Bantleon: „Coronapandemie als Katalysator für Strukturumbruch“

© m.mphoto-stock.adobe.com

Harald Preißler, Aufsichtsratsvorsitzender der Bantleon AG, sieht die Coronapandemie als Katalysator für einen Strukturbruch. Im Interview erläutert er, wie Investoren darauf reagieren sollten. INTERVIEW STEFAN PREUSS

Unternehmeredition: Herr Dr. Preißler, Bantleon geht davon aus, dass der Abwärtstrend bei den Renditen jetzt endet. Worauf gründet diese Einschätzung?Dr. Harald Preißler: Dr. Harald Preißler: Das Potenzial für sinkende Zinsen ist schlicht ausgeschöpft. So hat die EZB den Leitzins im Frühjahrslockdown erstmals in ihrer Geschichte nicht gesenkt, obschon die schwerste Rezession seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wütete – weil die Kosten-Nutzen-Abwägung negativ ausfiel. Entsprechend haben sich die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen kaum bewegt, obwohl sie in früheren Rezessionen regelmäßig um 150 bis 200 Basispunkte gefallen waren.

Unternehmeredition: Mehr noch: Sie erwarten Inflation und steigende Renditen. Auf welche unterliegenden Entwicklungen heben Sie dabei ab?
Preißler: Wir sehen vor allem drei Gründe: Erstens erleben wir global einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik, der durch die Coronapandemie beschleunigt wird. Die Reflationierungsversuche der Zentralbanken sind gescheitert, weil sie ausschließlich die Vermögenspreise aufgebläht haben. Künftig wird die Fiskalpolitik eine größere Rolle einnehmen. Da die Staatsausgaben unmittelbar auf die Realwirtschaft wirken, ist dort mit anziehender Inflation zu rechnen. Hinzu kommt die unübersehbare Abschwächung der Globalisierung. Die Rückverlagerung von Produktionsstätten in die Industrienationen zwingt die Unternehmen, die höheren Produktionskosten auf die Preise überzuwälzen, um die Margen halten zu können. Drittens treibt auch die ungünstige Demografie die Inflation an. Weltweit werden in den nächsten Jahren die Arbeitskräfte knapper und damit teurer.

Unternehmeredition: Welche Konsequenzen hat dies alles für die Asset Allocation?
Preißler: Das skizzierte Umfeld weist Parallelen zu den 1970er Jahren auf, als ebenfalls die Renditen parallel zur Inflation gestiegen sind. Heute wie damals sollten Anleger bei Anleihen vor allem auf kurze Laufzeiten setzen, um bei steigenden Zinsen Kursverluste zu minimieren. Daneben könnte der Portfolioertrag durch den Einsatz von inflationsgeschützten Anleihen und Schwellenländeranleihen erhöht werden. In jedem Fall ist aktives Management gefragt, bei dem vor einem Renditeanstieg die Laufzeiten verkürzt und anschließend wieder verlängert werden. Weil steigende Zinsen die Gewinnmargen von Unternehmen belasten, sollten Anleger perspektivisch nur noch in Aktien und Anleihen gut aufgestellter Unternehmen mit soliden Bilanzen und überlegenen Geschäftsmodellen investieren. Die Titelselektion wird daher künftig an Bedeutung gewinnen. Passive Anlagevehikel wie ETFs sind in diesem Umfeld nicht geeignet, um Vermögen aufzubauen oder nach Inflation zu erhalten.

Unternehmeredition: Sie haben zuletzt Infrastruktur und nachhaltige Anlagen als attraktiv eingeschätzt. Bleibt es langfristig dabei?
Preißler: Definitiv. Aktien aus dem Segment Basisinfrastruktur bieten Zugang zu verschiedenen strukturellen Wachstumsthemen. So profitieren Infrastrukturunternehmen besonders von langfristigen Trends wie dem digitalen und dem demografischen Wandel sowie von der Energiewende. Unter dem Strich ist hier langfristig eine bessere Wertentwicklung zu erwarten als beim breiten Aktienmarkt, mit niedrigeren Drawdowns und konstant hohen Dividenden. Aber auch digitale Disruptoren, also innovative und schnell wachsende Unternehmen, die sich auf die Entwicklung neuer Technologien, Produkte oder Dienstleistungen konzentrieren, stehen bei uns im Fokus.

Dieses Interview erschien in der UE-Ausgabe 4/2020.


ZUR PERSON

Dr. Harald Preißler ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Bantleon AG und in dieser Funktion verantwortlich für die langfristige Anlagestrategie.

Autorenprofil
Vorheriger ArtikelOtto holt Strategieexperten Christoph Schulte an Bord
Nächster ArtikelDJE Kapital: „ESG-Kriterien keine Modeerscheinung“