Die Zahl der Firmeninsolvenzen in Deutschland ist im Jahr 2025 deutlich gestiegen und hat nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform mit rund 23.900 Fällen ein Zehnjahreshoch erreicht. Das entspricht einem Anstieg um 8,3% gegenüber dem Vorjahr. Damit verzeichnet Deutschland so viele Unternehmenspleiten wie seit 2014 nicht mehr. Besonders betroffen sind kleine Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten, auf die laut Creditreform über 80 % aller Insolvenzen entfallen. Auch 140 größere Unternehmen rutschten in diesem Jahr in die Insolvenz, darunter mehrere Betreiber aus der Gesundheits- und Pflegebranche.
Leichter Rückgang im November
Einen leichten Rückgang der Insolvenzen im Vergleich zum Vorjahr zeigt die November-Auswertung des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Demnach meldeten im November 1.293 Personen- und Kapitalgesellschaften Insolvenz an. Das entspricht einem Minus von 17 % im Vergleich zum Vormonat und 3 % weniger als im November 2024. Diese Entwicklung markiert laut dem IWH den ersten Rückgang gegenüber dem Vorjahresmonat seit April 2022. Zugleich seien 9.000 Arbeitsplätze betroffen gewesen, was einem Rückgang um 30 % gegenüber Oktober entspricht. Das IWH warnt jedoch vor überzogenen Erwartungen. Laut Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung, handle es sich lediglich um eine kurzfristige Entspannung: „Der Rückgang im November ist ein positives Signal, aber er markiert allenfalls eine kurzfristige Verschnaufpause.“ Die Frühindikatoren des Instituts deuten für die kommenden Monate auf wieder steigende Fallzahlen hin.
Strukturelle Probleme belasten
Der Anstieg der Firmenpleiten lässt sich auf eine Kombination aus strukturellen Belastungen und konjunktureller Schwäche zurückführen. Zu den Hauptfaktoren zählen laut Creditreform hohe Energiepreise, steigende Lohnkosten, verschärfte Regulierung sowie der eingeschränkte Zugang zu Krediten. Hinzu kommt eine schwache Nachfrage im In- und Ausland. Besonders betroffen ist die exportorientierte Industrie. Laut Creditreform ist die Zahl der Insolvenzen im verarbeitenden Gewerbe und im Handel deutlich gestiegen. Der größte Anteil entfällt mit über 14.000 Fällen auf das Dienstleistungsgewerbe, darunter viele Gastronomiebetriebe. Die Automobilbranche befindet sich ebenfalls in einer Krise. Zollhürden, Absatzrückgänge und chinesische Konkurrenz setzen Zulieferer unter Druck. Innerhalb eines Jahres wurden rund 50.000 Arbeitsplätze in diesem Sektor abgebaut. Nach Angaben des Kreditversicherers Allianz Trade gab es zwischen August 2024 und August 2025 rund 2.490 Insolvenzen im Einzelhandel – fast so viele wie im Negativrekordjahr 2016.
Hoher wirtschaftlicher Schaden
Trotz eines im Vergleich zu den Vorjahren moderateren Anstiegs summiert sich der wirtschaftliche Schaden auf geschätzt 57 Mrd. EUR. Das sind nur knapp weniger als im Jahr 2024 mit 59,1 Mrd. EUR. Im Schnitt stehen mit jeder Firmeninsolvenz Forderungen in Höhe von 2 Mio. EUR im Raum. Rund 285.000 Arbeitsplätze sind in diesem Jahr durch Unternehmensinsolvenzen gefährdet oder bereits verloren gegangen. Das sind nur leicht weniger als im Vorjahr mit 291.000 betroffenen Beschäftigten. Auch die Qualität der Pleiten hat sich verändert. Laut Einschätzung der Creditreform trifft die Insolvenzwelle inzwischen auch als krisenresistent geltende Branchen wie Gesundheit und Pflege. Personalintensive Einrichtungen wie Kliniken und Pflegeheime leiden besonders stark unter dem Fachkräftemangel, steigenden Löhnen und hohen Energiekosten.
Sinkende Unternehmensbonitäten
Neben den steigenden Insolvenzzahlen verschlechtern sich auch die Bonitätsbewertungen deutscher Unternehmen zunehmend. Laut Creditreform zeigt der Bonitätsindex im Zeitraum von 2019 bis 2025 einen klaren Negativtrend. Besonders betroffen sind dabei die Finanz- und Versicherungsdienstleister, das Gesundheits- und Sozialwesen sowie das Gastgewerbe. Auch Bereiche wie das Grundstücks- und Wohnungswesen sowie wirtschaftsnahe Dienstleistungen weisen eine sinkende Zahlungsfähigkeit auf. Die Einschätzung der Bonität basiert unter anderem auf Kennzahlen wie der Eigenkapitalquote und dem Zahlungsverhalten. Die Skala reicht von 100 Punkten als Bestwert bis zu 600 Punkten. Eine sinkende Bonität bedeutet, dass Unternehmen schwerer an Kredite kommen und dadurch anfälliger für wirtschaftliche Schocks werden.
Zwar rechnet Creditreform mit einem konjunkturellen Impuls durch staatliche Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung im Jahr 2026. Eine nachhaltige Entlastung sei dadurch jedoch nicht garantiert. „Bis die Infrastrukturbooster des Bundes angekommen sind, wird es aber dauern“, sagt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Geld könne Rechnungen bezahlen, mache ein Unternehmen aber nicht automatisch rentabel, so Hantzsch weiter. Zudem warnt der Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands vor einem einseitigen Blick auf externe Ursachen. „Zu schnell wird die Ursache der unternehmerischen Fehlentwicklung bei steigenden Zöllen oder hohen Energiekosten gesucht“, erklärte Christoph Niering, Vorsitzender des Verbandes. Dadurch würden notwendige Sanierungsmaßnahmen zu spät oder gar nicht eingeleitet. Niering fordert eine neue Gründerkultur in Deutschland, die Fehler zulässt und Risikobereitschaft belohnt.
Deindustrialisierung schreitet voran
Die wirtschaftlichen Folgen der Insolvenzen zeigen sich auch regional sehr unterschiedlich. Besonders stark betroffen sind Regionen mit hohem Industrieanteil wie Salzgitter, Dingolfing-Landau, Wolfsburg und Ingolstadt. Laut einer Studie des ifo Instituts führen die US-Zölle in diesen Regionen zu erheblichen Wertschöpfungsverlusten. Der Rückgang der Exporte in die USA um 20% im Spätsommer 2025 spiegelt diese Entwicklung wider. Zugleich macht sich ein langfristiger Strukturwandel bemerkbar: Während im verarbeitenden Gewerbe mehr als 165.000 Stellen wegfielen, verzeichneten das Gesundheitswesen und der öffentliche Dienst Zuwächse. Die Deindustrialisierung gewinnt damit weiter an Tempo, was langfristige Folgen für die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland hat.





