„Wir müssen auf der Hut sein, nicht wieder in alte Denkmuster zurückzufallen“

 

Die Kombination aus Wirtschaftskrise und hohem Fixkostenblock durch eine expansive Internationalisierung brachte die Ledermann GmbH & Co. KG Ende 2008 wie viele andere Unternehmen in eine Schieflage. Der Premium-Werkzeug- und Werkzeugsystemhersteller für die holzverarbeitende Industrie, u.a. Fußboden- und Möbelproduzenten, ist im Außenverhältnis vor allem unter dem Markennamen Leuco bekannt. Im Interview spricht Geschäftsführer Dietmar Bolkart über die entscheidenden Faktoren des Sanierungsprozesses und welche Rolle ein neuer Factoringpartner für den Turnaround spielte.

Unternehmeredition: Herr Bolkart, wodurch geriet Ihr Unternehmen in die wirtschaftliche Schieflage?
Bolkart:
Der Auslöser war wie bei vielen anderen Unternehmen die Weltwirtschaftskrise ab Ende 2008. Wir hatten auf der einen Seite ein sinkendes Geschäftsvolumen, auf der anderen Seite einen vergleichsweise hohen Fixkostenanteil, der zum Teil aus unserer Internationalisierungsstrategie resultiert. Unser größter Markt ist Deutschland, wir sind aber sehr stark global ausgerichtet und im Ausland mit 16 operativen Gesellschaften tätig. Aufgrund dieser hohen Strukturkosten wurden wir trotz des im Vergleich zu vielen anderen Maschinenbauern moderaten Umsatzrückgangs 2009 von rund 20% hart getroffen.

Unternehmeredition: Was waren die entscheidenden Maßnahmen, um das Unternehmen wieder nach vorne zu bringen?
Bolkart:
Als ich 2010 bei Leuco startete, lag bereits ein Sanierungskonzept eines Beraters vor. Meine Aufgabe war es, dies konsequent umzusetzen. Restrukturierungen sind hochkomplexe Situationen, die ein Bündel von Maßnahmen erfordern. Ein wesentlicher Punkt war die Schließung von zwei Standorten in Deutschland – eine bittere Sache für die Betroffenen, aber in Anbetracht der Lage dringend notwendig. Ein zweiter wichtiger Faktor war strategisch gesehen die weitere Konzentration auf das Kerngeschäft Holzbearbeitung. Die Trennung von Randaktivitäten hatte zwar schon vor der Krise begonnen, wurde dann aber konsequent abgeschlossen. Zur Unterstützung der Sanierung haben alle Mitarbeiter finanzielle Beiträge geleistet genauso wie die Gesellschafter. Alle haben mitgeholfen, das Schiff wieder flott zu kriegen. Zudem ist es uns in dieser schwierigen Situation gelungen, einen weiteren Finanzierungspartner mit ins Boot zu holen, was sehr außergewöhnlich war. GE Capital glaubte an unsere Fähigkeit, das Sanierungskonzept erfolgreich umzusetzen. Für uns war Factoring in dieser Lage ein ganz wichtiger Finanzierungsbaustein. Weil die Forderungen mit sehr verkürzten Zahlungszielen realisiert werden konnten, bekamen wir finanziellen Spielraum geschaffen. Das brachte am Tag der Unterschrift schlagartig den Forderungsbestand als Cash in die Kasse.

Unternehmeredition: Sie kamen vor einem Jahr zum Unternehmen, als die Krise auf dem Höhepunkt war. Was hat Sie dazu bewogen, diese Herausforderung anzunehmen?
Bolkart:
Mein Profil hat aufgrund meiner 30jährigen Berufserfahrung einfach gepasst. Ich hatte in mehreren Unternehmen vielfältige Führungsaufgaben übernommen, war ursprünglich stark in der Technik verankert, später für weltweite Vertriebsstrukturen verantwortlich und hatte auch Mitte der 90er bei einer Tochtergesellschaft von Bremer Vulkan eine Insolvenz miterlebt. So konnte ich ein breites Spektrum abdecken. Als nächsten Schritt habe ich mir bewusst eine Aufgabe gesucht, bei der es nicht um reines Tagesgeschäft geht, sondern darum, ein Unternehmen wieder neu aufzustellen. Deswegen hat mich die Herausforderung gereizt, Leuco zu restrukturieren. Hier kam ich in Ergänzung eines bestehenden Geschäftsführers hinzu, mit einer breiten Ressortverantwortung sowohl für den kaufmännischen Bereich als auch für die Technik.

