„Unsere Geduld wird auf die Probe gestellt werden“

Interview mit Bantleon-Stratege Dr. Harald Preißler

Foto: © ipopba - stock.adobe.com

Indizes weltweit nahe ihren Höchstständen, hierzulande dazu die wirtschaftsfreundliche FDP in der neuen Regierungskoalition: Klingt beinahe zu schön, um wahr zu sein. Und tatsächlich: Bantleon-Stratege Dr. Harald Preißler gehört zu den Warnern, die den Kapitalmärkten für die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte die Wahl zwischen ‚Pest oder Cholera‘ prognostizieren. Da helfe nur der Gegenentwurf zu breiten Indexfonds, die die letzten Jahre dominierten: Selektivität und Aktivität.

Unternehmeredition: Herr Dr. Preißler, ich falle gleich mal mit der Tür ins Haus: Sie haben sich im Frühjahr mit doch recht kritischen Begriffen wie Überalterung der Gesellschaft als Sprengsatz für öffentliche Haushalte, ‚der Wirt bezahlt die Rechnung‘ etc. zu Wort gemeldet. Wo sehen Sie die größte Herausforderung für die kommenden Jahre?
Dr. Harald Preißler: Grundsätzlich ist es zwar schön, wenn man mit einer Prognose, wie einem starken Anstieg der Inflation, schon nach wenigen Monaten bestätigt wird. Aber mir geht es nicht um die Entwicklung einiger Monate, sondern um die nächsten zehn bis 20 Jahre. Die Überalterung, nicht nur in Deutschland, ist für jedermann gut sichtbar und auf viele Jahre hinaus verlässlich prognostizierbar: Innerhalb weniger Jahrzehnte wird Deutschland eine Gesellschaft mehrheitlich von Rentnerinnen und Rentnern sein. Und selbst eine absehbare Zuwanderung wird daran kaum etwas ändern. Das hat umfangreiche Folgen für die wirtschaftlichen Perspektiven und damit natürlich auch für die Finanzmärkte.

Welche Konsequenzen sehen Sie?
Zuallererst natürlich eine massive Verknappung von Arbeitskräften. Wir alle haben schon leidvolle Erfahrungen mit wochenlangen Wartezeiten auf einen Handwerker gemacht. Selbst mit Zuwanderung fehlen allein in Deutschland schon jetzt mehrere Millionen qualifizierter Arbeitskräfte. Es kommen eben kaum gut ausgebildete englischsprachige IT-Spezialisten aus Indien nach Deutschland. Da steht also prinzipiell die Frage im Raum, wie künftiges Wirtschaftswachstum zustande kommen soll. Und auch das wird Ihnen wohl jeder Betrieb mehr oder minder bestätigen: Auszubildende oder Arbeitskräfte zu finden, dauert heute erheblich länger als noch vor einigen Jahren. Derzeit erleben wir nur einen Vorgeschmack auf Kommendes. Das hat langfristige Konsequenzen: Die Verhandlungspositionen der Gewerkschaften verbessern sich massiv, nicht nur in Deutschland – und dies wird wesentlich zur Inflation beitragen. In den USA sind wir schon einen Schritt weiter, dort haben wir die höchsten Lohnzuwächse der letzten Jahrzehnte und in einzelnen Branchen zweistellig wachsende Einstiegsgehälter. Das ist ein Paradigmenwechsel, der uns alle betrifft.

Mit anderen Worten: Die Politik macht eigentlich heute schon Politik v.a. für Ruheständler und dieser Trend wird sich eher noch verstärken?
Vielleicht etwas verkürzt formuliert, aber im Kern richtig. Theoretisch bräuchten wir 400.000, noch besser 500.000 Zuwanderer pro Jahr, um wenigstens den Status quo und das Wirtschaftswachstum zu halten. Aber wir sprechen hier von einigermaßen qualifizierten Arbeitskräften, die sich auch außerhalb des Niedriglohnsektors einzubringen vermögen. Von kulturellen und sprachlichen Barrieren gar nicht gesprochen. Die gut ausgebildeten Inder, um hier im Klischee zu bleiben, zieht es aber nun mal nicht alle nach Deutschland. Die erforderliche Zuwanderung zu managen, wird eine riesige Herausforderung und birgt enormen sozialen und gesellschaftlichen Sprengstoff – und nochmal: Das betrifft alle westlichen Volkswirtschaften.

