Potenziale in Indien und China (Ausgabe 5/2008)

Von Billiglohnstandorten zu attraktiven AbsatzmärktenIndien und China sind für deutsche und andere westliche Unternehmen längst nicht mehr nur Standorte für die Niedriglohnproduktion. Die wachsende Mittelschicht in den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Erde repräsentiert den deutlich gestiegenen Wohlstand eines Teils der Bevölkerung.

Indien und China sind für deutsche und andere westliche Unternehmen längst nicht mehr nur Standorte für die Niedriglohnproduktion. Die wachsende Mittelschicht in den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Erde repräsentiert den deutlich gestiegenen Wohlstand eines Teils der Bevölkerung. Allein die große Zahl dieser neuen Konsumenten macht beide Länder zu wichtigen Absatzmärkten.

Rund 2,5 Mrd. Menschen
Der als Aktiengesellschaft firmierende Fußball-Club Bayern München will seine Marke in Asien populärer machen. Vorbild ist der englische Spitzenclub Manchester United, der dort schon seit Jahren hohe Umsätze mit Fan-Artikeln macht. Im November nun vereinbarte Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge in Kalkutta mit Vertretern des indischen Bundesstaats Westbengalen die Errichtung einer Fußballakademie. Abseits der gängigen Wirtschaftsmeldungen zeigt auch dieses Beispiel, wie wichtig Asien von deutscher Seite für die Internationalisierung gesehen wird. Insbesondere Indien und China stehen als die mit Abstand größten Emerging Markets bei Expansionsbestrebungen ganz obenan. Mit zusammen rund 2,5 Mrd. Menschen beheimaten beide Staaten ein riesiges Reservoir an Arbeitskräften und mit wachsendem Wohlstand auch sehr viele Konsumenten. Bis zum Jahr 2015 werden in China und Indien zusammen etwa 1 Mrd. Menschen zur Mittelschicht zählen, schätzt der Asienexperte, Wirtschaftsanwalt und Buchautor Dr. Karl Pilny.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Doch neben weiteren Gemeinsamkeiten – z. B. hohe Investitionen in Infrastruktur, Immobilien und Produktionsstätten – trennen die beiden Staaten große Unterschiede. Dies betrifft insbesondere Kultur und gesellschaftspolitische Struktur. Indien ist eine Demokratie, China dagegen ließ seiner ökonomischen Liberalisierung keine politische folgen. Indien ist westlicher orientiert und hat im Gegensatz zur Volksrepublik ein verlässliches Rechtssystem. Außerdem ist dort, anders als in China, Englisch als Wirtschafts- und Alltagssprache verbreitet. Aus diesen Gründen ist es für deutsche Unternehmer in der Regel etwas leichter, in Indien zurechtzukommen. Zudem stellt sich das Bevölkerungswachstum anders dar. China ist aufgrund der Ein-Kind-Politik eine alternde Gesellschaft, während Indiens Bevölkerung stärker wächst und deutlich jünger ist (Durchschnittsalter 24,7 Jahre).

Export- versus Binnenorientierung
Als Wirtschafts- und Handelsmacht ist China ungleich größer. Es erzeugt rund 9% der weltweit hergestellten Güter, Indien nur etwa 1%. Das Wachstum in den letzten zehn Jahren lag im Reich der Mitte mit etwa 10 bis 12% jährlich höher als in Indien mit 6 bis 9%. In China ist der Produktions-, in Indien der Dienstleistungssektor vorherrschend. Pilny: „Indien ist anders als China, und die meisten anderen Staaten Asiens nicht export-, sondern binnenmarktorientiert. Hohen Exportüberschüssen in China stehen in Indien Importüberschüsse gegenüber.“ Beiden Staaten gemeinsam wiederum sind Landflucht und starkes Anwachsen der Metropolen.

