„Führungskräfte besser vor Ort rekrutieren und früh an der langen Leine laufen lassen“

Mit ihrer Erfahrung aus einer schon über 100 Jahre währenden Firmengeschichte und der ungebrochenen Fähigkeit zu Innovationen setzt die Fränkische Rohrwerke Gebr. Kirchner GmbH & Co. KG nicht nur in Deutschland Maßstäbe. Ob im Hoch-, Tief- und Straßenbau, in der Elektroinstallation oder in der Haustechnik, ob in der Hausgeräte- oder in der Automobilindustrie: Die vom Unternehmen gefertigten Rohre, Systeme und Leitungen sind in ganz Europa, Asien und den USA gefragt. Im Interview berichtet der geschäftsführende Gesellschafter Otto Kirchner über Ziele, Strategien und Herausforderungen der Internationalisierung.

Unternehmeredition: Herr Kirchner, welche Bedeutung hat die Internationalisierung für Ihr Unternehmen?
Kirchner: Mit dem internationalen Geschäft können wir vor allem das Wachstum vorantreiben, dem am einheimischen Markt in mancher Hinsicht Grenzen gesetzt sind. Der Wohnungsbau in Deutschland etwa ist gegenüber dem Niveau von 1995 stark geschrumpft und bewegt sich seit einigen Jahren nur noch seitwärts. Wir können deshalb nur über Innovationen und den Schritt in neue Märkte weiter wachsen. Als ich 1983 ins Unternehmen kam, lag der Exportanteil bei 7%, heute stehen Exporte und die Aktivitäten der ausländischen Tochtergesellschaften für 45% unseres Geschäfts. Dieses Potenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft, wobei unser Fokus in erster Linie auf ganz Europa liegt. Vor allem in der Industriesparte, die bei uns zu einem Gutteil durch den Automobilsektor geprägt ist, sehen wir insbesondere auch in den Wachstumsmärkten China und Indien große Chancen.

Unternehmeredition: Ab welchem Zeitpunkt haben Sie die Aktivitäten in Richtung ausländischer Märkte gezielt forciert?
Kirchner: Uns ist Mitte der 90er Jahre bewusst geworden, welch riesiges Potenzial rings um Deutschland und vor allem in Osteuropa winkt. Seitdem haben wir das internationale Geschäft strategisch und systematisch aufgebaut und auch in Westeuropa interessante Marktchancen entdeckt. Das geht Schritt für Schritt. Der von uns in Frankreich vor vier Jahren begonnene Aufbau des eigenen Vertriebs hat sich beispielsweise so gut entwickelt, dass wir dort im Frühjahr 2012 eine eigene Produktion starten werden. Die ersten unserer heute fünf ausländischen Produktionsgesellschaften haben wir aber schon vor sieben Jahren in den USA und Tschechien gegründet. Dabei ging es nicht um Verlagerungen, sondern um Neugeschäft vor allem im Bereich der Autozulieferer. Wir haben danach in der Schweiz ein kleineres Unternehmen erworben, und 2006 hat unsere Tochtergesellschaft in Shanghai ihren Betrieb aufgenommen. Die Zahl der Mitarbeiter ist dort in den vergangenen zwei Jahren von 40 auf heute rund 170 gestiegen. Auch die seit diesem Frühjahr in Tunesien arbeitende Gesellschaft zur Konfektionierung von Rohren hat Potenzial und wird ihre Geschäftstätigkeit um die Bereiche Wellrohrextrusion und Montage erweitern.

Unternehmeredition: Haben Sie auch andere Regionen wie etwa Südamerika oder die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) im Visier?
Kirchner: Hinsichtlich der Planung für Mexiko ist die Entwicklung noch in der Schwebe. Einige Autozulieferer hätten uns gerne schon vor zwei Jahren dort gesehen, waren dann aber während der Wirtschaftskrise so mit sich selbst beschäftigt, dass sie auf die Forderung der Verlagerung von USA nach Mexiko verzichtet haben. In zwei bis drei Jahren könnte das allerdings wieder ein Thema werden – vor allem, wenn unsere Hallen in den USA zu klein werden. Hinsichtlich der VAE befinden wir uns gerade in Verhandlungen für ein Joint Venture.