Nun hatten wir ja auch gerade Bundestagswahl. Ist eine neue deutsche Regierung im internationalen Kontext ein Non-Event oder etwas, von dem auch Sie sich ggf. etwas versprechen?
Ehrlich gesagt: Auf internationaler Ebene erwarte ich keine Veränderungen, da bleibt Deutschland ein zahnloser Tiger. Dass mit Blick nach innen eine nachhaltige Klima- und Wirtschaftspolitik im Zentrum der künftigen Bundesregierung stehen würde, war ebenfalls bekannt – das wäre bei einer Jamaika-Koalition im Übrigen nicht viel anders gewesen. Was im Koalitionspapier indes komplett ausgespart wurde, ist das Thema Erhöhung des Renteneintrittsalters. Ohne diese Maßnahme werden die Bundeszuschüsse zur Rentenkasse explodieren. Die Folge davon sind steigende Steuern zur Finanzierung der Renten oder aber massiv steigende Staatsschulden – Pest oder Cholera. Dieses Thema sollte mindestens genauso wichtig genommen werden wie die Klimapolitik.

Mit der FDP an Bord kommt immerhin die private Altersvorsorge etwas mehr als bisher ins Spiel – das genaue Ausmaß wird man noch sehen. Was würden Sie sich wünschen, wie könnte man die Sache aufziehen?
Die Idee einer gesetzlichen Aktienrente hat natürlich einen gewissen Charme und sollte auch dringend in die Wege geleitet werden, aber ich muss auch mahnen: Sehr gute Jahre wurden verpasst und ob die nächsten Jahre nochmals so gut ausfallen können, dahinter setze ich mindestens mal ein großes Fragezeichen. Meiner Meinung nach müssen wir unsere Erwartung an Aktienerträge auf Sicht der nächsten bis zu zwei Jahrzehnte erheblich herunterschrauben. Insofern könnte sich das Timing für ein solches Projekt als ziemlich ungünstig erweisen.

Das klingt jetzt aber etwas wehmütig. Gerade wurde Anlegern beim sogenannten Telekom Börsengang Teil III auf dem Klageweg umfänglicher Schadenersatz zugesprochen – nach rund zwei Jahrzehnten. Das könnte Privatanleger eher ermuntern.
Wir laufen derzeit einfach in eine eher wenig vorteilhafte Umgebung für Aktieninvestments hinein. Und das könnte die Privatanleger desillusionieren – wieder einmal.

Die Frage mag banal klingen, soll aber einen wirklich aktuellen Hintergrund haben: Ist denn derzeit ein guter Zeitpunkt, um in eine wie auch immer geartete private Altersvorsorge einzusteigen oder spielt das Timing bei Zeiträumen von Jahrzehnten keine so große Rolle, wie die meisten Leute wahrscheinlich doch unterstellen?
Sie haben natürlich Recht, wenn wir über einen kompletten Lebensarbeitszyklus von 40 oder mehr Jahren sprechen, spielt das Timing für den Start keine so große Rolle. Was allerdings die Akzeptanz einer solchen neuen Säule der Altersversorgung in der Bevölkerung betrifft, wären die nächsten Jahre durchaus entscheidend. Und Fakt ist nun mal, dass wir die fetten Jahre seit 2010, mit zweistelligen jährlichen Gewinnen, für dieses Projekt verpasst haben. Wenn der Start der Aktienrente mit einer länger anhaltenden Marktschwäche zusammenfällt, wird das die Bereitschaft zum Mitmachen jedenfalls nicht fördern – dafür muss man kein Prophet sein.

