Mittelstand sollte jetzt die Chance zur nachhaltigen Transformation nutzen

Immer stärker fordern Kunden, Investoren und der Gesetzgeber überprüfbare Nachhaltigkeit. Insbesondere der Mittelstand gerät nun unter massiveren Druck.
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Immer stärker fordern Kunden, Investoren und der Gesetzgeber überprüfbare Nachhaltigkeit. Insbesondere kleinere und mittelständische Unternehmen geraten nun unter massiveren Druck, denn Finanzierungsquellen drohen zu versiegen. Dem Mittelstand kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu, die er jetzt wahrnehmen sollte. 

Mittelständische Unternehmen stehen zunehmend unter massivem Druck, ihr Geschäft entlang der verschiedenen Megatrends anzupassen. Gesundheit, Mobilität, Konnektivität und die Notwendigkeit, zeitnah digital zu transformieren, sind dabei aber längst nicht mehr die einzigen unternehmerischen Herausforderungen. Nachhaltigkeit wird in den nächsten Jahren maßgeblich über die Zukunfts- und Entwicklungsfähigkeit von Unternehmen entscheiden.

Nachhaltigkeit wird berichtspflichtig

Neoökologie ist der Megatrend, der aktuell, noch mal verstärkt durch die COVID-19-Pandemie, immens an Bedeutung gewinnt. Die intensiven Bemühungen seitens des Gesetzgebers, die Pariser Klimaziele zu erreichen, entfalten ihre Wirksamkeit in konkreten EU- und bundesweiten Gesetzgebungen. Im Juli 2020 trat die Verordnung der Europäischen Kommission zur EU-Klimataxonomie in Kraft, die Konzerne und börsennotierte Unternehmen in Europa betrifft. Ab dem Geschäftsjahr 2021 müssen diese Unternehmen zu den zwei Hauptzielen „Klimaschutz“ und „Anpassung an den Klimawandel“ Rechenschaft ablegen. Seit dem 10. März gilt zudem für Finanzunternehmen die europäische Offenlegungsverordnung. Diese besagt, dass Finanzinvestoren Rechenschaft ablegen müssen, inwieweit sie ökologische und soziale Kriterien sowie Standards der guten Unternehmensführung bei ihren Investitionen und Finanzierungen beachten. Zudem hat die Bundesregierung Anfang Mai die Ziele zur Reduktion der CO2-Emissionen bis 2030 von 55% auf 65% angehoben.

Die Zeiten, in denen strenge Belegpflichten nur für große Konzerne im Rampenlicht des Kapitalmarkts galten, sind vorbei. Finanzinstitute, Kapitalgeber und Kunden achten verstärkt auf ESG-Kriterien beziehungsweise richten ihre Investments an diesen aus und erhöhen so den Druck auf Unternehmen, nicht­finanzielle Kennzahlen offenzulegen. Schon jetzt achten Finanzierer verstärkt auf das ESG-Rating. Je schlechter das Rating, desto teurer wird der Kredit; im schlimmsten Fall steht für ein Investment keine Finanzierung mehr bereit. Zudem müssen sich KMU als Zulieferer ohnehin auf umfangreichere Berichts- und Offenlegungspflichten gegenüber ihren Abnehmern einstellen. Zahlreiche größere Unternehmen wollen bereits jetzt ihre Nachhaltigkeit auch entlang der gesamten Lieferkette dokumentieren oder sind aufgrund der Taxonomieverordnung schon dazu verpflichtet.

Drei Möglichkeiten nachhaltiger Finanzierungen

Das Rahmenwerk der Finanzinstitute, das darüber entscheidet, ob ein Projekt oder ein Unternehmen ESG-konform ist, richtet sich an der EU-Taxonomie aus. Demnach bestehen drei Möglichkeiten einer nachhaltigen Finanzierung:

  1. Mittelverwendung: Aufgenommene Gelder sind für konkrete Maßnahmen nach ökologischen oder sozialen Kriterien zu verwenden, das heißt, mit diesen Geldern muss die Umwelt entweder verbessert, geschützt oder erhalten werden. Hierunter fallen Herstellungskapazitäten von Zwischenprodukten wie Batterien für E-Mobilität oder der aktive Einsatz in umwelterhaltende Projekte und soziales Engagement. Auch Investitionen in externe Projekte oder M&A sollten sich schon heute an ESG-Kriterien ausrichten.
  2. ESG-konforme Umsätze: Das absolute Gros des eigenen operativen Geschäfts sollte sich aus nachhaltigen Umsätzen zusammensetzen. Dieses Feld steht vor allem denjenigen Unternehmen offen, die ihr Geschäft von Beginn an darauf ausgerichtet haben, mit „grünen“ Produkten Umsätze zu generieren, etwa einem Hersteller von essbaren Verpackungen.
  3. Nachhaltigkeitsziele: Ein Unternehmen kann auch dann auf eine Finanzierung hoffen, wenn das Finanzierungsinstrument an nachhaltige Ziele entsprechend der Taxonomieverordnung gekoppelt ist. Die Mittel können hierbei in den Ausbau einer ESG-konformen Fertigungslinie fließen, beispielsweise mit geringerem oder grünem Strom- oder Wasserverbrauch.