Unternehmeredition: Welche besonderen Herausforderungen mussten Sie in so unterschiedlichen Ländern wie Russland, Spanien oder China bewältigen?
Kirchner: Ein nicht zu unterschätzender Problempunkt sind die unterschiedlichen Mentalitäten und Kulturen. Die Mitarbeiter in anderen Ländern denken anders und identifizieren sich zunächst nicht besonders stark mit der Firma. Vor allem zu Beginn kommt es deshalb zu einer relativ hohen Fluktuation. Probleme gibt es zudem, wenn man eigenes Führungspersonal aus Deutschland in die Tochtergesellschaften schickt. Das ist nicht nur teuer, sondern wird auch nicht so recht akzeptiert. Wir haben festgestellt: Gerade bei Führungskräften funktioniert es besser, wenn man die Leute aus dem Land vor Ort rekrutiert und möglichst früh an der langen Leine laufen lässt.

Unternehmeredition: Wie haben Sie die Finanzierung Ihrer internationalen Aktivitäten gestemmt?
Kirchner: Unser Unternehmen hat sich historisch schon immer in einem hohen Maß aus Eigenkapital finanziert. Die Investitionen in das internationale Wachstum konnten wir ebenfalls zum weitaus größten Teil aus dem Cashflow heraus bewältigen. Das ist uns beim Aufbau größerer Einheiten wie in Tschechien – wo wir am meisten investiert haben – auch deshalb gelungen, weil wir nicht alles auf einmal gemacht haben. Für das Tochterunternehmen in den USA wiederum, das aufgrund einer ungeplant langen Anlaufzeit erst jetzt in die Gewinnzone kommt, stellte die Muttergesellschaft im Bedarfsfall Darlehen zur Verfügung. Wenn im Zuge von Übernahmen oder Investitionen in das Anlagevermögen doch einmal ein Fremdkapitalbedarf entsteht, können wir auf Finanzierungen unser Partnerbanken zurückgreifen. Das sind vor allem die großen deutschen Kreditinstitute, mit denen wir auch hier in Deutschland zusammenarbeiten.

Unternehmeredition: Sie sind Vizepräsident des vor rund einem Jahr gegründeten „BdW – Beirat der Wirtschaft e.V.“. Spielt das Thema Internationalisierung auch bei der Arbeit dieses Verbandes eine Rolle?
Kirchner: Der BdW macht im Gegensatz zu manchen anderen Verbänden keine Lobbyarbeit, um Interessen durchzusetzen. Die Mitglieder kommen – vom Steuerberater und mittelständischen Firmenchef bis hin zum Manager im Großunternehmen – aus den unterschiedlichsten Bereichen. Ihr gemeinsames Ziel ist es, im Interesse eines nachhaltigen und ökologischen Wirtschaftens die Mitglieder, aber auch die Politik neutral zu beraten. Vor diesem Hintergrund haben wir auch die Themen Internationalisierung und Globalisierung in unser Arbeitsprogramm aufgenommen.

Unternehmeredition: Herr Kirchner, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Norbert Hofmann.
redaktion@unternehmeredition.de


Zur Person: Otto Kirchner
Otto Kirchner ist seit 2006 alleiniger geschäftsführender Gesellschafter der Fränkische Rohrwerke Gebr. Kirchner GmbH & Co. KG. Das im Jahr 1906 gegründete Familienunternehmen beschäftigt ca. 1.800 Mitarbeiter. Kirchner ist zudem Vizepräsident des BdW – Beirat der Wirtschaft e.V., in dem sich Unternehmer und Verantwortungsträger der Wirtschaft zusammengeschlossen haben, um gemeinsam im Sinne von „Nachhaltigkeit, Fairness und Partnerschaft und einer Ökosozialen Marktwirtschaft“ Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu nehmen. www.fraenkische.de, www.bdw-deutschland.de

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