In der Wirtschaftspolitik wird derzeit nichts so kontrovers diskutiert wie Freihandelsabkommen. Die Frontlinie verläuft quer durch die Gesellschaft und politische Lager. Allein die großen Wirtschaftsverbände sprechen sich uneingeschränkt für TTIP und Co. aus. Doch die, die davon betroffen sind, denken in Alternativen.

Grundsätzlich ist Alexander Brand, einer von drei Gründern und Geschäftsführern des Online-Handels Windeln.de, ein Anhänger von Freihandel. „Wir sind ja in der komfortablen Situation, dass wir in Europa eine riesige Freihandelszone haben. Das ist natürlich bombastisch“, sagt Brand. Der Händler mit mehr als 400 Mitarbeitern setzte im Jahr 2015, sechs Jahre nach seiner Gründung, knapp 180 Mio. Euro mit dem Online-Handel von Windeln, Spielzeug, Kleidung und Nahrung für Babys um. Das Münchner Unternehmen ist auch im europäischen Ausland, etwa unter dem Namen Pannolini in Italien und Bebitus in Spanien, sowie in China vertreten. „Wir wachsen im Ausland stärker als in Deutschland.“

Windeln.de hat demnach ein starkes Interesse an einfachen Marktzugängen. Geschäftsführer Brand bekommt den Unterschied zwischen EU- und Nicht-EU jeden Tag zu spüren, denn er beliefert auch rund 100.000 Kunden in der Schweiz. Zwar besteht seit 1973 auch zwischen den Eidgenossen und der EU ein Freihandelsabkommen. Doch einen Beitritt zum europäischen Wirtschaftsraum haben die Schweizer bisher abgelehnt. Für den Babyartikel-Versand bedeutet das einen absurden Bürokratie-Aufwand: „Wenn Sie Ware in die Schweiz einführen wollen, müssen Sie eine achtstellige Zolltarifnummer für jeden Artikel eintragen. Und die ist nicht völlig trivial, weil ein Strampler für Babys mit fünf Prozent Polyester-Anteil im Gegensatz zu einem mit zehn Prozent Polyester-Anteil eine andere Zolltarifnummer hat. Wir beschäftigen hier eine Person in Vollzeit, die bei unseren zehntausenden Artikeln im Sortiment die einzelnen Zolltarifnummern pflegt.“

Qualität für Milchbauern

Was für den Exporteur gut wäre, also weniger Handelsbarrieren, muss aber nicht automatisch für jene gut sein, die nur im Inland vertreiben. Freihandel ist eben eine Medaille mit zwei Seiten: Ein freierer Markt für deutsche Unternehmer im Ausland bedeutet gleichzeitig auch einen leichteren Marktzutritt für ausländische Firmen hierzulande – und damit Konkurrenz für den angestammten Mittelstand.

Studie DZ Bank
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Milchbauer Stefan Gnadl gehört deshalb zu den Kritikern von TTIP und Co.: „Ein Grund, warum die Regierung das möchte, ist der Profit für die großen Konzerne. Der normale Bürger, der Landwirt oder der kleine Schreiner-Betrieb zieht daraus keinen Vorteil.“ Gnadls Hof in Übersee am Chiemsee ist seit vielen Generationen in Familienbesitz. Mehr als 30 Milchkühe hält der Landwirt, die Milch liefert er an die Molkerei Berchtesgadener Land, seit 1927 betrieben von einer Genossenschaft, in deren Vorstand Gnadl sitzt. Die Molkerei im oberbayerischen Piding wird von knapp 1.800 Bauern beliefert. Sie ist dafür bekannt, dass sie zwischen 39 und 58 Cent pro Kilogramm Milch und damit deutlich mehr als konventionelle Betriebe zahlt. Die Verbraucher unterstützen das Konzept. Über 200 Mio. Euro Jahresumsatz macht die Genossenschaft mit Frischmilch, Butter, Joghurt und weiteren Milchprodukten. Und das garantiert frei von Gentechnik – ein wichtiger Qualitätsstandard für die Milchbauern.

Diesen Standard sieht Gnadl durch den Freihandel à la TTIP in Gefahr. Wie bei jedem Abkommen müssten dafür Kompromisse geschlossen, Standards angeglichen und Zertifizierungsverfahren vereinheitlicht werden. Gerade auf dem Lebensmittelmarkt ruft das Gegner von Gentechnik und Hormonbehandlungen auf den Plan. Das Chlorhühnchen wurde zum Sinn- und Feindbild für TTIP-Gegner. „Ich sehe unsere landwirtschaftlichen Strukturen gefährdet. Wir haben ja relativ hohe Standards, gerade im Biosegment. Gentechnik, Hormonfleisch, das ist haarsträubend“, sagt Gnadl. In der Molkerei haben sich die Landwirte klar positioniert: gegen TTIP. „Das war bei uns im Vorstand und im Aufsichtsrat einhellige Meinung“, so der Milchbauer.

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