Gut gerüstet

Zunehmende Reife der deutschen Restrukturierungsbranche
Doch zur Insolvenz als letzter Konsequenz muss es nicht kommen. Immer mehr Sanierungspezialisten – von Unternehmensberatern über Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte bis hin zu Interimsmanagern – stehen bereit, um angeschlagene Unternehmen aus der Krise zu führen. „Die deutsche Restrukturierungsbranche hat in den letzten Jahren einen enormen Reifeprozess durchlaufen und nähert sich internationalen Standards an“, erklärt BRSI-Vorsitzender Angster. Unternehmer und Berater nutzen heute selbstverständlich Instrumente, die vor fünf Jahren hierzulande nicht bekannt waren. Auch angelsächsische Berater kommen zunehmend nach Deutschland. Natürlich ist nicht jede Firma vor dem Untergang zu retten. Zum einen rechnet sich der Aufwand häufig unter der kritischen Masse eines Unternehmenswertes von mindestens 100 Mio. Euro nicht. Ist zum anderen das Geschäftsmodell an sich überholt, dann können auch die besten Sanierungsexperten keine Wunder vollbringen. Kern des Restrukturierungsprozesses ist das Zusammenspiel und die Aufgabenteilung der unterschiedlichen Akteure.

Unternehmensberater: Strategen für den Turnaround
Klassische Unternehmensberater sind in der Regel die ersten, die von unter Druck geratenen Unternehmen zu Hilfe gerufen werden. Das ist häufig im frühen Stadium der ertragswirtschaftlichen Krise der Fall. Sie verfügen über eine breites Angebotsspektrum, von der Strategieberatung bis hin zu Kostensenkung und Performance Improvement. Sie analysieren die Geschäftsprozesse und arbeiten in erster Linie Konzepte aus, die das Management anschließend operativ umsetzt, teils begleitet von den Beratern.

Interimsmanager: Retter als Geschäftsführer auf Zeit
Steht ein Unternehmen schon stark unter Druck und befindet es sich in der finanzwirtschaftlichen Krise, reichen Strategiekonzepte alleine nicht mehr aus. Es braucht Restrukturierungsberater, die schnellstens innerhalb der Firma die Finanzen restrukturieren und mit den Banken und anderen Geldgebern verhandeln: über Stundung/Zahlungsaufschub des Kredites, Verzicht eines Teils der Forderungen etc. Diese Aufgabe übernehmen zunehmend Interimsmanager, die vorübergehend als Führungskräfte – mit allen Haftungsrisiken – im Krisenunternehmen eingesetzt werden, um das Schiff wieder auf Kurs zu bringen. „Sie sind einzelunternehmerisch agierende operative Umsetzer, die sich selbst als Unternehmer sehen und über langjährige Industrieerfahrung in Führungspositionen verfügen“, erläutert Eugen Angster, Vorstandsvorsitzender des BRSI. Wichtiger zusätzlicher Baustein im Lebenslauf ist Restrukturierungserfahrung. Spezielle Vermittlungsagenturen bringen Interimsmanager und Unternehmen zusammen. Die Geschäftsführer auf Zeit werden solange in Krisenunternehmen eingesetzt, bis die Restrukturierung abgeschlossen ist. Es gibt aber auch Mischformen. Roland Berger beispielsweise hat vor rund zwei Jahren eine Tochter gegründet, die TMG Turnaround Management Gesellschaft, die Interimsmanagement durchführt – bis dahin für Strategieberater eher unüblich. „Auf diese Weise können wir diese Dienstleistung anbieten, ohne in Interessenskonflikte zu geraten“, sagt Dr. Ralf Moldenhauer, Partner bei Roland Berger Strategy Consultants.

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