Aktienrenditen liegen statistisch bei rund 7%, je nach Land. Wie schlimm wird es denn die kommenden Jahre?
Die Frage lässt sich mit einem Blick in die Geschichtsbücher beantworten. Zwischen der Höhe der Aktienmarktbewertung und den Erträgen in den folgenden zehn Jahren besteht ein signifikanter Zusammenhang. Dabei gilt ganz einfach: Je höher die Bewertungen heute sind, umso tiefer sind die Erträge in der Zukunft. Da wir uns aktuell nahe historischen Höchstbewertungen befinden, müssen wir uns auf ein oder sogar zwei sehr magere Jahrzehnte einstellen. Ich halte eine Performance der breiten Aktienmärkte von allenfalls 1 bis 1,5% für realistisch. Unter Berücksichtigung einer Inflationsrate von durchschnittlich 3% ergibt sich über eine Dekade hinweg ein realer Vermögensverlust von 15% – das sind alarmierende Zahlen.

Was müsste hierzulande Ihrer Ansicht nach in die Wege geleitet werden, um eine möglichst breite Anlegerbasis zu schaffen? – ist es volkswirtschaftliche Bildung schon in Schuljahren, BWL-Politiker in entsprechenden Positionen oder einfach das schlichte Erreichen einer Schmerzgrenze, an der nahezu ein jeder sieht, dass es mit dem Sparbuch oder dem Tagesgeldkonto einfach nicht mehr getan sein wird?
Alles davon hätte seine Berechtigung. Die Aufwertung und Neugestaltung des Schulfachs Wirtschaft & Recht wäre auch einer meiner persönlichen Favoriten. Der Umgang mit Geld, der wundersame Zinseszinseffekt, nachhaltiges Wirtschaften – all das gehört für mich grundlegend in eine schulische Ausbildung. Und natürlich ist auch die Frage von Bedeutung, wer dieses Wissen unserem Nachwuchs vorzugsweise vermitteln sollte. Das dürfen gerne Quereinsteiger mit praktischen Erfahrungen sein, anstelle von Beamten, die ihre Lehrbuchkapitel exerzieren und sich wochenlang mit dem Gegensatz von Kommunismus und Kapitalismus aufhalten. Bei der Vermittlung von Wissen zu Themen wie Vermögensaufbau und Geldanlage ist die praktische Erfahrung mindestens genauso wichtig wie die theoretische Lehrbuchbasis.

Eine sehr praktische Erfahrung ist auch, dass populistische Regierungen regelmäßig finanztechnisch geradezu implodieren – zu dumm, dass wir dabei weltweit aktuell gerade auf keinem so guten Pfad sind. Wie schlimm kann das werden?
Die Einschläge kommen jedenfalls näher: Ungarn, Polen, Türkei, im nächsten Jahr auch wieder Machtkampf in Frankreich. Insofern werden wir in Deutschland gewissermaßen eingekreist. Es gibt nun mal auch Globalisierungsverlierer, das ist unbestritten. Wer sich dazu zählt, sucht die Schuld stets bei Anderen und schottet sich mit Gleichgesinnten ab. Das erinnert mich an das Verhalten von Sekten. Diese populistische Umdeutung führt nicht nur zu einer Spaltung der Gesellschaft, sondern kostet ganz konkret Wachstum und fördert Inflation – ist also in jeder Hinsicht für alle schädlich. Allerdings findet das zeitversetzt statt, so dass Populisten erst ihre Unterstützer finden und über mehrere Jahre ihr schädigendes Werk verrichten können. Die Quittung fällt dann entsprechend höher aus. Neben der demografischen Entwicklung und der unweigerlich anziehenden Inflation sind das meine Hauptargumente gegen eine gute Entwicklung der Finanzmärkte in den nächsten Jahren – sowohl Aktien als auch Anleihen betreffend.