Arbeitskosten in Indien stark gestiegen
Unternehmer, die sich in Indien engagieren, sollten überholte Ansichten hinter sich lassen. „Wer heute noch Indien in erster Linie als Billiglohnland einschätzt, so wie beispielsweise Vietnam eines ist, wird schwer enttäuscht werden“, sagt die Indien-Expertin Prof. Dr. Claudia Ossola-Haring, Wirtschaftswissenschaftlerin an der SRH Hochschule Calw im Nordschwarzwald. Durch häufige Aufenthalte in Indien und die Kooperation mit einer Partnerhochschule im südindischen Bundesstaat Kerala hat sie dort gute Kontakte und Einblicke. „Die Kosten für qualifizierte Arbeit sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen“, erklärt sie. „Interessant ist Indien zum einen wegen seiner gut ausgebildeten Arbeitnehmer vor allem im IT- und Ingenieur-Bereich und zum anderen als Absatzmarkt, weil die kaufkräftige Mittelschicht nicht nur schnell wächst, sondern auch sehr konsumfreudig ist.“ Von Autos über Möbel und Elektronikartikel bis zu Kleidung und Kosmetik – der Nachholbedarf im Konsum ist enorm und wird von den schätzungsweise 300 bis 400 Mio. Angehörigen der Mittelschicht gestillt. Das sind mehr Menschen als in der gesamten Europäischen Union. „In Technik und Know-how haben deutsche Erzeugnisse einen sehr guten Ruf“, erklärt Prof. Ossola-Haring. Das Vertrauen in die Fähigkeiten der Deutschen sei sehr groß. Die Arbeitnehmer sind verlässlich. Sie brauchen allerdings auch eine gute Führung, da starkes Hierarchiedenken vorherrscht und die meisten Inder sich scheuen, im Beruf eigenständige Entscheidungen ohne den Segen ihrer Vorgesetzten zu treffen.

Call-Center und Automobilzulieferer
Die Strategien deutscher Firmen weisen in Indien in drei Richtungen. Zum einen versucht man, die ausgebildeten Fachkräfte im IT- und Software-Bereich für sich zu nutzen. So ist beispielsweise SAP im IT-Zentrum Bangalore sehr stark mit einer eigenen Niederlassung vertreten. Auch haben einige deutsche Firmen einen Teil ihrer Call-Center dorthin verlagert, die Lufthansa hat in Bangalore ein Processing-Center. Die Pharma-Industrie in Indien ist ebenfalls stark. Ein zweiter Bereich deutscher Betätigung ist die Zulieferung für dortige Konzerne. Insbesondere mittelständische Maschinenbauer, die u. a. Anlagen für die Textilindustrie sowie für Marmor- und Granitwerke liefern, und Automobilzulieferer – u. a. für den Autohersteller Tata – sind gute Beispiele dafür. Und drittens wird mit zunehmender Bedeutung auch der Absatzmarkt für private Verbraucher als Motiv für ein Eigenengagement oder eine Kooperation mit einem indischen Unternehmen gesehen. Prof. Ossola-Haring: „Wichtig ist dabei, dass man kein ‚Management per Helikopter’ betreibt. Man muss Leute vor Ort haben, die beide Mentalitäten bzw. Kulturen verstehen.“

Mangelhafte Infrastruktur
Als großer Nachteil gilt nach wie vor die mangelhafte Infrastruktur in Indien. Transportgeschwindigkeit und -zuverlässigkeit lassen wegen schlechter Straßen zu wünschen übrig, die Energieversorgung ist wegen häufiger Stromausfälle nicht kontinuierlich gewährleistet. Standorte in der Nähe von Seehäfen wie Mumbai (früher Bombay) und Chennai (Madras) sind begehrt, die Mieten für Gewerbeimmobilien bzw. die Grundstückspreise für Produktionsstätten sehr hoch. Mumbai ist in erster Linie bedeutend als Hafen, Finanzzentrum (Indiens wichtigste Börse) und Filmstandort (Bollywood). Mumbay ist als Seehafen mit Zugang in den Süden des Landes wichtig. Drittes „Gravitationszentrum“ ist die Hauptstadt Delhi, insbesondere als Politik- und Verwaltungsstandort. Bangalore wiederum hat als Mittelpunkt der IT-Industrie einen besonderen Stellenwert.

