Der Mittelstand in Deutschland zeigt sich angesichts globaler Krisen widerstandsfähig, kämpft jedoch mit erheblichen Belastungen durch steigende Energiepreise. Nach Angaben der Creditreform Wirtschaftsforschung bremst der militärische Konflikt im Nahen Osten die wirtschaftliche Erholung deutlich aus. Die aktuelle Frühjahrsstudie verdeutlicht, dass die Stimmung in den Betrieben zwar positiver als in den Vorjahren ausfällt, die Unsicherheit jedoch Investitionen hemmt. Laut der Befragung von rund 1.850 kleinen und mittleren Unternehmen kletterte der Creditreform Geschäftsklimaindex erstmals seit zwei Jahren wieder in den Plusbereich. Mit 5,3 Punkten erreicht dieser Index den höchsten Stand seit vier Jahren. Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, betont jedoch die Schwere der Lage. „Der Iran-Krieg trifft den Mittelstand ins Mark“, erklärt Patrik-Ludwig Hantzsch. Er verdeutlicht zudem, dass die Konjunkturerholung wohl hinter den ursprünglichen Prognosen zurückbleiben wird.
Fragile Belebung trotz positiver Signale
Die ermittelte Belebung im Mittelstand bleibt nach Einschätzung der Experten sehr fragil. In der Bewertung der aktuellen Geschäftslage überwiegen laut der Studie weiterhin die negativen Einschätzungen. Dies sei bereits das vierte Jahr in Folge der Fall. Belastend wirken nach Angaben von Creditreform vor allem die schwache Industrieproduktion und geopolitische Unsicherheiten. Dennoch kündigt sich eine Trendwende bei den Geschäftserwartungen an. Diese seien deutlich positiver als in den vergangenen Jahren. Der Teilindex der Geschäftserwartungen hat sich laut der Erhebung gegenüber dem Vorjahr sogar verdoppelt. Er liege mit plus 14,3 Punkten etwa auf dem Niveau der Jahre 2021 bis 2023. Die Energiepreiskrise verhinderte laut der Studie jedoch eine noch optimistischere Einschätzung der Lage.
Staatliche Impulse als temporäre Stütze
Der Mittelstand profitiert nach Angaben der Wirtschaftsforscher kurzfristig von steigenden Ausgaben und staatlichen Impulsen. Dies lässt laut der Untersuchung auch die Erwartungen der Unternehmer steigen. Patrik-Ludwig Hantzsch warnt jedoch davor, dies als nachhaltiges Wachstum zu missverstehen. Es handele sich lediglich um eine konjunkturelle Stütze auf Zeit. „Wer nur die Nachfrage ankurbelt, ohne die Standortprobleme zu lösen, erkauft sich Aufschwung mit wachsender Verwundbarkeit“, so Patrik-Ludwig Hantzsch weiter. Er fordert, dass die Konjunkturwende durch Strukturreformen flankiert werden muss. Andernfalls bleibe die Erholung laut seiner Einschätzung nur ein schuldenfinanziertes Strohfeuer. Das ganze Ausmaß der Irankrise sei zudem noch nicht absehbar.
Umsatzentwicklung zeigt Verbesserungstendenzen
Die Umsatzentwicklung im Mittelstand war in den ersten drei Monaten 2026 besser als im Vorjahreszeitraum. Dennoch reichte die Belebung laut der Studie nicht für einen deutlichen Anstieg aus. Die Umsatzmeldungen bleiben per Saldo im Negativbereich. Laut der Erhebung berichteten 26,6 % der Unternehmen von einem Umsatzplus. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 20,4 %. Gleichzeitig verzeichneten aber immer noch 27,1 % ein Umsatzminus. Für die kommenden Monate erwartet laut der Umfrage jeder dritte Befragte steigende Umsätze. Dieser Anteil von 32,8 % liegt über dem Wert der Vorjahresumfrage von 27,8 %. Nur 14,5 % der Befragten befürchten laut der Daten eine rückläufige Entwicklung.
Investitionsstau durch strukturelle Schwächen
Die Verunsicherung der Unternehmen zeigt sich laut Creditreform besonders deutlich bei den Investitionen. Der Mittelstand bleibt hier nach Angaben der Studie weiterhin sehr zurückhaltend. Derzeit planen 44,7 % der befragten Betriebe ein Investitionsvorhaben. Dieser Wert liegt zwar über dem Vorjahreswert von 41,7 %, bleibt aber unter dem Zehnjahresdurchschnitt. Die Investitionsbereitschaft wird laut der Untersuchung auch von strukturellen Schwächen am Standort Deutschland gebremst. Patrik-Ludwig Hantzsch erklärt, dass die Folgen der Krise weit über die aktuelle Phase hinausreichen werden. Der vom Staat befeuerte Aufschwung wird nach seiner Einschätzung flacher und anfälliger sein als angenommen. Eine dauerhafte Lösung des Konflikts im Nahen Osten sei für die Entfaltung des Aufschwungs notwendig. Die Beschäftigung im Mittelstand ist mit Ausnahme des Dienstleistungssektors rückläufig. Fast 20 % der Unternehmen meldeten laut der Studie einen Rückgang der Mitarbeiterzahl. Nur 16,2 % berichteten von einer Personalaufstockung. Laut Patrik-Ludwig Hantzsch war der Aufschwungstrend zuletzt zu schwach für Neueinstellungen. Neben der Konjunkturschwäche führe auch der demografische Wandel tendenziell zu einem Beschäftigungsabbau. Die weiteren Personalplanungen sind laut der Erhebung zwar expansiv, der Optimismus bleibt jedoch gedämpft. Etwa 12,8 % der Unternehmen werden ihre Belegschaft im kommenden Halbjahr verkleinern. Ein so hoher Wert wurde laut Creditreform zuletzt im Jahr 2009 gemessen. Besonders im Verarbeitenden Gewerbe dürfte sich der Stellenabbau laut der Prognose fortsetzen.
Eigenkapitalquoten erreichen Höchststand
Die Eigenkapitalquoten im Mittelstand haben sich laut der Studie überraschend entwickelt. Der Anteil eigenkapitalschwacher Unternehmen sinkt, während immer mehr Betriebe hohe Quoten aufweisen. Mittlerweile gelten 36,0 % der Unternehmen als eigenkapitalstark. Dies ist laut der Untersuchung der höchste Wert seit drei Jahrzehnten. Der Anteil der Betriebe mit weniger als 10 % Eigenkapital ging auf 27,6 % zurück. Diese Entwicklung ist laut Patrik-Ludwig Hantzsch jedoch kein Ausdruck steigender Gewinne. Sie spiegele vielmehr die Zurückhaltung der Unternehmen bei Investitionen wider. Bankkredite wurden laut seiner Analyse seltener nachgefragt oder nicht verlängert. Die Ertragslage bleibe laut der Studie weiterhin angespannt. Dennoch sind die Ertragserwartungen erstmals seit 2021 wieder mehrheitlich positiv.
Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Tech-Start-ups.