Berliner Glas mit Sitz im Stadtteil Neukölln hat Vorbildcharakter. Und das gleich in vielerlei Hinsicht – eine Eigenkapitalquote von 60%, eine geregelte Nachfolge und organisches Wachstum. Nur der Weg nach China ist ungewöhnlich: Er führt über den Schweizer Markt. Dr. Andreas Nitze wird von Dr. Herbert Kubatz, dem Sohn des Firmengründers, seit einigen Jahren auf die Nachfolge im Unternehmen vorbereitet. Im Interview mit der Unternehmeredition spricht Andreas Nitze darüber, wie sich ein produzierendes Hightech-Unternehmen am Standort Berlin behauptet.

Unternehmeredition: Herr Dr. Nitze, der Firmenname Berliner Glas lässt im ersten Moment darauf schließen, dass es sich um eine gewöhnliche Glaserei handelt. Tatsächlich verbirgt sich dahinter ein Unternehmen, dessen optische Baugruppen selbst im Weltall zu finden sind.



Nitze:
Das Unternehmen wurde 1952, also vor genau 60 Jahren, als klassischer Glas-Großhandel durch den Vater des heutigen Eigentümers und meines Mitgeschäftsführers Herbert Kubatz gegründet. Anfangs haben wir in der Tat die Glasereien im damaligen Westteil der Stadt beliefert. Allerdings hat sich das Unternehmen noch zu Zeiten der Mauer zu einem Entwickler und Produzenten von hochtechnischen Spezialgläsern für die optoelektronische Industrie entwickelt. In ausgewählten Branchen der lichtnutzenden Industrie beliefern wir heute praktisch die Marktführer.

Unternehmeredition: Mit Erfolg. Berliner Glas beschäftigt heute am Standort Neukölln über 500 Mitarbeiter. Da der Platz nicht mehr ausreichte, entschlossen Sie sich, 17 Mio. EUR in einen Erweiterungsbau zu investieren. Das war 2009. Kaum hatten Sie das Richtfest gefeiert, kam die Finanzkrise und mit ihr eine handfeste Krise der Halbleiterindustrie, die einer ihrer Hauptabnehmer war. Eine solche Konstellation hat mancher Mittelständler in Deutschland nicht überlebt. Wie sind Sie da durch gekommen?

Nitze: In der Tat traf uns auch das. Wir mussten zunächst an unseren Standorten in Berlin und der Schweiz rund 60 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und 50 Mitarbeiter entlassen. Erst Mitte 2010 ging es wieder aufwärts, heute stellen wir wieder fleißig ein. Was die eigentliche Investition betraf, kam uns zugute, dass wir eine Eigenkapitalquote von über 60% und damit die Investition nahezu aus eigener Kraft gestemmt haben. So haben wir erst einmal den Innenausbau gestoppt und dann, als es wieder aufwärts ging, fortgesetzt. So gesehen konnten wir der Krise sogar noch etwas Positives abgewinnen und den Innenausbau an den aktuellen Marktanforderungen gestalten.

Unternehmeredition: Eine Eigenkapitalquote von über 60% bei einem Fertigungsunternehmen erreicht zu haben, ist beachtenswert. Wie hat Berliner Glas das geschafft?

Nitze: Das Wichtigste war die richtige Strategie. Wir haben uns auf die Branchen konzentriert, die wir am besten beherrschen. Das sind sechs Felder: Halbleiterindustrie, Medizintechnik, Geosysteme und Messtechnik, Verteidigung, Industrielle Lösungen und technische Gläser. Hier entwickeln wir gemeinsam mit den Kunden Lösungen und bringen sie zur Serienreife. Ein Beispiel: Eine Kamera zum dreidimensionalen Abscannen der Zähne kommt von uns. Von Branchen, in denen wir nichts verstehen, wie etwa der Automobilbranche, lassen wir die Finger. Ein zweiter Aspekt ist sicherlich, dass wir ein familiengeführtes Unternehmen sind und die Gewinne weitgehend im Unternehmen bleiben. Wir legen auf organisches Wachstum großen Wert. Das heißt, alles sollte möglichst aus dem Cashflow kommen, wie etwa unsere jährlichen Investitionen von ca. 8% des Umsatzes für Investitionen und ca. 9% für Forschung und Entwicklung.

