Die Scouts aus Marzahn

Ein Campus zur Stärkung des Industriestandorts Berlin

Unter dem Dach der B.I.G. sind verschiedene Technologieunternehmen gebündelt, die in ihren jeweiligen Märkten Standards setzen.
Foto: © B.I.G.

Unter dem Dach der Berlin.Industrial.Group. (B.I.G.) sind verschiedene Technologieunternehmen und Start-ups gebündelt, die in ihren jeweiligen Märkten Standards setzen. Die ansässigen Unternehmenslenker profitieren dabei vom Erfahrungsschatz des Firmengründers.

Montage eines Scansonic-Lasers an einem Industrieroboter; Foto: © B.I.G

Angefangen hat alles im Jahr 2000, als der junge Ingenieur Igor Haschke das Unternehmen Scansonic in Berlin gründete. Er entwickelte mit dem damals noch neuen Werkzeuglaser ein spezielles Lötverfahren für die Automobilindustrie. Erstmals diente der Zusatzdraht, der beim Schweißen oder Löten durch Abschmelzen von Material für die Nahtbildung bereitsteht, zugleich als mechanischer Taster. Damit war höchste Präzision möglich, Nähte konnten ohne weitere Bearbeitung direkt überlackiert werden. Weitere Anwendungen folgten. Mittlerweile setzen alle großen Automobilhersteller weltweit die Anwendungen von Scansonic ein, die auf Industrieroboter wie denen von Kuka aufgesetzt werden. Viele Kunden kommen ins firmeneigene Labor und entwickeln gemeinsam mit den Berlinern das Gerät, welches zu ihrem jeweiligen Anwendungsfall passt. Haschke ließ sich sein System patentieren und stieg so zum Hidden Champion auf. „Ein Auto wird unabhängig von seiner Antriebsform und seinem digitalen Innenleben immer eine Karosserie haben, die geschweißt werden muss“, sagt Dr. Jan-Marc Lischka, geschäftsführender Direktor der B.I.G. „Großes technologisches Potenzial haben jedoch die Anwendungen in der Elektromobilität. Die Herausforderungen an Präzision und Geschwindigkeit sind hier enorm, die wir mit verschiedenen neuen Entwicklungen gut bedienen können.“ Scansonic ist auch heute trotz Automobilkrise profitabel.

Areal mit reichlich Platz für Wachstum

Softwaresteuerung an einem 3D-Metalldrucker
Foto: © Harry Schnitger

Anfang 2016 bezog Firmengründer Haschke den neuen Standort im östlichen Berliner Ortsteil Marzahn. Zum ersten Mal waren alle Unternehmen der mittlerweile zu einer Gruppe angewachsenen Einheit an einem Ort konzentriert. Das Gelände dazu wurde vom Land Berlin erworben, ein großes brachliegendes Areal mit reichlich Platz für Wachstum. Inzwischen gehören neun Beteiligungen zum Portfolio der Unternehmensgruppe, die in Berlin.Industrial.Group. (B.I.G) umbenannt wurde. Dazu zählt mit Lumics eines der wenigen Unternehmen, das die gesamte Wertschöpfungskette für die Entwicklung und Herstellung von Laserdioden selbst im Haus haben: von der Waferprozessierung und Chipproduktion bis zum fertigen Lasermodul, die vor allem in medizinischen Geräten verwendet werden. Haschke war auch Gründungsinvestor von Gefertec – eine Ausgründung aus der Technischen Universität Berlin und heute eine 100 %ige Tochter, die sich mit 3D-Metalldruck beschäftigt. Die Drucker verarbeiten Draht aus normalem Baustahl, der günstiger ist als Pulver. Das Material wird Schicht für Schicht per Lichtbogen aufgetragen. „Ein solches Werkstück ist bis zu 50 % günstiger als ein Gussteil“, beschreibt Dr. Lischka die neuen Maschinen. In der Halle lagern Schiffsschrauben aus dem 3D-Drucker – eine Auftragsproduktion für eine Werft in Südostasien. Die Drucker werden weltweit verkauft.

