Nachhaltige Finanzierung – das „New Normal“

Ergebnisse einer Befragung unter 200 Topmanagerinnen des Netzwerks GenerationCEO

Foto: © Deemerwha studio_AdobeStock

Das Thema Nachhaltigkeit hat in den letzten Jahren Einzug in alle Wirtschaftsbereiche gefunden. Es ist also an der Zeit, sich einmal anzuschauen, inwieweit aus der „gutmenschlichen“ Absichtserklärung eine tatsächliche Umsetzung erfolgt ist. Exemplarisch haben die Autorinnen Maren Lorth von der Unternehmensberatung Mi[de] – Mittelstand denken und Tanja Faller von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH die anderen Mitglieder ihres Netzwerks GenerationCEO, das 200 weibliche CEO und Topmanagerinnen umfasst, zum Thema Nachhaltige Finanzierung befragt.

In der Umfrage wurden Unternehmen verschiedenster Größenordnungen sowie unterschiedlichster Branchen berücksichtigt. Aus den Ergebnissen konnten fünf interessante Trends zum Thema nachhaltige Finanzierung abgeleitet werden:

  1. Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema mehr
    Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema mehr, sondern wichtiger Teil jeder Unternehmensstrategie. Alle teilnehmenden Unternehmen haben bereits eine mehr oder weniger umfassende ESG-Strategie erarbeitet; mehr als 40% besitzen bereits ein Nachhaltigkeitsrating und circa ein Drittel hat sich dem UN Global Compact verpflichtet.
  2. Die Finanzabteilungen und die großen Investmentfonds befassen sich mittlerweile aktiv mit dem Thema
    Auch die Finanzabteilungen befassen sich mittlerweile aktiv mit dem Thema Nachhaltigkeit. Über 70% der Befragten gaben an, dass sich ihr Finanzbereich – auch ohne rechtliche Verpflichtungen – bereits heute mit Fragen wie ESG und Nachhaltigkeit befasst. Hierfür wurden verschiedene Gründe angeführt. Banken und Investoren erwarten heutzutage ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Wird entsprechende Nachhaltigkeit nachgewiesen, so die Erfahrung der Managerinnen, kann sich dies mannigfaltig positiv auswirken: Steigerung Investitionshöhe, Priorisierung der angefragten Finanzierung sowie bessere Finanzierungskonditionen. Umgekehrt führt ein nicht ausreichender Nachhaltigkeitsausweis zu teilweise schlechteren Finanzierungskonditionen bis hin zur Ablehnung einer Finanzierung beziehungsweise eines Investments in die entsprechenden Unternehmen. Ergänzend wurde berichtet, dass insbesondere die großen Investmentfonds dem Nachhaltigkeitskriterium eine immer stärkere Bedeutung einräumen, wenn es darum geht, ein Erstinvestment vorzunehmen beziehungsweise im Investmentkomitee die Entscheidung über ein Weiterinvestment getroffen wird. Spezifische Instrumente, wie zum Beispiel Sustainability-linked Bonds oder Loans werden bisher allerdings kaum angewendet, weil die Berücksichtigung von Nachhaltigkeit im Finanzbereich immer mehr zum Mainstream wird und der höhere Aufwand, zum Beispiel wesentlich umfassendere Dokumentationspflichten, dennoch keine besseren Konditionen erzielen lässt. Interessant ist weiterhin der Umstand, dass Unternehmen auch bei eigenen Investments mehrheitlich Nachhaltigkeitsüberlegungen berücksichtigen.
  3. Nachhaltigkeit wird zuallererst als „good for the business“ wahrgenommen
    Weiterhin bemerkenswert ist die Reihenfolge: Nachhaltigkeit wird erstens als „good for the business“ und erst zweitens als „good for the planet“ wahrgenommen. Dies bedeutet, dass die Einbeziehung des Themas Nachhaltigkeit in die Geschäftsstrategie, nicht mehr nur durch die eigene Weltanschauung geprägt wird, sondern inzwischen eine geschäftliche Notwendigkeit darstellt. Dies wird auch nochmal durch den Fakt unterstrichen, dass die jeweiligen Topmanagerinnen den Nachhaltigkeitsgedanken in ihren jeweiligen Unternehmen als sehr stark ausgeprägt ansehen. Wurden sie allerdings auf Nachhaltigkeitskriterien für private Konsum- oder Investitionsentscheidungen angesprochen, dann gaben sie ehrlich an, teilweise weniger auf Nachhaltigkeit zu achten.
  4. Mehr als 60% sind bereit, für mehr Nachhaltigkeit auf EBIT zu verzichten
    Interessant ist auch die Betrachtung des Zusammenhangs von Nachhaltigkeit und Profitabilität: Weniger als ein Viertel gehen derzeit davon aus, dass die Aufnahme einer Nachhaltigkeitsstrategie zu mehr EBIT führt. Dennoch bekräftigten mehr als 60%, dass sie für ein nachhaltigeres Unternehmen bereit sind, auf EBIT zu verzichten. Es bleibt hier abzuwarten, in welcher Höhe ein EBIT-Rückgang sowohl von Unternehmenslenkern als auch seitens der Eigentümer oder Aktionäre akzeptiert wird.
  5. Viele Unternehmen beschäftigen sich mit der Messbarkeit von Nachhaltigkeit
    Viele Unternehmen beschäftigen sich derzeit mit der Messbarkeit von Nachhaltigkeit und somit der Definition klarer, vergleichbarer KPIs. Bei denjenigen Unternehmen, die erste KPIs aufnehmen, orientieren sich diese beispielsweise insbesondere an dem internen Carbonpreis, der Reduzierung von CO2-Emissionen oder der Reduzierung von Plastik und Kunststoff. Es zeigt sich allerdings, dass das Thema bisher auf den Klimaschutz reduziert wird und die Bereiche Soziales und Governance zumindest bei den KPIs kaum Berücksichtigung finden.

