Grundsätzlich wird der Finanzierungsmarkt für europäische Unternehmen von Bankkrediten dominiert. Aufgrund der andauernden, reduzierten Vergabe von Bankkrediten im Rahmen der Kreditkrise und Basel III nimmt allerdings die Bedeutung von Kapitalmarkt- bzw. kapitalmarktnahen Produkten als zusätzliche Fremdfinanzierungsquelle für mittelständische Unternehmen signifikant zu. Dies zeigt sich insbesondere in Deutschland an dem gestiegenen Emissionsvolumen von Anleihen und Schuldscheinen und wird durch die Etablierung von spezialisierten Börsenplattformen für Mittelstandsanleihen wie z.B. der Börse Stuttgart und Börse Frankfurt am Main unterstrichen. 

Zunahme von Kapitalmarktfinanzierungen

Unterbrochen von hohen Liquiditätsbeständen im europäischen Bankenmarkt, liegt der Beginn dieser Entwicklung zur Kapitalmarktfinanzierung für mittelständische Unternehmen in Europa mehr als zehn Jahre zurück. Als Beispiel für ausgeprägte Kapitalmarktfinanzierungen lohnt sich ein Blick in die USA: Während in den Vereinigten Staaten bereits etwa 80% der langfristigen Unternehmensfinanzierungen durch Anleihen zur Verfügung gestellt werden, ist dieses Verhältnis in Europa (noch) spiegelbildlich. Weiterhin Bestand hat die Funktion der Banken als Kapitalgeber für kurzfristige Kredite in Form von Betriebsmittellinien, Exportfinanzierungen und Avalen. Darüber hinaus nehmen die Banken eine zentrale Rolle in der Bereitstellung von sogenannten „Bridge Loans“ bei Unternehmensübernahmen ein. Im Rahmen der nachhaltigen Bilanzreduzierung und zukünftigen Eigenkapitalanforderungen von europäischen Banken lässt sich eine strukturell restriktive Neukreditvergabe erwarten und somit eine weitere Verschiebung in Richtung des US-amerikanischen Modells der Liquiditätsbereitstellung für langfristige Vorhaben. Aus Sicht europäischer Unternehmen ist eine frühzeitige Erschließung weiterer Kapitalquellen in Form von beispielweise Anleihen und Schuldscheinen im Sinne der langfristigen Finanzierungsstrategie empfehlenswert.

Kapitalmarktvoraussetzungen für Unternehmen

Um einen optimalen Zugang zu diesen Kapitalquellen zu gewährleisten, sind neben den Mindestanforderungen in Bezug auf die Umsatzgröße und Rentabilität des Unternehmens oftmals weitere Informationspflichten zu erfüllen, welche im Vergleich zu einem klassischen Bankenkredit umfangreicher sind. Vor diesem Hintergrund nehmen Schuldscheine eine separate Rolle als Finanzierungsinstrument ein. Freilich sind Schuldscheine rechtlich gesehen keine Wertpapiere, werden in Deutschland jedoch aufgrund des Investorenkreises in der Regel als Kapitalmarktprodukt einsortiert. Im Vergleich zu einer öffentlichen Anleihe sind bei diesem Instrument die Anforderungen weicher und flexibler ausgestaltet. Daher überrascht es nicht, dass viele mittelständische Unternehmen den Schuldscheinmarkt nutzen, um eine diversifizierte Finanzierungsstruktur über den Kapitalmarkt zu etablieren.

Was bedeutet dies für den Kreditnehmer?

Für eine ausgewogene Finanzierungsstrategie sollten Kreditnehmer gute Beziehungen sowohl zu den Banken als auch Investoren der avisierten Kapitalmarktprodukte aufbauen. Eine kurzfristige Vergabe von Krediten und Kreditlinien wird weiterhin über den Bankenmarkt bereitgestellt. Nicht zuletzt können Banken Zugang zu Investoren verschaffen und spielen eine wichtige Rolle bei der Platzierung von börsennotierten Anleihen. Dabei ist zu beachten, dass diese Investoren grundsätzlich das Rendite-Risiko-Profil der Investition in den Vordergrund stellen und Entscheidungen in diesem Zusammenhang treffen werden. Daher sollte für den Kreditnehmer ein Bewusstsein bestehen, dass bei möglichen Schwierigkeiten des Unternehmens die Spielräume und Handlungsalternativen der Banken im Vergleich zu den Investoren divergieren.

Transparenz und zeitnahe Informationspolitik

Analog zu den Investor Relations auf der Aktienseite sind auch bei Anleihen und Schuldscheinen Transparenz und zeitnahe Informationspolitik wichtige Anforderungen. Daher sollten die Unternehmen so aufgestellt sein, dass benötigte Informationen (z.B. Jahresabschlüsse) ausführlich und „auf Knopfdruck“ geliefert werden können. Vor diesem Hintergrund sollte der Schritt zum Kapitalmarkt erst genommen werden, wenn die internen Prozesse etabliert und eine gründliche Vorbereitung abgeschlossen sind, damit die Vorteile der Diversifizierung im vollen Umfang ausgenutzt werden können.

Fazit:
Die Entwicklung des europäischen Kapitalmarktes tendiert zu einem vergleichbaren Modell wie es bereits in den USA besteht. Hierbei steht die Diversifizierung der Finanzierungsquellen im Vordergrund und bedeutet keinen vollen Ersatz des klassischen Bankenmarktes. Unternehmen sollten sich auf diese Entwicklung bereits heute vorbereiten, um die langfristige Finanzierungsstrategie auf die Marktsituation auszurichten.