„Eine gewisse Stabilität ist erreicht“

Durch welches Fettnäpfchen geraten Mittelständler am ehesten in eine Krise?

Eine oft unterschätzte Gefahr ist, zu viele Schulden anzuhäufen. Das giltauch für Großkonzerne. Eine weiteres Problem besteht darin, nicht schnell genug auf Veränderungen im Markt reagieren zu können. Manchen gelingt das sehr gut, andere habenProbleme mit ihrer Corporate Governance, vor allem, wenn es sich um Familienunternehmen handelt, an denen große und weitverzweigte Teile der Familie etwa mit Aktien beteiligt sind. Hier kommt es oft zu internen Kämpfen, die ein Unternehmen lähmen können und diesem die Flexibilität nehmen. Gleichzeitig werden diese Auseinandersetzungen bei Familienunternehmen um ein Vielfaches emotionaler als bei Großkonzernen geführt.

Wirkt sich der Fall Lehman Brothers negativ auf Ihr Image aus?

Nein, warum sollte er? Wir waren nicht diejenigen, die die Probleme verursacht haben, sondern wurden damit beauftragt, diese zu lösen. Bryan Marsal, bis vor kurzem CEO bei Lehman, hält weltweit Vorträge darüber, was Banken tun können, damit sich solch ein Szenario nicht wiederholt. Unser Imageproblem ist vielmehr der weitläufige Eindruck, dass wir immer erst kurz vor Exitus auf den Plan treten. Aus dieser Ecke müssen wir heraus . Wir versuchen das durch Projekte, die im Bereich Performance Improvement angesiedelt sind. Derzeit stammt weniger als 40% unseres Umsatzes aus Restrukturierungsprojekten – von der Bekanntheit her denken jedoch viele, es seien 90%.

2005 haben Sie bei der Drogeriekette „Ihr Platz“ das erste Insolvenzverfahren in Eigenregie nach Vorbild des US-amerikanischen Chapter 11 durchgeführt. Seit 2012 ist es in Deutschland als das sog. Schutzschirmverfahren eingeführt. Hat sich diese Möglichkeit etabliert?

Wir wissen aus der Kooperation mit Insolvenzverwaltern, dass das Schutzschirmverfahren immer noch sehr stiefmütterlich angewendet wird. In den USA hat esauch sehr lange gedauert, bis sich Chapter 11 durchgesetzt hat. Durch den Vollstreckungsschutz des Schutzschirmverfahrens wird den Unternehmen grundsätzlich geholfen und somit Zeit zur Ausarbeitung eines Insolvenzplans gewährt. Der Vorteil des amerikanischen Chapter 11-Verfahrens ist es, dass das Unternehmen dringend benötigtes Kapital aufnehmen kann. Deshalb wurde Chapter 11 letztendlich in den USA auch so beliebt und so erfolgreich angewendet.

Das Interview führte Verena Wenzelis
wenzelis@unternehmeredition.de

 

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