In letzter Minute hat der Traditionshersteller Mayer & Cie. eine neue Perspektive bekommen: Der chinesische Maschinenbauer Huixing Machine Co., Ltd. (Shishi) übernimmt wesentliche Vermögensgegenstände des Rundstrickgeschäfts inklusive Immobilie in Albstadt sowie Beteiligungen an den Tochtergesellschaften in China und Tschechien. Angestrebt werden der Wiederanlauf der Produktion und die Weiterentwicklung der Marke im Premiumsegment.
Seit mehr als einem Jahrhundert steht Mayer & Cie. für Ingenieurskunst im Textilmaschinenbau – und doch endete die jüngste Phase des Familienunternehmens zunächst im Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Dass die Marke nicht vom Markt verschwindet, liegt an einer Wendung auf den letzten Metern: Mit Huixing fand sich ein strategischer Investor, der Technologie, Know-how und Standortperspektive zusammenführt und damit die Grundlage für einen Neustart in Albstadt schafft.
Noch Ende der 2010er-Jahre wies das Unternehmen eine solide Umsatz- und Ertragslage auf. In Erwartung weiteren Wachstums investierte man umfangreich in den Ausbau der Produktion am Standort Deutschland. Doch die erhoffte Markterholung blieb aus. Stattdessen halbierte sich der Umsatz innerhalb weniger Jahre. Während einzelne Märkte – etwa in Europa – zeitweise von einer Regionalisierung der Textilproduktion profitierten, verlagerte sich der globale Schwerpunkt langfristig weiter nach Asien. Gleichzeitig gewann das Fast-Fashion-Segment an Bedeutung – ein Markt, in dem weniger hochwertige, kostengünstigere Maschinen dominieren.
Struktureller Marktdruck statt kurzer Delle

„Das Unternehmen hatte sich vor Corona sehr gut entwickelt und umfangreich investiert. Die Erwartung war, dass sich diese Dynamik fortsetzt. Tatsächlich hat sich der Umsatz jedoch nachhaltig halbiert, und diese Lücke ließ sich nur mit tiefgreifenden Einschnitten schließen“, beschreibt Christian Scharfenberger, M&A-Partner bei Wintergerst, die Ausgangslage.

Vor diesem Hintergrund fiel die strategische Entscheidung, einen Investorenprozess zu starten. Ziel war es, einen Partner zu finden, der Marke, Technologie und Kernkompetenzen langfristig fortführen kann. Parallel zur Suche nach einem Gesamterwerber wurde geprüft, ob einzelne Geschäftsbereiche separat veräußert werden können, um zusätzliche Handlungsoptionen zu schaffen.
Der notwendige Schritt in die Eigenverwaltung

Die Situation spitzte sich weiter zu, sodass im September 2025 ein Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt wurde. Damit änderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend: Einerseits eröffnete das Verfahren die Möglichkeit, die Kostenbasis schneller und konsequenter anzupassen, andererseits erhöhte sich der Zeitdruck erheblich. Der Geschäftsbetrieb wurde geordnet eingestellt, während die Investorensuche intensiv fortgeführt wurde.
„Vorinsolvenzlich wäre die notwendige Reduktion der Kostenbasis kaum darstellbar gewesen. In der Eigenverwaltung lassen sich solche Schritte deutlich schneller und strukturierter umsetzen“, sagt Ulmer. Scharfenberger ergänzt: „Unser Ziel war es, trotz der Krise die bestmögliche industrielle Lösung zu finden – nicht nur einen Abverkauf von IP oder einzelnen Assets.“
Ein entscheidender Schritt war die Aufspaltung des integrierten Geschäftsmodells in zwei Transaktionspfade. Der Flechtmaschinenbereich, ein hoch spezialisiertes Nischensegment mit stabilen Ersatzteilumsätzen, konnte bereits im Dezember 2025 an einen italienischen Investor verkauft werden. Für den deutlich größeren Rundstrickmaschinenbereich gestaltete sich die Suche schwieriger. Kurz vor dem geplanten Abschluss zog sich ein strategischer Interessent zurück. Dennoch gelang es, den Prozess erneut zu öffnen und internationale Käufer gezielt anzusprechen.
Hier spielte Wintergerst eine zentrale Rolle: Das Team strukturierte parallel zwei eng verzahnte internationale Investorenprozesse, weitete die internationale Ansprache massiv aus und nutzte insbesondere sein Netzwerk in Asien. „Aufgeben war für uns keine Option. Wir haben den Prozess neu aufgesetzt, Optionen parallel verfolgt und gezielt strategische Käufer adressiert“, so Scharfenberger.
Ein chinesischer Industriepartner als Neustartchance

