Deutsche Autoindustrie streicht über 50.000 Stellen

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Die deutsche Industrie befindet sich in einer anhaltenden Rezession. Besonders stark betroffen ist die Automobilbranche, die innerhalb eines Jahres rund 51.500 Stellen abgebaut hat. Das entspricht einem Rückgang von 6,7 % der Arbeitsplätze in diesem Sektor. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Beratungsgesellschaft EY, die auf Daten des Statistischen Bundesamts basiert. Keine andere Industriebranche verzeichnete einen derart starken Beschäftigungsabbau. Insgesamt lag die Zahl der Industriebeschäftigten zum 30. Juni bei 5,42 Mio. Menschen. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Rückgang um 2,1% oder 114.000 Stellen. Seit dem Vor-Corona-Jahr 2019 sank die Zahl der Beschäftigten laut EY sogar um rund 245.000, was einem Minus von 4,3% entspricht.

Absatzflaute, Zölle und Transformation

Nach Angaben von EY leidet die Automobilindustrie unter mehreren strukturellen und konjunkturellen Belastungen. Zu den Hauptfaktoren zählen eine Absatzflaute, zunehmender Wettbewerbsdruck aus China und der teure Wandel zur Elektromobilität. Der Umsatz in der Branche sank im zweiten Quartal um 1,6%. Gleichzeitig wirkt sich der Zollstreit mit den USA belastend auf die Exportzahlen aus. „Der massive Rückgang der Exporte in Richtung USA hat die deutsche Industrie zuletzt empfindlich getroffen“, sagte Jan Brorhilker, Managing Partner bei EY. Zusätzlich gingen die Exporte nach China zurück. Laut EY lag der Wert der Ausfuhren nach China im zweiten Quartal um 14% unter dem Vorjahreswert. In der Rangliste der Exportmärkte steht China mittlerweile nur noch auf Platz sechs.

Sparprogramme bei Autobauern

Infolge dieser Entwicklungen haben laut EY mehrere Unternehmen Sparprogramme angekündigt. Mercedes-Benz, VW, Bosch, Continental und ZF wollen ihre Kosten senken. Die Porsche AG plant, ihre Batteriesparte Cellforce weitgehend einzustellen. „Massive Gewinneinbrüche, Überkapazitäten und schwächelnde Auslandsmärkte machen einen deutlichen Stellenabbau unumgänglich – gerade in Deutschland, wo Management-, Verwaltungs- und F&E-Funktionen angesiedelt sind“, sagte Brorhilker. EY rechnet damit, dass sich der Beschäftigungsabbau in der Industrie fortsetzt. Derzeit laufende Restrukturierungen würden sich erst mit Verzögerung in den Statistiken abbilden. Auch der Maschinenbau ist betroffen: Dort wurden innerhalb eines Jahres rund 17.000 Stellen gestrichen. In der Metallerzeugung entfielen gut 12.000 Arbeitsplätze. Weniger stark betroffen waren die Chemie- und Pharmabranche.

Belastungsfaktor Inlandsnachfrage

Neben dem schwachen Auslandsgeschäft sieht EY auch in der schwachen Binnennachfrage ein zentrales Problem. Während die Exporte der Industrieunternehmen im zweiten Quartal um 0,6 % zurückgingen, schrumpfte der Umsatz mit inländischen Kunden um 3,8%. Laut Brorhilker sei die Investitionszurückhaltung auf strukturelle Probleme zurückzuführen, darunter eine hohe Steuerbelastung, Bürokratie, schleppende Digitalisierung und langsame Genehmigungsverfahren. Brorhilker fordert angesichts dieser Entwicklungen entschlossene wirtschaftspolitische Maßnahmen. Das von der Bundesregierung aufgelegte Investitions-Sofortprogramm könne zwar helfen, doch sei ein „spürbarer Wachstumsimpuls“ nötig, damit sich die wirtschaftliche Stimmung wieder verbessere.

Der Arbeitsplatzabbau treffe auch junge Berufseinsteiger. Brorhilker erwartet eine steigende Arbeitslosigkeit unter Hochschulabsolventen. Die Automobilindustrie und der Maschinenbau würden deutlich weniger junge Menschen einstellen als in den Jahren zuvor. Der Arbeitsmarkt für Ingenieure verschärfe sich spürbar, viele müssten sich beruflich neu orientieren.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Tech-Start-ups.

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