Kapitalmärkte auf unbekanntem Terrain

Monatlicher Kapitalmarkt-Standpunkt von Kai Jordan, Vorstand der mwb Wertpapierhandelsbank AG

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Der erste Mann auf dem Mond spielen Kinder oft im Winter, wenn sie die erste Spur im frischen Pulverschnee hinterlassen. Sie kommen sich vor wie Neil Armstrong, als er am 21. Juli 1969 unbekanntes Terrain betrat. Genauso ist die derzeitige Situation in den Kapitalmärkten. Analysten und Journalisten suchen gerne nach vergleichbaren Situationen in der Geschichte, um Erklärungen und Leitplanken zu finden. Das war schon beim Ausbruch der Covid-19 Pandemie so. Schnell wurde ein Vergleich mit dem Ausbruch der Spanischen Grippe herangezogen. Der hinkte aber leider gewaltig, denn damals gab es keine global zusammenhängenden digitalen Kapitalmärkte, die in Echtzeit belohnen oder bestrafen. Gerade die Zentralbanken sind dazu verdonnert, hier ins Ungewisse voranschreiten zu müssen.

Preisexplosion zwingt EZB zum Umdenken

Nun hat der Angriff Russlands auf die Ukraine die Auftriebskräfte bei den Preissteigerungen enorm beschleunigt und die Zwickmühle der Zentralbanker in eine Richtung aufgebrochen, die ohne den Konflikt vermutlich anders verlaufen wäre. Die Explosion bei den Preisen für Energie, Nahrungsmittel und alle Produkte und Dienstleistungen mit Lieferkettenproblemen, sowie die sich in den ersten Ankündigungen der Gewerkschaften abzeichnenden Zweitrundeneffekte, führen nun auch bei der EZB zwangsweise zu einem Umdenken und zum Bruch mit allen Aussagen, die Frau Schnabel und Co. noch vor ein paar Monaten getroffen haben.

Wir hatten immer auf den Bund-Future hingewiesen, dessen Stabilität lange Zeit die Sprache der EZB-Granden reflektiert hat. Nun hat das Äquivalent der zehnjährigen Bundesanleihe einen beispiellosen Absturz hingelegt und reflektiert damit die neue Situation. Gleichzeitig explodieren die Spreads der Anleihen der sogenannten Club-Med-Staaten und beleben die Erkenntnis neu, dass die Eurozone immer noch unter einem ebenso dilettantischen Statikfehler leidet – eine fehlende Exekutive beziehungsweise keine ernsthafte Integration der europäischen Finanzpolitik. Dieser Riss im Mauerwerk der Gemeinschaftswährung wurde lediglich durch die „quasi-Staatsfinanzierung“ der Zentralbank zugekleistert. Mit der halbherzigen Ankündigung des 0,25 Schrittes nach der letzten EZB-Sitzung und der Einstellung der Anleihekäufe blieb Frau Lagarde offensichtlich viele Antworten schuldig und die Anleihemärkte haben sie hierfür gnadenlos abgewatscht. Für den Herbst scheint aber schon die nächste Zinserhöhung in der Schublade zu liegen. Viele Ökonomen fordern aber sofort noch stärkere Erhöhungen angesichts der Tatsache, dass die Inflationsrate im Euroraum zuletzt auf den Rekordwert von 8,1% stieg.

Zwar bekräftigte Lagarde die Entschlossenheit der EZB, die Fragmentierung zu verhindern – notfalls würde man „bestehende Instrumente anpassen oder neue auflegen“. „Ein „Spread-Tool“ zur Steuerung der unterschiedlichen Renditen in Europa wurde angekündigt. Aber wie dieses Tool wirklich funktionieren wird, verkündete sie nicht. Die Reinvestitionen der fällig werdenden Staatsanleihen könnten notfalls hochflexibel im Kampf gegen die Fragmentierung eingesetzt werden. Kann man die aktuellen 2,35% Spread nicht schon längst als Fragmentierung ansehen? Die italienischen, deutschen und griechischen Renditen konnten im Vergleich zum Stand kurz vor der EZB-Entscheidung immer  weiter zulegen. Die Verschuldung der Südländer in der Eurozone wird nun immer teurer und teurer. „In die Falle getappt“.

Investoren ziehen sich in den „Risk-Off-Modus“ zurück

Die Investoren in zahlreichen Assetklassen ziehen sich zunehmend in den „Risk-Off-Modus“ zurück. Die Pleiten oder Restrukturierungen bei Start-ups, die vor kurzem noch abenteuerliche Milliardenbewertungen erreichten, stehen hier nicht alleine. Auch an den Aktienmärkten haben nicht nur Small-Caps und einst hochbewertete Technologiewerte sondern mittlerweile auch die großen Indizes eine ordentliche Bremsspur hingelegt. „Auf Turkey“.

