Die Masse der Unternehmer mit Migrationshintergrund in Deutschland ist so heterogen wie Deutschland selbst. Dabei haben sich Selbstständige mit Migrationshintergrund nicht nur zum unverzichtbaren Element der Nahversorgung in Ballungsräumen entwickelt, sondern werden auch zu einem immer wichtigeren Teil im wissensintensiven und im produzierenden Gewerbe – oder kurz im berühmten deutschen Mittelstand. 

Ich bin Deutschland-Fan

„Ich habe mich immer nur als Gründer gesehen“, sagt Ali Jelveh. Er ist Co-Founder der Protonet GmbH, mit Sitz in Hamburg. 2012 gegründet, machte das Unternehmen mit einer cloudbasierten Serverlösung von sich hören, mit der Daten von Firmen, aber auch von Privatpersonen vor unerwünschtem Zugriff gesichert werden sollen. „Ich hatte auch nie Schwierigkeiten damit, dass ich Ausländer bin.“ Erst als die Thematik wiederholt von außen an ihn herangetragen wurde, habe er gemerkt, dass viele Entscheidungen und Taten unbewusst durch seine Vergangenheit beeinflusst wurden, denn: „Ja, es stimmt: Ich bin Gründer mit Migrationshintergrund, und was bisher in meinem Leben passiert ist, hat sich auf viele Dinge, die ich tue, ausgewirkt.“

Ali JELVEH_Protonet CEO
Gründer mit Migrationshintergrund: Ali Jelveh, Co-Founder der Protonet GmbH

Gegründet in Hamburg, versucht sich Protonet mittlerweile ein zweites Standbein in den USA aufzubauen. Durch die Teilnahme am begehrten Y Combinator, einer exklusiven Plattform für Tech-Unternehmen, dessen Kraft schon Branchenriesen wir Airbnb oder Dropbox für ihren Aufstieg nutzten, konnte Protonet Kontakte knüpfen und Erfahrungen direkt im Silicon Valley sammeln. Im Moment arbeitet das Unternehmen an ZOE, einem Hub und Server für Smart-Home-Komponenten. Deutschland bleibt dabei aber fest im Fokus von Protonet. „Ich liebe das Qualitätsbewusstsein, die Liebe zum Detail, die es in Deutschland gibt, dass wir Werte haben und deren starke Präsenz“, schwärmt Jelveh.

Im Alter von vier Jahren flüchtete er zusammen mit seinem Bruder und seiner Mutter aus dem Iran. Zunächst nach Frankreich und schließlich in die Hansestadt. „Im Iran gab es 1984 ein kleines Zeitfenster, in dem es möglich war, rauszukommen.“ In der umkämpften Heimat blieben nicht nur der Vater und eine große Familie zurück, sondern mit ihnen Gefühle der Geborgenheit und Sicherheit. „Innerhalb von drei Tagen waren meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich vollkommen auf uns allein gestellt.“ Angekommen am Flughafen in Paris sei seine Welt zusammengebrochen. „In diesem Moment habe ich entschieden, dass mir diese totale Ohnmacht nicht mehr passieren wird.“ Bei der Gründung von Protonet waren diese Erfahrungen prägend. „Die Menschen haben sich mit dem Internet ein Wunder erschaffen“, sagt Jelveh. Und obwohl dieses immer wichtiger für den Alltag der Menschen werde, hat er den Eindruck, dass sich die Entscheidungs- und Steuerungsgewalt darüber bei einigen wenigen konzentriere. „Ich habe plötzlich Angst bekommen. Ich kenne zentralistische Systeme, da entscheiden ein paar Leute über Generationen, berauben sie ihrer Freiheit.“ Das hinsichtlich des World Wide Webs zu verhindern, sei der Kerngedanke bei der Firmengründung gewesen.