Unternehmeredition: Welche Rolle spielten die Familiengesellschafter von Leuco im Sanierungsprozess?
Bolkart:
Die Zeit ist in solchen Situationen enorm wichtig. Als das Konzept auf dem Tisch lag, hatten wir zu Anfang sehr schwierige und langwierige Diskussionen, einen Interessenausgleich und Sozialplan mit den Mitarbeitern auszuhandeln. Dabei spielte das aktive Mitwirken der wesentlichen Familiengesellschafter eine entscheidende Rolle. Deren Commitment und aktive Beteiligung an den Diskussionen mit den Mitarbeitern sorgte für mehr Überzeugungskraft. Außerdem haben sie zusätzlich Geld ins Unternehmen gegeben.

Unternehmeredition: Wie ist die aktuelle Geschäftsentwicklung?
Bolkart:
Wir konnten Ende letzten Jahres den Restrukturierungsprozess abschließen und den Turnaround vollziehen. Der Umsatz stieg von 95 Mio. EUR 2009 auf etwas über 110 Mio. EUR. Zudem erzielten wir ein schönes positives Ergebnis – und das nicht durch Bilanzmaßnahmen, sondern real im operativen Geschäft. Die Geschäftsentwicklung in den ersten vier Monaten des Jahres ist sowohl beim Umsatz als auch beim Ergebnis weiter positiv, bedingt durch die anziehende Konjunktur und die neue Aufstellung.

Unternehmeredition: Wie schätzen Sie die weiteren Zukunftsaussichten Ihres Unternehmens ein?
Bolkart:
Nach dem Turnaroundjahr 2010 sind wir dieses Jahr dabei, unsere künftige Wachstumsstrategie zu entwickeln, müssen aber gleichzeitig auf der Hut sein, nicht wieder in alte Denkmuster und Verhaltensweisen zurückzufallen. Darauf richten wir große Aufmerksamkeit. Gute Zeiten bergen die Gefahr, die Probleme der Vergangenheit zu verdrängen. Gleichzeitig stellen wir ganz massiv die Prozesse auf den Prüfstand, um die Effizienz zu steigern. Jetzt geht es darum, mit dem aktuellen Personalbestand mehr zu bewältigen. Unser Ziel ist, im Durchschnitt eine Umsatzrendite von etwa 5% zu erwirtschaften.

Unternehmeredition: Was ist Ihr wichtigster Rat an Unternehmer im Umgang mit Krisensituationen?
Bolkart:
Die Trendwende zu erreichen geht nur, wenn man die tatsächlichen Ursachen der Krise ganz klar aufarbeitet und den Mut aufbringt, diese auch sehen zu wollen. Das ist der wichtigste Punkt überhaupt. Man muss diese Schwelle überschreiten, die Ursachen auf den Tisch legen. Wer den Mut dazu aufbringt, hat die Kraft und die Fähigkeit, das Blatt zu wenden.

Unternehmeredition: Herr Bolkart, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de


Zur Person: Dietmar Bolkart
Dietmar Bolkart ist Geschäftsführer der Ledermann GmbH & Co. KG in Horb. Die stark international ausgerichtete Unternehmensgruppe der Präzisionswerkzeugindustrie im Bereich Holzbearbeitung ist insbesondere unter der Marke Leuco bekannt. Im letzten Jahr erwirtschaftete das Unternehmen mit rund 1.000 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 110 Mio. Euro. www.leuco.de

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