Den Durchbruch brachte schließlich ein chinesischer Maschinenbauer, der selbst im Rundstricksegment aktiv ist und die Marke Mayer & Cie. als Ergänzung seines Portfolios im Premiumbereich sieht. Der Käufer übernimmt ausgewählte Vermögensgegenstände, die Immobilie in Albstadt sowie Beteiligungen an den Tochtergesellschaften in China und Tschechien.
„Huixing kommt aus dem Massenmarkt und erweitert sein Portfolio nun um eine Premiummarke. Das ist strategisch hochattraktiv und erklärt, warum der Käufer bereit ist, in Standort und Marke zu investieren“, erläutert Ulmer.
Perspektivisch soll die Produktion von Rundstrickmaschinen am Standort Albstadt wieder aufgenommen werden. Geplant ist, Deutschland als Entwicklungs- und Kompetenzzentrum für hochwertige Schlüsselkomponenten zu etablieren.
Der Fall Mayer & Cie. verdeutlicht ein wiederkehrendes Muster. „Erfolgreiche Familienunternehmen verschieben die strategische Diskussion über einen möglichen Verkauf oftmals so lange, bis externer oder finanzieller Druck entsteht. Mit zunehmender Ergebnisvolatilität sinken jedoch Bewertung und Transaktionsoptionen. Eine vorausschauende Planung und strukturierte Vorbereitung eines potenziellen Exits – noch aus einer Position relativer Stärke heraus – erhöht typischerweise die strategische Flexibilität und verbessert die erzielbaren Konditionen für die Gesellschafter erheblich“, erläutert Scharfenberger.
„Albstadt bleibt das technologische Herz von Mayer & Cie.“
Interview mit Alton Xu, Huixing Machine Co., Ltd. Shishi
Unternehmeredition: Herr Xu, was hat Sie überzeugt, trotz Insolvenz in Mayer & Cie. zu investieren?
Alton Xu: Wir verstehen die Transaktion nicht als Erwerb eines Krisenfalls, sondern als Neustart einer über 120-jährigen Ingenieurstradition. Die Insolvenz war eine finanzielle Zäsur, kein Ausdruck mangelnder technologischer Substanz. Entscheidend waren für uns die technische Expertise der Belegschaft, die Qualität der Maschinen und der internationale Ruf der Marke. Dieses Fundament wollen wir erhalten und weiterentwickeln.
Welche Ziele verfolgen Sie in den kommenden drei bis fünf Jahren?
Unser Ziel ist es, Mayer & Cie. wieder klar als globalen Premiumanbieter im Rundstricksegment zu positionieren. Dazu werden wir Strukturen vereinfachen, Prozesse digitalisieren und die operative Komplexität reduzieren. Profitabilität und Vertrauen bei Kunden und Partnern sollen nachhaltig gestärkt werden. Perspektivisch soll das Unternehmen agiler, resilienter und international wettbewerbsfähig aufgestellt sein.
Welche Rolle spielt der Standort Albstadt künftig?
Albstadt bleibt das technologische Herz des Unternehmens. Entwicklung, Fertigung hochwertiger Maschinen und die Produktion zentraler Präzisionskomponenten sollen dort verankert sein. Wir stehen klar zu „Made in Germany“. Die Standorte in China und Tschechien ergänzen dieses Set-up, doch die technologische DNA bleibt in Albstadt.
Wie organisieren Sie die Zusammenarbeit zwischen Huixing und Mayer & Cie.?
Beide Marken bleiben strategisch eigenständig. Mayer & Cie. fokussiert sich auf das Premiumsegment mit deutscher Ingenieurskompetenz, während Huixing andere Marktsegmente adressiert. Synergien sehen wir im Austausch von Marktkenntnissen und in ausgewählten operativen Bereichen – nicht in einer Vermischung der Positionierungen.
Was bedeutet die Transaktion für Sie persönlich?
Es ist eine große Verantwortung. Wir denken nicht kurzfristig, sondern verstehen uns als langfristiger industrieller Partner. Unser Anspruch ist es, die Marke stabil weiterzuführen und gemeinsam mit dem Team in Albstadt das nächste Kapitel aufzuschlagen.
Lieber Herr Xu, wir danken Ihnen für das Gespräch!
👉 Dieser Beitrag ist auch in der aktuellen Magazinausgabe der Unternehmeredition 1-2026 erschienen.
KURZPROFIL
Mayer & Cie. GmbH & Co. KGGründungsjahr: 1905
Branche: Textilmaschinenbau
Firmensitz: Albstadt
Beschäftigte (2023): 386
Umsatz (2023): 101,4 Mio. EUR






Interview mit Alton Xu, Huixing Machine Co., Ltd. Shishi


