Franchise 2026: Weg in die Selbstständigkeit oder Abhängigkeit?

Warum Franchise-Modelle heute gründlicher geprüft werden müssen als je zuvor

Der Wunsch nach Selbstständigkeit ist ungebrochen. Franchise-Modelle erscheinen als attraktive Alternative zum Start bei null.
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Der Wunsch nach Selbstständigkeit ist ungebrochen. Gleichzeitig schrecken viele potenzielle Gründer vor einem klassischen Start bei null zurück. Franchise-Modelle erscheinen da als attraktive Alternative: eine bekannte Marke, ein erprobtes Geschäftsmodell, klare Abläufe und die Aussicht, typische Anfängerfehler zu vermeiden. Lange Zeit galt Franchising als vergleichsweise sicherer Weg in die unternehmerische Unabhängigkeit. Doch das Jahr 2026 zeigt deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen spürbar verändert haben.

Steigende Kosten für Personal, Mieten und Energie, ein zunehmend kompetitiver Markt sowie strengere vertragliche Vorgaben der Systemgeber verändern das Chancen-Risiko-Verhältnis. Wer heute ein Franchise übernimmt, kauft nicht nur ein Konzept, sondern bindet sich langfristig an Strukturen, Prozesse und Entscheidungswege. Diese können Sicherheit bieten, sie können aber ebenso die eigene unternehmerische Freiheit deutlich begrenzen. Umso wichtiger ist es, Franchise-Modelle nicht als Garant für Erfolg zu betrachten, sondern als komplexe unternehmerische Entscheidung.

Hinter der Marke: Warum das System entscheidend ist

Viele Interessenten lassen sich zunächst von der Markenbekanntheit leiten. Ein etablierter Name vermittelt Vertrauen, sagt jedoch wenig über die tatsächliche Qualität des Systems aus. Entscheidend ist nicht, wie sichtbar eine Marke ist, sondern wie stabil die Strukturen dahinter funktionieren. Ein lokal erfolgreicher Betrieb lässt sich nicht automatisch vervielfältigen. Erst durch klare Standards, dokumentierte Prozesse und eine konsistente Markenlogik entsteht ein Franchise, das auch mit unterschiedlichen Partnern tragfähig ist.

Angehende Franchise-Nehmer sollten deshalb hinterfragen, wie das System aufgebaut wurde. Wurden Abläufe bewusst entwickelt, getestet und optimiert? Oder basiert das Modell primär auf den Erfahrungen eines einzelnen Standorts? Je strukturierter der Systemaufbau, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Konzept auch unabhängig von einzelnen Personen funktioniert.

Schulung und Einarbeitung: Befähigung statt Informationsflut

Ein zentrales Qualitätsmerkmal eines Franchise-Systems ist das Schulungskonzept. Ziel muss es sein, neue Partner nicht nur einzuarbeiten, sondern sie unternehmerisch zu befähigen. In der Praxis unterscheiden sich die Ansätze jedoch erheblich. Während manche Systeme auf mehrstufige Schulungen mit hohem Praxisanteil setzen, beschränken sich andere auf kurze Einweisungen und allgemeine Leitfäden.

Gründer sollten gezielt nachfragen, welche Inhalte vermittelt werden, wie lange die Schulungsphase dauert und wie praxisnah sie gestaltet ist. Besonders relevant ist, ob auch Themen wie Personalführung, betriebswirtschaftliche Steuerung und lokale Marktbesonderheiten berücksichtigt werden. Ebenso wichtig ist die langfristige Wissenssicherung: Aktuelle Handbücher, klare Standards und regelmäßige Weiterbildungen sind unerlässlich, um Qualität und Einheitlichkeit zu gewährleisten.

Ein realistischer Blick auf bestehende Partner kann zusätzlich helfen. Unterschiede zwischen wirtschaftlich starken und schwächeren Standorten zeigen oft, ob Schulung und Systematik tatsächlich greifen oder ob der Erfolg stark von individuellen Fähigkeiten abhängt.

Betreuung nach dem Start: Wenn Strukturen fehlen

Der eigentliche Alltag beginnt meist erst nach der Eröffnung. Gerade in den ersten Monaten treten operative, personelle und wirtschaftliche Herausforderungen auf, die sich in der Planung oft nur schwer abbilden lassen. Prozesse müssen sich im Echtbetrieb bewähren, Mitarbeitende eingearbeitet werden, erste Umsatzschwankungen treten auf und Entscheidungen müssen unter Zeitdruck getroffen werden. Viele Gründer unterschätzen, wie entscheidend eine verlässliche Begleitung in dieser Phase ist, insbesondere dann, wenn sie erstmals unternehmerische Verantwortung tragen.

