Dr. Marc Evers (© Deutscher Industrie- und Handelskammertag)

Unerbittlich tickt die Uhr der Demografie. Die Bevölkerung altert und schrumpft. Das hat auch Folgen für das Unternehmertum. Um fast eine Million wird die Zahl der Selbstständigen bis zum Jahr 2050 zurückgehen – ein Aderlass an Innovationsimpulsen. Das rohstoffarme Deutschland wird es künftig schwer haben, im internationalen Wettbewerb gerade mit den aufstrebenden Schwellenländern zu bestehen. Mittelfristig müssen immer mehr Unternehmen an die nächste Generation übergeben werden. Zugleich gibt es immer weniger potenzielle Nachfolger. Schon jetzt wird es für Alt-Inhaber immer schwieriger, einen geeigneten Nachfolger zu finden.

Wahlkampf bringt weitere Unsicherheit
Doch damit nicht genug. Der kommende Wahlkampf droht, weitere Unsicherheit zu bringen. Die Diskussion um die Erbschaftsteuer flammt wieder auf. Der Blick in andere Länder zeigt, welche Wirkungen eine falsche Erbschaftsbesteuerung hat: In den USA, Großbritannien oder Frankreich gibt es – anders als bei uns – keine ausgeprägte Kultur leistungsstarker und weltweit agierender Familienunternehmen. Rechtssicherheit und Planbarkeit sind das A und O gelungener Unternehmensübergaben. Der DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge wirft ein Schlaglicht auf die aktuelle Lage der Unternehmensnachfolge in Deutschland. Mit dem Bericht wertet der DIHK die jährlich mehr als 20.000 Kontakte der IHK-Experten mit Senior-Unternehmern und Existenzgründern aus, die an der Übernahme eines Unternehmens interessiert sind.

Es wird schwieriger, für Unternehmer …
Neben der Demografie erschweren weitere Hemmnisse das Zueinanderfinden. Viele Senior-Unternehmer bereiten sich zu spät vor (48%), können ihr Lebenswerk emotional nicht loslassen (38%) oder haben überzogene Kaufpreisvorstellungen (41%). Insgesamt finden 39% der Senior-Unternehmer keinen geeigneten Nachfolger (s. Abbildung 1).

… und potenzielle Nachfolger
Viele unterschätzen die hohen Herausforderungen an die Übernahme eines Betriebes (45%) oder haben nicht die zum Unternehmen passende Qualifikation (28%). Sogar 56% haben Schwierigkeiten, die Übernahmefinanzierung z.B. aufgrund der erhöhten Eigenkapitalanforderungen der Banken sicherzustellen (s. Abbildung 2).

Kein Notfallkoffer – Spiel mit dem Feuer
Gerade 30% der Unternehmer haben den IHKs zufolge die für die reibungslose Fortführung des Unternehmens wichtigsten Unterlagen griffbereit für eine Vertrauensperson zusammengestellt. Es ist Besorgnis erregend, dass 70% über keinen sogenannten Notfallkoffer verfügen. Das bedeutet eine ernsthafte Gefahr für die Fortführung des Betriebes. Bei Unfall oder Tod des Geschäftsführers ist das Unternehmen führungslos – mit der häufigen Folge des Verlustes der Lebensgrundlage der Familie oder der Schließung des Betriebes. Die IHKs raten daher jedem auch jüngerem Unternehmer, einen Notfallkoffer zu packen – und das vom ersten Tag an. Inhalt: Vollmachten, Vertretungsplan, Informationen zu Kunden- und Lieferantenstrukturen und eine Dokumentenmappe mit Bankverbindungen, Passwörtern sowie ein Testament. Die Dokumente sollten zudem regelmäßig aktualisiert werden, z.B. einmal jährlich.

Empfehlungen an die Politik

Eine gelungene Unternehmensnachfolge braucht Kontinuität. Ständige Veränderungen schrecken potenzielle Nachfolger ab. Doch derzeit sorgt die Diskussion um die Erbschaftsteuer für Verunsicherung. Dies kann Arbeitsplätze gefährden. Auf Basis von Berechnungen des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung geht der DIHK von jährlich 70.000 Unternehmen mit 680.000 Arbeitsplätzen aus, die zur Übergabe anstehen. Nach IHK-Erfahrungen sieht mittlerweile ein Viertel der Alt-Inhaber die Erbschaftsteuer als großes Hemmnis. Wenn nur ein Viertel dieser Unternehmen keinen Nachfolger findet, kostet dies rund 100.000 Arbeitsplätze. Insbesondere sollten die aktuellen Verschonungsregeln für das Betriebsvermögen nicht verschärft werden.

Privates Beteiligungskapital fördern
An anderer Stelle hat es die Politik in der Hand, bei der Finanzierung für dringend benötigte Entlastung zu sorgen. Privates Beteiligungskapital ist auch für Unternehmensnachfolgen wichtig. Doch derzeit haben viele ausländische Wagniskapitalfonds Deutschland nicht auf dem Investitionsradar. Denn: Derzeit kann sich ein ausländischer Investor nicht sicher sein, ob in Deutschland erzielte Beteiligungsgewinne zusätzlich zum Heimatland auch noch durch den deutschen Fiskus besteuert werden. Daher meiden z.B. amerikanische Pensionskassen oder Universitäten Investitionen in deutsche Wagniskapitalfonds. Mit einem Wagniskapitalgesetz sollte die Politik für Rechtssicherheit sorgen. Dazu gehört die Vermeidung doppelter Besteuerung für Wagniskapitalfonds. Auch sollten die steuerlichen Möglichkeiten zur Verlustverrechnung verbessert werden. Eine zusätzliche Hürde würde es bedeuten, wenn die von den Bundesländern vorgeschlagene Besteuerung von Streubesitzdividenden umgesetzt wird. Bisher sind solche Erträge von der Körperschaftsteuer befreit. Eine Steuerpflicht würde insbesondere Business Angels, die sich häufig nur in Streubesitzhöhe (weniger als 10%) beteiligen, betreffen und ihr Engagement bei Unternehmensnachfolgen weniger attraktiv machen.

Verbesserung des gesellschaftlichen Unternehmerbildes
Grundlegende Voraussetzung für mehr qualifizierte Betriebsnachfolger ist eine Verbesserung des gesellschaftlichen Unternehmerbildes. Know-how und Interesse am Unternehmertum legen den Grundstein für eine gute Qualifikation potenzieller Neu-Inhaber. Junge Menschen brauchen viel mehr Informationen über die Chancen und Herausforderungen der Selbstständigkeit. Hierzu müssen Schulen, Hochschulen und Politik ebenso beitragen wie auch die Wirtschaft. Denn wer könnte besser für den Beruf „Unternehmer“ werben als die Unternehmer selbst?!