollar denominierten Anleihen zu bedienen. Die Preise für Ausfallversicherungen für die Lira sind sprunghaft gestiegen – offenbar rechnen Marktteilnehmer mit Ausfällen. Vor allem Banken aus Italien und Spanien sind stark in der Türkei engagiert – womit die nächste Krise des Euro wie ein nahendes Gewitter heraufzieht.


Die sich verschärfenden Zollstreitigkeiten unter dem fiktiven Titel Donald gegen den Rest der Welt inklusive der Wirtschaftssanktionen gegen den Iran hellen die Stimmung nicht eben auf. Die politischen Eskapaden des saudischen Regierungschefs Mohammed bin Salman müssen beobachtet werden, denn nach wie vor ist Saudi-Arabien der wichtigste Öllieferant der Welt. Gespannt darf man auf den ersten Haushaltsentwurf der italienischen Regierung sein: Drohen der Gemeinschaftswährung neue Schockwellen? Dass ein geordneter Brexit ferner denn je liegt, zählt hingegen fast schon zur Folklore.

Repräsentative Aktienrückkäufe

Andererseits vermelden Unternehmen in den USA und Europa gleichermaßen überwiegend sehr robuste Ergebnisse für das erste Halbjahr 2018. Zudem halten sie die Jahres-Guidance mindestens aufrecht. Sehr interessant ist dabei der Blick auf die Aktienrückkaufprogramme in den USA und die Director’s Dealings in Europa in den vergangenen Monaten. Hier dominierten eindeutig die Käufe: Vorstände und Aufsichtsräte unter anderem von SAP, Heidelberg Druck, Pro Sieben Sat1 Media, Delivery Hero, German Startups Group, Kion, GFT, Rocket Internet, Heidelberg Cement, Deutsche Bank, Vapiano, IVU Traffic, K+S, Jungheinrich, Mutares und viele weitere haben zum Teil in millionenschwere Aktienpakete ihrer Unternehmen investiert. Die Käufe gehen quer über alle Branchen und Unternehmensgrößen hinweg und sind somit als repräsentativ zu sehen.

In den USA gibt es überproportional viele Aktienrückkäufe. Zum Teil ist dies eine Folge der Steuerreform und der daraus resultierenden Liquidität. In der Hauptsache zeigt es aber das Vertrauen ins eigene Geschäft – jedenfalls solange die Aktien als Akquisitionswährung eingeplant sind.

Starke Unternehmen – schwacher Rahmen

Klassischer Fall von kognitiver Dissonanz also: Ziemlich bedrückenden Rahmenbedingungen stehen gute Unternehmensnachrichten gegenüber. Diejenigen, die es wissen müssen, vertrauen fundamental auf ihre jeweiligen Geschäftsmodelle. Das alles spricht für Märkte, die sich im Wesentlichen seitwärts entwickeln. Das Beispiel Türkei zeigt, dass in solchen Phasen Emerging Markets größeren Risiken ausgesetzt sind als die etablierten Wirtschaftsräume.

Der nächste Härtetest steht bevor

Die nächste Nervositätswelle könnte allerdings schnell über die Kapitalmärkte schwappen: In wenigen Monaten stehen die Midterm-Wahlen in den USA an. Welche wirtschaftspolitischen Absurditäten sich Trump einfallen lässt, um seine Basis zu motivieren – sollten die Umfragen deutliche Stimmverluste für die republikanischen Kandidaten zeigen –, wissen heute wahrscheinlich weder er noch seine Berater. Es bleibt also spannend. Und unübersichtlich.