Deshalb sollte vor Vertragsabschluss klar sein, wie das Partnermanagement konkret organisiert ist. Gibt es feste Ansprechpartner in der Zentrale, die das Geschäft und die individuellen Rahmenbedingungen kennen? Wie regelmäßig findet der Austausch statt, ist dieser strukturiert oder rein anlassbezogen? Ebenso wichtig ist die Frage, ob klare Prozesse für Feedback, operative Unterstützung und den Umgang mit Krisensituationen existieren. Gerade bei wachsenden Systemen zeigt sich, ob Betreuung strategisch geplant oder improvisiert erfolgt. Fehlen definierte Rollen, transparente Zuständigkeiten und ausreichende Kapazitäten, geraten Franchisegeber schnell an ihre organisatorischen Grenzen, mit direkten Auswirkungen auf Motivation, Entwicklung und wirtschaftliche Stabilität der Partner.

Marketing und Kundengewinnung: Struktur schlägt Bekanntheit

Auch im Franchise gilt: Ohne Kunden kein Umsatz. Ein bekannter Markenname kann den Markteintritt erleichtern und erste Aufmerksamkeit erzeugen, ersetzt jedoch kein tragfähiges Marketing- und Vertriebskonzept. Gründer sollten daher sehr genau prüfen, welche Marketingmaßnahmen zentral vom Franchisegeber gesteuert werden und in welchem Umfang Verantwortung, Budget und operative Umsetzung beim einzelnen Partner liegen. Entscheidend ist nicht, was theoretisch vorgesehen ist, sondern was im Alltag tatsächlich funktioniert und messbar zur Nachfrage beiträgt.

Die Bandbreite der möglichen Instrumente reicht von zentralen Kampagnen über digitale Leadgenerierung bis hin zu lokalen Maßnahmen. Umso wichtiger ist es, dass Marketing nicht zufällig, sondern strategisch geplant, regelmäßig ausgewertet und kontinuierlich weiterentwickelt wird. Systeme, die sich auf punktuelle Aktionen oder allgemeine Markenbekanntheit verlassen, bieten ihren Partnern oft keine verlässliche Umsatzbasis. Fehlen klare Strukturen für nachhaltige Kundengewinnung und professionelle Vertriebsprozesse, wird das unternehmerische Risiko einseitig auf die Franchise-Nehmer verlagert. Gerade in gesättigten oder stark umkämpften Märkten kann das schnell zu wirtschaftlichem Druck führen und die Rentabilität des Standorts gefährden.

Wachstum als Belastungsprobe für das System

Viele Franchise-Systeme funktionieren in der Anfangsphase gut, scheitern jedoch an ihrem eigenen Wachstum. Ab einer bestimmten Größe steigen die Anforderungen an Organisation, Kommunikation und Führung erheblich. Systeme, die diese Entwicklungsstufen nicht vorbereitet haben, geraten unter Druck.

Für Franchise-Nehmer äußert sich das häufig in verzögerter Unterstützung, unklaren Zuständigkeiten oder mangelndem Austausch innerhalb des Netzwerks. Gleichzeitig lassen vertragliche Vorgaben oft wenig Raum für lokale Anpassungen, selbst dann, wenn sie wirtschaftlich sinnvoll wären. Was ursprünglich als Sicherheit gedacht war, kann sich so in eine strukturelle Abhängigkeit verwandeln.

Kritisch prüfen statt auf Versprechen vertrauen

Franchising ist weder automatisch sicher noch grundsätzlich riskant. Ausschlaggebend ist die Qualität des Systems und die Bereitschaft der Gründer, vorab kritisch zu prüfen. Wer versteht, wie ein Franchise aufgebaut ist, welche Strukturen dahinterstehen und wie mit Wachstum umgegangen wird, kann Chancen realistisch einschätzen. Wer gezielt nachfragt, Prozesse hinterfragt und Unterstützung konkret einfordert, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Franchise-Einstieg nicht zum Bumerang wird, sondern zu einem stabilen und langfristig tragfähigen Geschäftsmodell.

Autorenprofil
Jana Jabs

Jana Jabs ist Franchise-Expertin und begleitet Unternehmen bereits seit mehr als zehn Jahren beim Aufbau einer digitalen Wissenssammlung. Als Franchise-Beraterin unterstützt sie Unternehmer dabei, ein nachhaltiges Franchise-System aufzubauen und ihr Business-Wissen digital als Handbuch abzubilden und allen Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen.

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