39 % der Deutschen sind beim Einkaufen offen für KI-Agenten

39 % der Deutschen sind beim Einkaufen offen für KI-Agenten; unter den 30- bis 39-Jährigen liegt der Anteil sogar bei 56 %.
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39 % der Deutschen sind beim Einkaufen offen für KI-Agenten; unter den 30- bis 39-Jährigen liegt der Anteil sogar bei 56 %. Gleichzeitig benennen Marktforschungsergebnisse von Gardner und Co. agentenbasierte KI-Systeme als einen der zentralen Technologietrends 2026. Während autonome Systeme zunehmend Kaufentscheidungen und Transaktionen übernehmen, bleiben Rechnungsstellung und Zahlungsprozesse in Deutschland komplex und reaktiv. Jonas Suijkerbuijk, Gründer und CEO des Zahlungsfintechs Billogram, analysiert, warum im Zeitalter der Agentic AI der Wettbewerb nicht an der Kasse, sondern im Zahlungsprozess entschieden wird und warum Unternehmen ihre wiederkehrenden Zahlungsinfrastrukturen jetzt agentenfähig machen müssen.

KI-Agenten gewinnen beim Einkaufen zunehmend Akzeptanz

Der digitale Einkauf wird autonom – doch der Zahlungsprozess bleibt strukturell fragmentiert. Dass KI-Agenten beim Einkaufen zunehmend Akzeptanz gewinnen, zeigt eindrucksvoll eine aktuelle Studie: Fast jede und jeder vierte Deutsche (39 %) gibt an, für ihren Einsatz offen zu sein; unter wirtschaftlich besonders aktiven Millennials (30- bis 39-Jährige) liegt die Zustimmung sogar bei 56 %. Entsprechend stufen Analystenhäuser wie Gardner und IDC agentenbasierte KI-Systeme als einen der zentralen Treiber der Digitalisierungswelle für 2026 ein.

Während autonome Systeme Produkte auswählen, Preise verhandeln und Transaktionen initiieren, stoßen sie in der Buchhaltung häufig auf historisch gewachsene Systembrüche. Jonas Suijkerbuijk, Gründer und CEO von Billogram, verantwortet seit mehr als einem Jahrzehnt den Aufbau einer europäischen Plattform für digitale Rechnungsstellung und Zahlungsmanagement und analysiert die strukturellen Schwächen des deutschen Marktes. Er erläutert, warum insbesondere die wiederkehrende Zahlungsinfrastruktur zu einem strategischen Engpass für Agentic AI wird, welche operativen Risiken daraus entstehen und wie proaktive, agentenfähige Zahlungsprozesse Wettbewerbsvorteile schaffen können.

Der strukturelle Widerspruch zwischen Frontend und Backend

Studien zeigen regelmäßig, dass Rechnungsstellung, Zahlungsabwicklung und Mahnprozesse zu den konfliktanfälligsten Touchpoints der Customer Journey zählen. Unklare Beträge, starre Fristen und mangelnde Transparenz verursachen Supportaufwand und Vertrauensverluste. Suijkerbuijk erklärt, dass genau hier ein struktureller Widerspruch entsteht: „Der Checkout wird intelligenter, aber Zahlungsprozesse bleiben in vielen Unternehmen reaktiv organisiert.“ Seiner Ansicht nach verschiebt Agentic AI die Erwartungen grundlegend. Wenn autonome Systeme Kaufentscheidungen vorbereiten und ausführen, erwarten Kundinnen und Kunden auch eine intelligente, kontextbasierte Zahlungsabwicklung.

Vertrauen entscheidet im Zahlungsprozess

Der EY Future Consumer Index zeigt, dass deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher Automatisierung nur akzeptieren, wenn Transparenz, Kontrolle und Datenschutz gewährleistet sind. Dieses Vertrauen ist im Zahlungsprozess besonders sensibel. Suijkerbuijk betont daher, dass Agentic AI nicht als Blackbox implementiert werden darf: „Automatisierung in wiederkehrenden Zahlungsprozessen muss erklärbar, nachvollziehbar und kontrollierbar sein. Andernfalls entsteht Misstrauen statt Effizienz.“ Seiner Ansicht nach entscheidet sich die Akzeptanz autonomer Systeme nicht im Warenkorb, sondern in Rechnungsstellung und Zahlung.

