Jedes zweite insolvente Unternehmen schon gerettet

Insolvenz
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Die Großinsolvenzen von Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 20 Mio. EUR sinken im zweiten Quartal des Jahres 2022 wieder deutlich ab. Laut Falkensteg Insolvenzreport beantragten lediglich 19 Unternehmen in diesem Zeitraum ein Insolvenzverfahren. Damit liegen nach der Untersuchung die Antragszahlen wieder auf dem Durchschnittswert der Quartale des zweiten Coronajahrs 2021. Gegenüber dem Vorjahresquartal stiegen die Insolvenzen jedoch leicht an. Der rückläufige Trend sei vorwiegend auf die geringen Anträge von Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 50 Mio. EUR zurückzuführen.

Im zweiten Quartal 2022 registrierten die Amtsgerichte lediglich drei Anträge. „Es wird sicherlich im zweiten Halbjahr mehr Insolvenzen geben als im ersten. Allein die explodierenden Kosten bei neuen Energiekontrakten werden die Gewinne und am Ende auch Liquidität vieler Unternehmen nach und nach aufzehren“, meint Falkensteg-Partner und Studienautor Jonas Eckhardt. Die weitere Entwicklung werde davon abhängen, inwieweit Unternehmen die Kostensteigerungen an ihre Kunden weitergeben können und in welchem Umfang der Staat wieder unterstützend eingreift.

Hohe Unsicherheit im M&A-Markt

Von den 75 Großinsolvenzen aus 2021 konnten laut Falkensteg bereits 38 Firmen gerettet werden – ein Plus von elf Unternehmen. 27 Firmen wurden verkauft und bei elf Unternehmen stimmten die Gläubiger einem Insolvenzplan zu. Deutlich verringert hat sich die Zahl der noch offenen Verfahren von 28 auf 18. In 19 Fällen wurde der Betrieb eingestellt oder Masseunzulänglichkeit angezeigt. Die dennoch rückläufige Rettungsquote im Vergleich zum Vorjahr habe vor allem zwei Gründe. Einerseits „stellen die Unternehmen tendenziell deutlich später einen Insolvenzantrag“, so Jonas Eckhardt. Mit dem Hinauszögern des Insolvenzantrages sinken aber die Restrukturierungschancen deutlich. Andererseits sind die Investoren deutlich verhaltener. Noch vor einem Jahr war der Ausblick der Unternehmenskäufer sehr euphorisch. Nach zwei Jahren Corona werde die Wirtschaft einen Schub erleben, so die Devise. Inzwischen führen Inflation sowie hohe Rohstoff- und Energiepreise zu einem Nachfragerückgang und Investitionen werden weiter verschoben. „Die Zukunftsaussichten haben sich völlig gedreht. Es herrscht eine hohe Unsicherheit im Markt und das führt zu einer deutlichen Zurückhaltung bei M&A-Deals. Die Rettungsquote von 50% ist deshalb ein sehr positiver Wert“, erläutert Eckhardt.

Hohe Energiepreise bedrohen Unternehmen

Die hohen Kosten für Energie sind aktuell die Sorge Nummer Eins im Mittelstand: Eine Umfrage des Bundesverbandes Der Mittelstand (BVMW) unter rund 850 Unternehmen zeigt, dass drei Viertel der befragten kleinen und mittleren Betriebe unter den explodierenden Energiepreisen leiden. Mit 42% sehen sich fast die Hälfte der befragten Mittelständler durch die Energiekosten sogar in ihrer Existenz bedroht. „Im unternehmerischen Mittelstand herrscht der Energienotstand. Wenn die Bundesregierung in dieser akuten Notlage nicht handelt, droht in zehntausenden mittelständischen Betrieben schon bald buchstäblich das Licht auszugehen“, macht Markus Jerger, Vorsitzender des Bundesverbandes Der Mittelstand. BVMW, den Ernst der Lage deutlich. Er fährt fort: „Mit Energieeinsparungen der Unternehmen allein ist der Kostenexplosion nicht beizukommen. Hier ist die Politik am Zuge. Wir fordern die Bundesregierung auf, in einem ersten Entlastungsschritt alle Energiesteuern auf das von der EU vorgegebene Mindestniveau zu senken und den weiteren Anstieg der Kohlendioxid-Bepreisung auszusetzen.“

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören dabei Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen sowie Tech-Startups.

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