Einstieg in den Markt für Landwirtschaftstechnik

Zuletzt wurde mit Escarda ein Start-up auf dem Campus gegründet und erfolgreich auf dem Markt etabliert, welches Agrarflächen von unerwünschter Begleitvegetation befreit. Anstelle von Herbiziden kommen hier KI-gestützte Laser zum Einsatz. „Das ermöglicht einen ökologischen Landbau auch für große Flächen“, erläutert Dr. Lischka. An Escarda hält die B.I.G. eine Minderheitsbeteiligung; ein Prinzip, das Start-ups an den Campus binden soll.

Der B.I.G.-Campus ist ein Ort, an dem zielgerichtet Unternehmen und Start-ups angesiedelt werden sollen. Gründer, die aus der ersten Phase herausgewachsen sind, erhalten hier maßgeschneiderte Unterstützung – von Beratung über Prototyping bis hin zur Unterstützung bei der Skalierung des Geschäftsmodells und einer potenziellen Förderung durch den hauseigenen Industrial Tech Accelerator. „Wir sehen uns als Hub für Hardtech-Start-ups. Dementsprechend scouten wir passende Unternehmen, die wir dann auf unserem Campus ansiedeln wollen“, so Dr. Lischka. Auf diese Weise will die mittelständische Unternehmensgruppe wieder daran anknüpfen, was Berlin einmal war: ein industrieller Standort.

„Wir setzen auf Selbstorganisation und kollegiale Führung“

Interview mit Igor Haschke, geschäftsführender Gesellschafter, B.I.G. Holding SE

Unternehmeredition: Herr Haschke, nach dem unternehmerischen Erfolg mit Scansonic hätten Sie das Unternehmen zu einem guten Preis verkaufen und sich zur Ruhe setzen können. Was treibt Sie um, Ihr Wissen als Unternehmenscoach weiterzugeben?

Igor Haschke: Zu viel Ruhe ist nichts für mich – dafür macht es mir einfach zu viel Freude, Dinge zu bewegen. Über die Jahre habe ich viele Erfahrungen gesammelt: Manche Wege führen zum Erfolg, andere waren lehrreich. Ich hatte das Glück, im Laufe der Jahre inspirierenden Mentoren und Wegbegleitern zu begegnen. Wenn ich heute mein Wissen weitergeben und andere auf ihrem Weg begleiten kann, bereitet mir das Freude.

Welche Art von Wissen geben Sie hierbei weiter?

Igor Haschke; Foto: © B.I.G

Seit über zehn Jahren beschäftigt mich die Frage, wie gute Zusammenarbeit wirklich gelingt. Fördern strenge Hierarchien und starre Prozesse tatsächlich Engagement und das Gefühl, etwas bewegen zu können? Ich bin vom Gegenteil überzeugt. In unseren Unternehmen bauen wir klassische Hierarchien ab, fachliche Entscheidungen treffen die Teams – dort, wo das Know-how sitzt. Wir setzen auf Selbstorganisation und kollegiale Führung. Natürlich sind wir noch nicht am Ziel, aber wir entwickeln uns stetig weiter. Über unsere Erfahrungen, bewährte Strukturen und auch über die Hürden auf den Weg dahin tausche ich mich gern aus.

Was unterscheidet den von Ihnen maßgeblich initiierten Campus von herkömmlichen Gewerbegebieten?

Unser Campus ist weit mehr als eine Unternehmensadresse: Er ist ein lebendiger Innovationsstandort. Wir schaffen gezielt ein Ökosystem, in dem Start-ups, wachsende Unternehmen und etablierte Industrieunternehmen voneinander profitieren. Hier trifft das Wissen erfahrener Marktakteure auf die Ideenvielfalt junger Gründerteams. Das sind gute Voraussetzungen für nachhaltige Kooperationen und schnelles Prototyping.


KURZPROFIL B.I.G. Holding SE

Gründungsjahr: 2000

Branche: Werkzeug- und Maschinenbau

Firmensitz: Berlin-Marzahn

Beschäftigte: 347

Umsatz 2024 : 55,1 Mio. EUR

www.berlin.industrial.group


👉 Dieser Beitrag ist auch in der neuen Magazinausgabe der Unternehmeredition 04/2025 mit Schwerpunkt „Unternehmervermögen“ erschienen.

Autorenprofil
Torsten Holler

Der Wirtschaftsjournalist Torsten Holler schreibt seit 1987 regelmäßig für renommierte Wirtschaftsmedien über verschiedenste Themen.

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