Hauptmotive für China-Engagements
Für China lassen sich ebenfalls drei Hauptmotive deutscher Unternehmer für eine Kooperation, eine Vertriebsniederlassung oder Produktionsstätte dort nennen. Erstens gilt das Land weiterhin als kostengünstiger Produktions- bzw. Einkaufsstandort. „Zuerst kamen die Einkaufsbüros großer Warenhäuser, die beispielsweise Textilien, Schuhe und Spielwaren orderten“, erzählt Ivo Naumann, als Managing Director der Unternehmensberatung AlixPartners in Schanghai tätig. „Produziere in China und exportiere von dort, diese Strategie hat noch ihre Gültigkeit, auch wenn die Kosten heute deutlich höher liegen als vor vier, fünf Jahren.“ Dabei geht es in erster Linie um personalintensive Produktion, die schlecht automatisierbar oder sehr schmutzig ist – wie z. B. die Herstellung von Alufelgen und Reifen für Autos. Zurzeit ist Continental dabei, ein Reifenwerk in China zu errichten.

Beispiel Automobilbranche
Zweitens folgen deutsche Unternehmen wie z. B. Maschinenbauer ihren Kunden nach China, um sie vor Ort beliefern zu können. „Bestes Beispiel ist die Automobilbranche, wo VW vorausgegangen ist und die Zulieferer folgen mussten“, sagt Naumann. Drittens hat sich China ebenso wie Indien mit seiner Mittelschicht zu einem eigenen attraktiven Absatzmarkt entwickelt, für Konsumgüter, Chemie, Stahl, Maschinen etc. „Aktuell kommt noch hinzu, dass etliche chinesische Unternehmen inzwischen zu großen Konzernen gewachsen sind, die viele Zulieferer – auch aus Deutschland – um sich scharen.“ Wachstumstreiber in China si
nd nicht mehr nur die Küstenregionen – insbesondere Schanghai und die Sonderwirtschaftszone Shenzen bei Hongkong; längst sind es auch Zentren im Landesinneren, wie die massiv gewachsene Metropole Chongqing.

Unterschiedlicher Marktzugang
Die meisten Branchen sind heute – anders als noch in den 1990er Jahren – relativ frei für Ausländer zugänglich, so beispielsweise die Autozulieferer, der Maschinenbau und die Konsumgüterindustrie. Einige sind aber relativ streng reglementiert, wie der Bankensektor, die direkte Automobilherstellung und einige Chemiebereiche. Deutsche Firmen erhalten hier in der Regel nur über ein Joint Venture mit einem chinesischen Unternehmen, das in der Regel die Mehrheit hält, Marktzutritt. Wegen der unterschiedlichen Unternehmenskulturen und der Tatsache, dass ohne Zustimmung des chinesischen Partners keine Investitionsentscheidung getroffen werden kann, sind sie Naumann zufolge aber „aus der Mode gekommen“. Bevorzugt werden heute zu 100% eigene Tochtergesellschaften. Wegen des Engpasses bei gut qualifizierten Fachkräften ist dabei eine durchdachte Personalstrategie heute ein Schlüsselfaktor für den Erfolg.

Chinas Wachstum schwächt sich ab
Ein großes Problem ist weiterhin die Produktpiraterie. Dazu kommt, dass chinesische Hersteller ihr gewonnenes Know-how z. B. in eigene Innovationen umsetzen und so deutschen Unternehmen in Zukunft Konkurrenz machen könnten. Asien-Experte Pilny sieht dennoch weiterhin gute Chancen für deutsche Unternehmen in Bereichen wie Verkehrstechnik, Maschinenbau, Umwelttechnik und erneuerbare Energien. Zunächst aber drücken die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise auch dort auf das Wachstum – die Raten dürften sich nach Expertenmeinung auf etwa 6 bis 9% abschwächen. Naumann sieht deshalb jetzt bei deutschen Engagements in China einen Paradigmenwechsel: „Früher ging es darum, in China zu wachsen – heute geht es darum, Geld zu verdienen.“ Diejenigen, die den Markt falsch eingeschätzt haben und rote Zahlen schreiben, könnten sich bald zurückziehen.

Fazit:
Indien und China bieten deutschen Unternehmen nach wie vor große Chancen für Produktion und insbesondere Absatz. Engagements sollten allerdings gut vorbereitet sein – Kulturunterschiede, einheimische Konkurrenz, Kostensteigerungen und teilweise Fachkräfte-Engpässe sind zu berücksichtigen. Die weltwirtschaftliche Abschwächung kommt nun dazu.

Bernd Frank
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