Kapital mit Haltung: Die NextGen im Umbruch

Eine Analyse zum gesellschaftlichen Engagement der nächsten Generation.

Zwischen Tradition und dem Wunsch nach systemischem Wandel suchen viele „NextGens“ nach neuen Wegen, ihr Erbe verantwortungsvoll einzusetzen.
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Die nächste Generation von Familienunternehmern steht vor einem Umbruch. Zwischen Tradition und dem Wunsch nach systemischem Wandel suchen viele „NextGens“ nach neuen Wegen, ihr Erbe verantwortungsvoll einzusetzen. Die Studie „NextGens. Zwischen Erbe und Idealismus“ der WHU – Otto Beisheim School of Management, und PHINEO gAG analysiert diesen Wandel im deutschsprachigen Raum und zeigt auf, wie und warum junge Erben ihr Kapital und ihren Einfluss heute gesellschaftlich nutzen.

Wertekompass und Motivation: Mehr als nur Rendite

Familienunternehmen stellen in Deutschland mit einem Anteil von 91 % das Rückgrat der Wirtschaft dar und verwalten einen erheblichen Teil des Gesamtvermögens. Die Studie, für die über 100 NextGens, also Unternehmensnachfolger beziehungsweise Erben, befragt wurden, verdeutlicht, dass diese Generation ihr Privileg zunehmend als Verpflichtung begreift.

Die Motivation für gesellschaftliches Engagement ist dabei primär intrinsischer Natur: Viele Befragte verspüren den Wunsch, ihre privilegierte Situation für soziale und ökologische Zwecke einzusetzen, oft geprägt durch die Werte ihrer Familie. Neben diesem inneren Antrieb nehmen NextGens jedoch auch einen wachsenden gesellschaftlichen Rechtfertigungs- und Handlungsdruck wahr, der mit ihrem Wohlstand einhergeht. Nahezu jeder zweite NextGen empfindet die Verpflichtung, das vorhandene Vermögen einer sinnvollen Verwendung zuzuführen. Über ein Drittel führt diesen Impuls auf einen gesellschaftlichen Rechtfertigungsdruck zurück, der mit ihrer privilegierten finanziellen Lage einhergeht. Im Gegensatz zum oft im Stillen stattfindenden persönlichen Engagement erkennt die junge Generation im betrieblichen Kontext klare Synergien: Gesellschaftliche Verantwortung bringt langfristig oft betriebswirtschaftlichen Nutzen mit sich. Die damit verbundene Imagepflege wird dabei als willkommener Begleitumstand betrachtet, fungiert jedoch nicht als primäre Triebfeder.

Grafik: © PHINEO gAG

Neue Schwerpunkte: Klima und Systemwandel

Im Vergleich zur Vorgängergeneration setzen heutige NextGens deutlich andere Schwerpunkte. Während Eltern und Großeltern oft lokales Mäzenatentum oder klassische Spenden in den Vordergrund stellten, interessieren sich die Nachfolger verstärkt für globale und systemische Herausforderungen. Besonders die Bereiche Klima- und Umweltschutz sowie Bildung gewinnen an Bedeutung.

Grafik: © PHINEO gAG

Dabei streben viele NextGens danach, das Engagement enger mit dem Kerngeschäft des Familienunternehmens zu verknüpfen. Dies geschieht beispielsweise durch das Vorantreiben von Nachhaltigkeitsstrategien innerhalb des Betriebs oder das Schaffen einer positiven Arbeitskultur. Der Fokus verschiebt sich somit weg von rein externen Spendenprojekten hin zu einer ganzheitlichen, verantwortungsvollen Unternehmensführung.

Vom Spenden zum Impact Investing

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist das wachsende Interesse an Impact Investing. Hierbei handelt es sich um Investitionen, die neben einer finanziellen Rendite auch messbare soziale oder ökologische Auswirkungen erzielen sollen. Allerdings zeigt die Analyse auch eine Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Obwohl das Interesse hoch ist, mangelt es vielen NextGens noch an der nötigen Expertise oder an klaren Standards für nachhaltige Anlagen. Oft fühlen sie sich in der komplexen Investmentwelt unsicher und wünschen sich einen intensiveren Austausch mit Gleichgesinnten sowie bessere staatliche Rahmenbedingungen in Hinsicht auf Bürokratie oder Hürden bei Auslandsspenden. Um das Sozialunternehmertum strukturell zu stärken, plädieren viele NextGens für staatliche Steuererleichterungen als gezielten Anreiz.

Hürden im Familiensystem

Trotz des hohen Idealismus stehen viele NextGens vor praktischen Herausforderungen. Fehlende Zeit, ein hoher Anspruch an die eigene Wirksamkeit und begrenzte Fachkenntnisse werden als Hauptgründe genannt, warum Engagementpotenziale nicht voll ausgeschöpft werden.

Ein wesentlicher Faktor sind zudem familieninterne Dynamiken. Viele Nachfolger berichten von Schwierigkeiten, die Elterngeneration von neuen Themen wie dem Klimaschutz oder systemischen Veränderungen zu überzeugen. Oft herrscht ein „Bewahrungs-Mindset“ vor, das Innovationen bremst. Zudem ist der Zugriff auf das Familienvermögen häufig noch limitiert, da dieses in den Händen der Vorgängergeneration verbleibt, was den finanziellen Spielraum der NextGens einschränkt.

Fazit und Ausblick

Die Studie „NextGens. Zwischen Erbe und Idealismus“ macht deutlich, dass die nächste Generation bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, dabei aber neue Wege geht. Der Trend führt weg von rein anekdotischer Philanthropie hin zu strategischem Engagement und Impact Investing. Um dieses Potenzial voll zu entfalten, bedarf es jedoch nicht nur mehr Mut und Courage innerhalb der Unternehmerfamilien, sondern auch besserer Netzwerke für den Wissensaustausch und eines Abbaus bürokratischer Hürden. Wenn die Kommunikation zwischen den Generationen gelingt, können Familienunternehmen auch in Zukunft ein entscheidender Motor für gesellschaftlichen Wandel sein.

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Moritz Voss
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