Unternehmeredition: Sie sind vor 20 Jahren ins Unternehmen gekommen und sind jetzt der potenzielle Nachfolger vom Sohn des Firmengründers. Sie werden seit Jahren durch ihren Mitgesellschafter Herbert Kubatz darauf vorbereitet und kommen strenggenommen aus der Belegschaft. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Nitze:
Dass es ein Familienunternehmen ist. Natürlich könnte man sich auch in einem fremdkapital­getriebenen Unternehmen verwirklichen. Man würde unsere sechs Geschäftsbereiche genauer betrachten und zwei bis drei von ihnen umsatzmäßig stärker ausbauen. Ein, zwei andere Bereiche werden gewinnbringend an den Wettbewerber verkauft. Zur Finanzierung der Aktivitäten nutzt man das reichlich vorhandene Eigenkapital des Unternehmens. Was für Möglichkeiten hat man hingegen, wenn eine neue Holding an die Börse geht? Ich bin dafür, lieber die Synergien zu heben. Die Herausforderungen beim Kunden sind meist sehr ähnlich. Ein Problem verlangt nach einer Lösung. Egal, ob im Weltraum, bei einer Zieloptik oder beim Fernsehbildschirm.

Unternehmeredition: Dennoch, Sie sagen ja selbst: Wenn man Berliner Glas verkaufen würde, das Unternehmen würde ad hoc mehr als 100 Mio. EUR bringen. Wie wollen Sie eigentlich den Kaufpreis finanzieren?

Nitze:
Was bringen einem Unternehmer auf einen Schlag 100 Mio. EUR, wenn er verkauft? Wir sind erfolgreich, haben eine sehr gute Konstellation für die Unternehmensnachfolge. Ich habe die Möglichkeit, von Jahr zu Jahr meine Gesellschafteranteile zu erhöhen, und Herbert Kubatz zieht sich richtigerweise nach und nach aus dem Tagesgeschäft zurück. Ihm macht es dagegen Spaß, das Unternehmen bei wichtigen Entscheidungen zu begleiten und nach außen zu repräsentieren.

Unternehmeredition: Sie haben einen Standort in der Schweiz und sind von dort aus nach China expandiert. Warum dieser Umweg?

Nitze:
Wir haben in der Schweiz das Unternehmen Swiss Optic übernommen. Als deren wichtigster Kunde nach China ging, haben wir gemäß unserer Philosophie gesagt, da gehen wir mit, und haben so im chinesischen Wuhan eine Montage- und Produktionsstätte aufgebaut.
Unternehmeredition: Warum firmieren Sie in der Schweiz immer noch unter Swiss Optic anstatt unter Berliner Glas?

Nitze: Wir sind ein Familienunternehmen, das sehr innovativ aufgestellt ist, aber immer noch die Kultur eines Landes respektiert. Und in der Schweiz ist die Bewahrung der Tradition einer Firma ein sehr wichtiges Kriterium für den Erfolg des übernehmenden Unternehmens.

Unternehmeredition: Herr Dr. Nitze, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Torsten Holler.
redaktion@unternehmeredition.de


Zur Person: Dr. Andreas Nitze
Dr. Andreas Nitze begann vor 20 Jahren als Assistent der Geschäftsleitung bei der Berliner Glas GmbH (www.berlinerglas.de). Heute ist der 47-jährige Mitgesellschafter des Unternehmens, gemeinsam mit dem Sohn des Firmengründers, Dr. Herbert Kubatz. Das Unternehmen beschäftigt am Standort Berlin 524 Mitarbeiter. Insgesamt sind es an Standorten in Süddeutschland und der Schweiz rund 1-000 Mitarbeiter, die 2011 einen Umsatz von rd. 150 Mio. EUR erwirtschafteten.