Es hieß doch immer, die technischen Fortschritte, die unzweifelhaft da sind, machen diesen oder jenen Makel beim Wirtschaftswachstum wett.
Grundsätzlich schon – aber nicht, wenn unsere Bevölkerung überaltert. Alternde Gesellschaften sind weniger technologiefreundlich, weniger innovativ, konsumieren weniger – kurzum: Sie sind ‚gesättigt‘. Wenn Sie dann noch die gerade erläuterten Deglobalisierungstendenzen hinzunehmen, ist das keine gute Gemengelage für die nächsten Jahre.

Also prägnant gefragt: Welche Assetklassen und welche Regionen, ggf. auch welche Art von Wertpapieren, eignen sich für eine Aufstellung einer Welt im Wandel für die nächsten fünf bis zehn Jahre?
Eines scheint mir sehr klar: Die große Zeit der passiv gemanagten Produkte wie Indexfonds geht vorüber. Die bloße Abbildung eines breiten Marktes zementiert letztlich den realen Vermögensverlust, über den wir bereits gesprochen haben. Das gleiche gilt für Anleihen: Wenn die Zinsen künftig steigen, und das müssen sie aufgrund der Inflation früher oder später, dann wird es durch die Bank weg Kursverluste bei zunächst immer noch niedrigen Kupons geben. Insofern sind die Ertragsperspektiven bei Aktien und Anleihen gleichermaßen düster.

Lässt sich daran nichts schrauben?
Ein wenig zumindest – die Stichworte lauten dabei Aktivität und Selektivität. Das heißt: gute Regionen und gute Branchen identifizieren, schlechte meiden. Das ist der Gegenentwurf zur passiven Indexnachbildung. Zu den Gewinnerbranchen der Zukunft zählt in meinen Augen Infrastruktur. Die rund um den Globus aufgelegten Fiskalprogramme zur Erneuerung der maroden Verkehrswege sowie der Ausbau der digitalen Infrastruktur werden den Sektor auch in schwierigen Zeiten unterstützen. Daneben gehören die Rohstofflieferanten zu den aussichtsreichsten Branchen – die Dekarbonisierung der Wirtschaft erfordert schließlich Unmengen an Industriemetallen. Dort trifft eine exponentiell wachsende Nachfrage auf ein beschränktes Angebot, gleichzeitig sind die Bewertungen der Unternehmen äußerst günstig. Davon abgesehen würden sich die Anleger damit auch noch vor steigenden Inflationsraten schützen.

Und Wachstumstitel versus Brick & Mortar [Steine & Mörtel]?
Wenn die Zinsen steigen, wird die jahrelange Outperformance von Wachstumstiteln beendet sein. Wir stehen vor einer Renaissance des Value-Managements, das ist Selektivität in Reinform. Dazu zählen im weitesten Sinne auch die Emerging Markets, die gleich von mehreren Seiten profitieren dürften: Zum einen sind die Bewertungen viel niedriger als in den entwickelten Märkten. Zugleich ist das Wachstum deutlich höher. Nebenbei profitieren die Schwellenländer auch noch von ihrer Rolle als Rohstofflieferant.

Herr Dr. Preißler, ganz herzlichen Dank für Ihre Zeit und Ihre überaus klare Vision für die Marschrouten der Zukunft!


ZUR PERSON

Dr. Harald Preißler ist Chefsvolkswirt bei der Bantleon Bank AG, einem Spezialisten für institutionelle Investments mit dem Fokus auf Kapitalerhalt. Er leitet außerdem das Anlagenmanagement.

 

 

 

Dieser Beitrag ist in der Unternehmeredition 4/2021 erschienen.

Autorenprofil
Falko Bozicevic

Falko Bozicevic ist Redakteur des GoingPublic Magazins sowie verantwortlich für das Anleihen-Portal BondGuide. Seine Schwerpunkte liegen vor allem auf makroökonomischen Themen sowie Investment-Fragen rund um IPOs, Anleihen und Fonds.

 

Vorheriger ArtikelReale Renditen unter Druck
Nächster ArtikelMusterdepot Update: Aufziehende Wolken über der Spielwiese?