Das Rahmenwerk lässt aktuell noch Raum für Gestaltung und Innovation. Auch die Definition von Nachhaltigkeit entlang der Klimataxonomie befindet sich derzeit noch in der Entwicklung. Dennoch wurde bereits ein großer Schritt in Richtung Planungssicherheit für Unternehmen gemacht.

Nachhaltigkeitsaspekte entscheiden über Erfolg

Was bedeutet all das nun konkret für mittelständische Unternehmen? Die deutschen Klimaschutzziele erfordern einen tiefgreifenden Transformationsprozess, bei dem der deutsche Mittelstand eine Schlüsselrolle einnehmen kann. Die einzelnen ESG-Faktoren (Environmental, Social und Governance) müssen in allen Branchen und Unternehmen jeglicher Größe in den Kernbereichen ihrer Wertschöpfungsketten verankert werden. Kurz gesagt: ESG-Konformität wird zukünftig über Erfolg und Misserfolg eines Unternehmens entscheiden.

Branchenbedingt kann zwar nicht jedes Unternehmen das Thema ökologische Nachhaltigkeit unmittelbar durch sein Geschäftsmodell abdecken, aber es ist möglich, das operative Geschäft zumindest an einem der drei ESG-Kriterien auszurichten:

  1. Ökonomie: zukunftsorientiertes Wirtschaften

Langfristige Stabilität geht über die kurzfristige Gewinnmaximierung. Nachhaltigkeit spiegelt sich auch in einem strategischen, gesunden Unternehmenswachstum wider, das sich an die Bedürfnisse der Gesellschaft und den politischen Gegebenheiten dynamisch anpasst. Mittelständler sollten entsprechende Pläne definieren, im Businessplan verankern sowie ihre Nachhaltigkeitsagenda kontinuierlich nach innen wie nach außen kommunizieren.

  1. Ökologie: Umweltschutz

Die Auswirkung von Unternehmen auf die Umwelt ist je nach Branche immens. Es gilt, vorhandene Ressourcen sparsam einzusetzen. Produzierende Unternehmen sollten ihre Produkte beispielsweise ökologisch verträglich herstellen und vertreiben. Dienstleistungsunternehmen wiederum können wesentliche Schritte in Richtung ökologischen Handelns zeigen, indem sie ihren Ressourcen- und Energiebedarf (zum Beispiel von Rechenzentren) minimieren oder auf unnötige Geschäftsreisen verzichten und diese durch Videokonferenzen ersetzen (grün in IT versus grün durch IT).

  1. Soziales: Unternehmenswerte

Nachhaltigkeit betrifft auch den Umgang mit Menschen, sei es im eigenen Unternehmen oder entlang der gesamten Wertschöpfungs- und Lieferkette. Unternehmer sollten eine Unternehmenskultur fördern, die Verantwortungsgefühl gegenüber Mitarbeitenden, Kunden und Zulieferern widerspiegelt. Weiterbildung, Chancengleichheit oder die Durchsetzung von Nachhaltigkeitsstandards bei Zulieferern und Auftragnehmern sind hierfür wichtige Ausgestaltungsformen.

M&A als Treiber der ESG-Konformität

Eine weitere Möglichkeit, die ESG-Performance seines Unternehmens zu verbessern, besteht darin, ein Target mit besseren Nachhaltigkeitsstandards zuzukaufen. Ein Minderheitsinvestment kann hierfür ein erster Schritt sein. Durch eine Mehrheitsübernahme kann der Käufer jedoch strategische Kontrolle ausüben und das Zielunternehmen bilanziell konsolidieren. Der Käufer kann so in einem einzigen Schritt sein vollständiges Geschäftsmodell oder zumindest große Teile seiner eigenen Wertschöpfungskette ESG-konform transformieren.

Wichtig ist: Vor einem solchen Zukauf muss die Prüfungsphase, die im Wesentlichen die Bereiche Commercials, Finanzen, Recht, Personal, Kunden und Technik beleuchtet, um eine ESG Due Diligence ergänzt werden. Gerade die „weichen“ Faktoren, wie umweltspezifische, soziale oder organisatorische Aspekte, können einen entscheidenden Einfluss auf die Genauigkeit der Wertermittlung des Targets haben. Von Reputationsrisiken bis hin zur Quantifizierung von Wertsteigerungspotenzialen – die ESG Due Diligence liefert wichtige Argumente für die Verhandlungen des Kaufpreises.

FAZIT

Unternehmen müssen heute auf Themen wie Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung achten, denn nur wer nachhaltig wirtschaftet, wird langfristig erfolgreich sein. Mittelständische Unternehmen sollten sich ihrer Schlüsselposition bewusst werden und ihre Wertschöpfungskette jetzt ESG-konform ausrichten. Mittels einer professionell umgesetzten M&A-Transaktion und einer sorgfältig durchgeführten ESG Due Diligence kann dieses Ziel ebenfalls erreicht werden.


Dieser Beitrag erscheint in der Unternehmeredition 2/2021.

Autorenprofil
Andre Waßmann

Andre Waßmann ist Mitglied der Geschäftsleitung bei Helbling Business Advisors und verantwortlich für den Bereich M&A und Corporate Finance. Sein Fokus sind Transaktionen im ESG- und Digitalisierungsumfeld.

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