FAZIT

In Summe bleibt festzuhalten, dass Nachhaltigkeit auch in der Finanzierung als „New Normal“ angesehen werden kann, aber sowohl beim Umfang als auch bei der Messbarkeit und somit Vergleichbarkeit der Nachhaltigkeitsthemen noch Luft nach oben besteht. Jedes Unternehmen – unabhängig von der Größe – muss jetzt mit einer Nachhaltigkeitsstrategie starten, um nicht den Anschluss zu verlieren. Die Wandlung in ein nachhaltigeres Unternehmen ist bereits mit kleinen Maßnahmen darstell- und machbar.

Autorenprofil
Tanja Faller

Tanja Faller, GIZ GmbH – Head of Energy and Climate GIZ Tunisia, ist eine international bekannte Pionierin im Bereich nachhaltiger und grüner Finanzierung. Sie startete ihre internationale Karriere bei der Weltbank, wo sie bereits vor 15 Jahren erste grüne Investitions- und Impakt-Fonds aufgebaut hat. Sie arbeitete mehr als zehn Jahre in verschiedenen Führungspositionen im Bereich der nachhaltigen Investition bei multilateralen Banken und für einen deutschen Institutionellen Investor. Tanja berät heute im Auftrag verschiedener Bundesministerien Entwicklungsländer bei der Einführung geeigneter – grüner – Finanzierungsinstrumente.

Autorenprofil
Maren Lorth

Maren Lorth, Geschäftsführerin von Mi[de] – Mittelstand denken, war mehr als 15 Jahre national wie international im Corporate und Investment Banking verschiedener Banken in führenden Positionen und danach als Finanzvorstand eines mittelständischen IT-Dienstleisters tätig. Sie ist Gründerin und Inhaberin der unabhängigen Beratung Mi[de] – Mittelstand denken, die Unternehmen zu Strategie- und Finanzierungsthemen sowie Familienunternehmen bei deren Nachfolgeplanung berät. Eines der Strategietopthemen ist aktuell das Thema Nachhaltigkeit. Sie berät ihre Kunden bei der Erarbeitung und Umsetzung einer unternehmensindividuellen Nachhaltigkeitsstrategie.

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