Bislang konnten sich Unternehmen auf den europäischen Binnenmarkt verlassen. Die Brexit-Entscheidung und die Katalonien-Krise rütteln an diesem Glauben. Sollte sich dieser Schwebezustand verlängern oder auf weitere Regionen ausbreiten, werden sich Unternehmen andere Standorte für ihre Investitionen suchen.

Auf die bereits spürbaren Folgen durch die Abwertung des Pfunds reagieren die Mittelständler selbstbewusst. Genau wie die Progroup haben auch Stihl, Katjes und Co. die Preise erhöht – weil es keine nennenswerten Mitbewerber in ihrem Qualitätssegment gibt.

Es zeichnet sich ab, dass die Kunden erst mal die Zeche des nahenden Brexit zahlen müssen. Die Verbraucherpreise sind seit dem vergangenen Jahr laut Eurostat um mehr als zwei Prozentpunkte gestiegen. Mittlerweile beträgt die monatliche Teuerungsrate für die Eurozone ungewöhnlich hohe drei Prozent.

Retropie statt Utopie

Doch viele Menschen scheinen bereit zu sein, für mehr Autonomie sprichwörtlich einen hohen Preis zu bezahlen. Experten wie der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts HWWI, Prof. Henning Vöpel, sprechen von einer „Retropie, dem Rückzug ins Vertraute, der Sehnsucht nach Ab- und Eingrenzung.“

Diese Sehnsucht zeigt sich nicht nur in Großbritannien und Katalonien, sondern auch in Belgien (Neu-Flämische Allianz), Schottland (Scottish National Party) und Italien (Lega Nord). Bei allen Regionen zeigt sich ein bestimmtes Muster, wie der Ökonom Dr. Gehring von der Universität Zürich in der November-Ausgabe der Zeitschrift Wirtschaftsdienst analysiert. Ökonomisch geht es allen Regionen prächtig, sie verfügen über viele natürliche Ressourcen wie etwa Erdöl oder sind durch ihre gute Infrastruktur und Logistik attraktiv für Unternehmen. Dazu kommt die Überzeugung, zu viel an die Solidargemeinschaft abzudrücken. Beim Brexit war das gewichtigste Pro-Argument die angeblich zu hohen Transferzahlungen an die EU. Auch in Katalonien ist der Finanzausgleich zwischen den Regionen einer der Hauptstreitpunkte zwischen den Konfliktparteien. Laut Wirtschaftsvertreter Peters ist es „ein Musterbeispiel für das, was in Spanien schief läuft“. Er kritisiert: „Man hat jahrelang versäumt, das zu regeln.“

Planbarkeit wichtiger als Einheit

Dabei ist eine mögliche Abspaltung nicht mal der Worst Case für die Unternehmen. Dies zeigt das Beispiel Slowakei nach der friedlichen Auflösung der Tschechoslowakei 1993. Auch der Verzicht auf eine EU-Mitgliedschaft muss kein ökonomischer Nachteil sein – Norwegen oder die Schweiz gehören zu den wohlhabendsten Staaten überhaupt. Was die derzeitige Lage ungleich schwieriger macht, sind der Unfrieden und ungelöste Konflikte. Das Institut der deutschen Wirtschaft warnt deshalb die beteiligten Parteien davor, mit ihrem Verhalten die wirtschaftliche Stabilität aufs Spiel zu setzen: „Derzeit brummt die Wirtschaft in Europa und gibt Widerstandskraft gegen die politischen Widrigkeiten. Allerdings dürfen diese Krisen nicht zu lange schwelen, sonst droht die gute Stimmung, allmählich zu kippen“, sagt Jürgen Matthes, zuständig für internationale Wirtschaftsordnung beim IW.