Wer direkt oder indirekt in den letzten Jahren in die um die Nullmarke rentierenden neuen und vermeintlich sicheren Bundesanleihen investiert hat, kann sich heute über Kursverluste je nach Laufzeit von 1% bis zu mehr als 30% bei den Langläufern „freuen“. Hier kann man nur noch renditefrei auf die Rückzahlung warten. Und dass bei den aktuellen Inflationsraten der Realzins diese Investments zum Desaster werden lässt, liegt auf der Hand. Auch bei den guten Mittelstandsbonds wurden hier und da einige Prozentpünktchen abgezogen. Aber diese Anleihen hängen eben weniger an einer Benchmark als an erfolgreichen Geschäftsmodellen und in der Liga der guten Bonds bleibt trotz leichtem Kursverlust am Ende des Jahres noch aufgrund eines nennenswerten Kupons ein nominales Plus übrig. So lässt sich die unschöne Inflation schon besser verschmerzen.

Die sozialen Effekte der explodierenden Preise sind immens. Bei den Beziehern niedriger Einkommen frisst die Inflation sehr schnell alle disponiblen Beträge und auch darüber hinaus auf. Die Versuche der Bundesregierung hier durch Interventionen gegenzusteuern, erscheinen nicht sonderlich wirksam. Wenn aber die Kapitalmärkte den Glauben verloren haben, dass die EZB einen einheitlichen europäischen Zinstrend noch hinbekommt, ohne die Kontrolle über die Inflation zu verlieren, dann gibt es nur eine Möglichkeit, den derzeitigen Haupttreiber für die Entwicklung der Preise zu stoppen. Der Krieg muss so schnell wie möglich enden. Denn neben dem unendlichen menschlichen Leid, dass hier angerichtet wird, sind die Effekte eben Gift für Menschen und Märkte. Die Sanktionen schmerzen die Russen sicher, aber ihre Wirkung wird relativiert, weil man die betroffenen Rohstoffe einfach nach China oder Indien verkaufen kann. Gleichzeitig beginnt Russland den Gasexport nach Deutschland massiv einzuschränken. Vizekanzler Habeck sah sich gezwungen – im Juni – die zweite Stufe des Gas-Notfallplans in Kraft zu setzen. Die Gegner haben sich in der Ukraine in einem langwierigen Artilleriekrieg verbissen. Eine Friedenslösung kann nur am grünen Tisch erzwungen werden und dafür ist es leider erforderlich, dass die russische Position so weit wie möglich geschwächt wird. So bitter es einer pazifistischen Grundhaltung entgegensteht, das erreicht man leider nicht mit heißen Reden oder Telefonaten. Die Ukraine muss schweres Gerät bekommen in hinreichendem Umfang. Hier beginnt der Groll der Staaten in West- und Osteuropa. So schreibt Spiegel Online im Kommentar „Drückeberger Deutschland“: „Statt als gestaltender Akteur und Schutzmacht für Osteuropa aufzutreten, produziert die Bundesregierung faule Kompromisse und verbales Leergut. Es mangelt an historischem Ehrgeiz.“

Schnelles Kriegsende wünschenswert

An Ehrgeiz mangelte es dem Bundeskanzler aber nicht, als er im Februar kurz vor dem Einmarsch zum Antrittsbesuch nach Moskau eilte, um Putin zu sprechen. Was immer dann Inhalt dieser Gespräche war. Doch neben dem Altkanzler sind auch weitere prominente Vertreter der Sozialdemokratie wie Sigmar Gabriel weiter im Dialog mit ranghohen russischen Vertretern. Als ehemaliger Wirtschaftsminister für explodierende deutsche Waffenexporte nach Nordafrika verantwortlich, ist er nun auf einmal gegen solche Exporte in die Ukraine. Ob diese Haltung tatsächlich nur aus Sorge um eine Ausweitung des Konflikts mit nuklearen Waffen herrührt, wollen wir hier nicht weiter beurteilen. Aber gerade in der Ampelkoalition gibt es eben auch andere Stimmen. So titelte der Spiegel vor kurzem „die Olivgrüne“ über die einstige Friedenspartei. Die Wähler scheinen das zu goutieren – die Grünen ziehen in den jüngsten Umfragen an der SPD vorbei.

Wie immer es kommt, dieser Krieg muss ein baldiges Ende finden. Die Auswirkungen auf die Menschen in der Ukraine aber auch im Rest der Welt sind katastrophal. Und wer sich aus welchen Gründen auch immer gegen eine effektive Unterstützung der Ukraine wehrt, ist für die desaströse Entwicklung für Menschen und für die Kapitalmärkte mitverantwortlich. Denn hier ist man nicht „der erste Mann auf dem Mond“. Wir denken hier in der Tradition Helmut Schmidts.  

Autorenprofil
Kai Jordan

Bis 1998 war Kai Jordan stellvertretender Leiter des Aktienhandels der Commerzbank Frankfurt und später Abteilungsdirektor Equity Capital Markets. Dann wechselte er in den Sektor der Wertpapierfirmen zu einem Frankfurter Finanzdienstleister und begleitete die Entwicklung zu einer erfolgreichen und diversifizierten Wertpapierhandelsbank. 2007 wurde er dort in den Vorstand berufen. Seit August 2016 zeichnet Jordan bei der mwb als Vorstand für den Bereich Corporates & Markets verantwortlich.

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