23.900 Insolvenzen in Deutschland markieren ein Zehnjahreshoch. Während Traditionsnamen verschwinden, kämpft der Mittelstand mit Energiekosten und Transformation. Ein Rückblick auf ein Jahr der harten Schnitte.
Ein Jahrzehnt der Ruhe ist vorbei
Das Jahr 2025 wird als das Jahr in die Wirtschaftsgeschichte eingehen, in dem die künstliche Stabilität der Post-Corona-Ära endgültig zerbrach. Mit rund 23.900 Unternehmensinsolvenzen erreichte die Zahl der Pleiten den höchsten Stand seit über zehn Jahren. Experten wie der Sanierer Stefan Denkhaus sprechen längst nicht mehr von einer bloßen „Pleite-Welle“, sondern von einer fundamentalen „Restrukturierungswelle“, die den Kern der deutschen Wirtschaft erfasst hat. Besonders besorgniserregend ist die Qualität der Insolvenzen: Im dritten Quartal 2025 stiegen die Großinsolvenzen um massive 24 % an. Dies führt zu einem Domino-Effekt, der nicht nur Zulieferer, sondern ganze Regionen unter Druck setzt. Der Arbeitsmarkt spürt die Erschütterungen deutlich: Über 165.000 Industriearbeitsplätze gingen binnen eines Jahres verloren; monatlich fallen etwa 10.000 Stellen dem Rotstift zum Opfer.
Der „perfekte Sturm“ für die Zulieferer
Die Automobilindustrie, einst der Stolz des Standorts Deutschland, befindet sich im Auge eines Sturms aus technologischem Umbruch, schwacher Nachfrage in China und aggressiver US-Zollpolitik. Die Liste der Opfer ist lang und prominent: Allgaier Automotive besiegelte das Ende seines Traditionsstandorts in Uhingen, Kiekert musste trotz Weltmarktführerschaft bei Schließsystemen den Gang zum Insolvenzgericht antreten, und auch Firmen wie Huber Automotive oder Winning BLW konnten dem Druck nicht mehr standhalten. Doch nicht nur die „alte Welt“ wankt. Auch die Hoffnungsträger der E-Mobilität erlebten ein Desaster. Das endgültige Aus für den Flugtaxi-Pionier Lilium und der Verkauf von Volocopter sowie die Insolvenz von Northvolt zeigen, dass Kapital für riskante Zukunftswetten in Deutschland knapper geworden ist.
Das Erbe des Kartenhauses
Der Immobiliensektor war auch 2025 von den Nachwehen der Signa-Pleite gelähmt. Das Verfahren um René Benko entwickelte sich zur größten juristischen Aufarbeitung der Nachkriegszeit. Während Gläubiger Forderungen in Höhe von fast 28 Mrd. EUR anmeldeten, saß Benko in Untersuchungshaft und sah sich mit Verurteilungen wegen betrügerischer Krida und Vermögensentziehung konfrontiert. Die Krise blieb jedoch nicht auf das Benko-Imperium beschränkt. Die Adler Group musste massiv schrumpfen, während die Gröner Group durch zahlreiche Insolvenzen ihrer Projektgesellschaften Schlagzeilen machte. Dieser Druck im Immobiliensektor erreichte schließlich das genossenschaftliche Bankensystem. Gleich vier Institute, darunter die Raiffeisenbank Hochtaunus, die RSA-Bank und die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden, mussten laut Medienberichten aus Sicherungsfonds gestützt werden, nachdem riskante Gewerbeimmobilienkredite notleidend geworden waren.
Marktbereinigung in der Innenstadt

Chemieindustrie: Der schleichende Substanzverlust
Die Chemieindustrie, einst das Rückgrat der deutschen Exportstärke, durchlebt 2025 eine Krise, die weit über konjunkturelle Dellen hinausgeht. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) zeichnet ein drastisches Bild: Mit einer durchschnittlichen Anlagenauslastung von nur 70% arbeiten weite Teile der Branche dauerhaft in der Unrentabilität. Die toxische Kombination aus hohen Energiekosten, steigenden CO2-Preisen und dem massiven Druck durch billige Importe aus Asien führt zu einem strukturellen Bruch. Prominente Insolvenzen wie die von Venator Germany in Duisburg oder Vynova in Wilhelmshaven verdeutlichen den Ernst der Lage. Besonders die Basischemie steht mit dem Rücken zur Wand. Ineos-Chef Jim Ratcliffe warnte angesichts der Standortschließungen in Rheinberg gar vor einem „industriellen Selbstmord“ Europas durch verfehlte Klimapolitik und fehlenden Zollschutz. Dass fast ein Drittel der hessischen Industriebetriebe bereits mit Produktionskürzungen oder Abwanderung reagiert, unterstreicht die Gefahr einer dauerhaften Deindustrialisierung in diesem Schlüsselsektor.