Von reaktiven Mahnläufen zu proaktiver Steuerung

Agentic AI unterscheidet sich von klassischer Automatisierung dadurch, dass Systeme kontextbezogen analysieren und eigenständig Handlungsempfehlungen ableiten. Im wiederkehrenden Zahlungsmanagement stellt dies einen Paradigmenwechsel dar. Für den Zahlungsexperten ist klar, dass moderne Systeme Zahlungswahrscheinlichkeiten berechnen, individuelle Zahlungsrhythmen berücksichtigen und alternative Optionen anbieten können, bevor eine Eskalation notwendig wird.

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist Billograms Agentic Assist, ein LLM-basiertes System, das nicht nur auf Kundenanfragen reagieren, sondern diese, innerhalb vordefinierter Governance-Regeln, lösen kann. So kann es beispielsweise zusätzliche Zahlungsfrist gewähren, sofern dies vom Anbieter erlaubt ist, Preisabweichungen unter Bezugnahme auf historische Rechnungen erklären und dazu beitragen, Fälle von Rechnungsschock zu reduzieren. „Wiederkehrende Zahlungsinteraktionen entwickeln sich von statischen Transaktionen zu interaktiven Service-Touchpoints“, erklärt er. Ziel ist es, Reibung zu reduzieren und gleichzeitig die Zahlungsstabilität zu erhöhen.

Wirtschaftliche Effekte sind messbar

Marktanalysen von McKinsey zu „Next-generation payments“ zeigen ebenfalls, dass KI-gestützte Zahlungsprozesse das Churn-Risiko erheblich reduzieren können, da negative Zahlungserfahrungen einen direkten Einfluss auf die Kundenbindung haben. „Recurring Revenue Operations sind kein administrativer Nebenaspekt, sondern ein strategischer Moment in der Kundenbeziehung“, ordnet Suijkerbuijk ein. Unternehmen, die ihre Rechnungs- und Zahlungsprozesse agentenfähig gestalten, senken dadurch langfristig operative Kosten und stabilisieren nachhaltig ihre Cashflows.

2026 wird zur Infrastrukturentscheidung

Autonome Systeme benötigen strukturierte Echtzeitdaten, integrierte Schnittstellen und klare Governance-Modelle. Fragmentierte IT-Landschaften in Deutschland erschweren jedoch genau diese Voraussetzungen. Suijkerbuijk warnt daher vor isolierten KI-Initiativen: „Die zentrale Frage ist nicht, ob ein Unternehmen Agentic AI einsetzen möchte, sondern ob seine Kernprozesse technisch darauf vorbereitet sind.“ Der Checkout wird im Jahr 2026 zunehmend automatisiert. Ob daraus nachhaltige Wettbewerbsvorteile entstehen, entscheidet sich im Backend – dort, wo Zahlungsprozesse integriert, transparent und proaktiv gesteuert werden.

Billogram wurde 2011 von Jonas Suijkerbuijk gegründet und ist ein schwedisches Unternehmen, das eine innovative SaaS-Plattform für Rechnungsstellung, Zahlungsabwicklung und Kundenmanagement anbietet. Das Unternehmen wurde gegründet, um veraltete Zahlungsprozesse und traditionelle PDF- und Papierrechnungen durch neue digitale und interaktive Alternativen zu ersetzen. Ziel ist es, die Kundenzufriedenheit zu steigern, Mahnungen zu reduzieren und den Papierverbrauch zu senken. Das Angebot von Billogram richtet sich sowohl an mittelständische als auch an große Unternehmen, insbesondere in Branchen mit wiederkehrenden Zahlungen wie Energieversorger und Telekommunikationsunternehmen. Ursprünglich in Schweden gegründet, ist Billogram mittlerweile in mehreren europäischen Ländern aktiv. Das Unternehmen beschäftigt derzeit über 100 Mitarbeiter in seiner Zentrale in Stockholm.

Autorenprofil

Als Chefredakteurin der Unternehmeredition berichtet Eva Rathgeber regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen.

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