Das soziale Netz unter Spannung
Ein fast vergessenes Feld der Insolvenzwelle ist der Gesundheitssektor. Über 80 % der deutschen Kliniken schrieben 2025 rote Zahlen. Namhafte Häuser wie die Rotkreuzklinik Würzburg, der Medizin Campus Bodensee und die Kreiskliniken Dillingen-Wertingen mussten Schutzschirmverfahren einleiten. Auch der Pflegesektor steht vor dem Kollaps. Große Träger wie Argentum rutschten in die Insolvenz, und selbst kirchliche Verbände wie der Caritasverband Bocholt meldeten finanzielle Schieflagen. Steigende Personalkosten und eine unzureichende Refinanzierung durch die Kassen haben hier eine systemische Krise ausgelöst.
Wenn Größenwahn vor Gericht landet
Das Jahr 2025 war auch das Jahr der Urteile. Neben dem Fall Benko sorgte das Schicksal von Alfons Schuhbeck für Aufsehen. Der Starkoch wurde wegen Insolvenzverschleppung und Subventionsbetrugs zu einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Im Bereich der Bilanzskandale lieferte der Wirecard-Komplex neue wegweisende Entscheidungen. Der Bundesgerichtshof (BGH) stellte klar, dass Aktionäre im Insolvenzfall nachrangig zu den Gläubigern zu behandeln sind – eine Entscheidung mit massiven Auswirkungen auf die Risikobewertung von Eigenkapital. Zudem wurde die Haftung von Wirtschaftsprüfern wie EY weiter verschärft.
Strukturwandel in den Regionen: Das Beispiel Bayern
In Bayern zeigte sich die Krise besonders deutlich an der Basis. In Ingolstadt führt der Rückgang der Gewerbesteuer von Audi zu Haushaltslöchern von 80 Mio. EUR. Im Landkreis Augsburg sorgte die Insolvenz von Roschmann und das Aus für das Osram-Werk in Schwabmünchen für den Verlust hunderter Stellen. Die Region Ulm/Neu-Ulm spürte den Druck durch die Schließung des Werkzeugbaus Laichingen und die Restrukturierung bei Perlon.
2026 – Das Jahr der Entscheidung
Die Analyse der Insolvenzereignisse 2025 zeigt: Deutschland kämpft nicht gegen einen vorübergehenden Abschwung, sondern gegen einen strukturellen Bruch. Die exportorientierte Industrie leidet unter hohen Energiepreisen, während der Binnenmarkt durch Inflation und Konsumzurückhaltung gelähmt ist. Die Prognosen für das kommende Jahr sind verhalten. Der Kreditversicherer Allianz Trade erwartet für 2026 einen weiteren Anstieg der Insolvenzen um etwa 11%. Die Unsicherheit bleibt hoch: Solange die Energiepreise nicht dauerhaft sinken und die geopolitischen Spannungen den Export drosseln, wird der Druck auf den Mittelstand nicht nachlassen. Doch es gibt auch Lichtblicke. Das Instrument des StaRUG (Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz) wurde 2025 verstärkt genutzt, um Firmen wie die BayWa vor dem Totalabsturz zu bewahren. Die weitere Professionalisierung der Sanierungsbranche zeigt, dass Insolvenz nicht mehr das automatische Ende bedeutet, sondern immer häufiger als Chance für einen radikalen Neustart begriffen wird. Klar ist: Das „Weiter so“ der vergangenen Jahre ist endgültig gescheitert. Der Sanierungsmotor läuft – er muss nun nur noch die richtige Richtung finden.






