Die Digitalisierung der Kreditfinanzierung schreitet voran. Immer mehr Fintechs wollen sich im deutschen Mittelstand etablieren und erhöhen ihre Kundenbasis. Doch von einer Disruption sind sie noch weit entfernt. Wo der smarte Kredit gewinnt und warum es weiter Hausbanken geben wird.

Auch viele Hotelbetriebe haben eine Hausbank ihres Vertrauens. Dennoch gestalte es sich in der Branche oft schwierig, einen Bankkredit zu erhalten, so Lerch. „Hinter unseren Ausgaben stehen keine Sicherheiten wie Maschinen. Stattdessen müssen wir in der Hotellerie viel Geld in Marketing und Schulungen stecken.“ Vielen Banken sei dieses Risiko zu hoch. Das Fintech hingegen gewährte dem Familienunternehmer einen Kredit – wenn auch zu einem vergleichsweise hohen Zinssatz von 8,5 Prozent, und das in Zeiten historisch niedriger Zinsen. Er habe zunächst schlucken müssen, räumt Lerch ein, aber die Zeitersparnis sei es ihm wert gewesen, mehr zu bezahlen.


Finance as usual während guter Konjunktur

Die vielen Fallbeispiele einer neuen, rein digitalen Projektfinanzierung erleichtern den Fintechs den Markteintritt. Sieht man sich aggregierte Daten zum Finanzierungsverhalten an, muss man jedoch folgenden Fakt konstatieren: In den allermeisten Fällen geht der Mittelstand nach guter Tradition noch immer zuerst zu seiner Hausbank, wenn er einen Kredit braucht. Das geht aus einer aktuellen Studie zur Finanzierung im Mittelstand hervor, initiiert von Ebner Stolz Management Consultants und Wolff & Häcker Finanzconsulting. Von den 5.000 mittelständischen Unternehmern, die befragt wurden, setzen über 90 Prozent weiter auf das klassische Bankgeschäft. „Dafür verantwortlich sind mehrere Aspekte“, erläutert Michael Euchner, Experte für Corporate Finance bei Ebner Stolz. Der wichtigste Grund für Finance as usual ist schlichtweg die nach wie vor stabile Konjunktur – so deckt der Cashflow in vielen Unternehmen bereits einen Großteil der üblichen Investitionssummen ab. Eine Zurückhaltung gegenüber Fintech-Angeboten fußt laut der Befragung auf mangelndem Wissen gegenüber den digitalen Angeboten sowie auf Bedenken bezüglich der Seriosität beziehungsweise der Rechtssicherheit. „Geld ist ein so sensibles Thema, dass das persönliche Gespräch von Angesicht zu Angesicht durch nichts zu ersetzen ist“, analysiert Studienleiter Euchner.

In anderen Worten: Mittelständler sind in Geldangelegenheiten treu. Zwei Drittel der Betriebe geben in der Studie an, den Kreis ihrer Finanzierungspartner in den vergangenen beiden Jahren gar nicht erweitert zu haben. Dies belegt auch eine weitere aktuelle Auswertung, die aus dem KfW-Mittelstandspanel hervorgeht. Demnach hält die Beziehung zwischen Bank und Firmenkunde durchschnittlich 20 Jahre lang. Man kennt sich auch persönlich: Etwa 2,4 Millionen Mittelständler haben noch im Jahr 2017 mindestens einmal eine Bankfiliale aufgesucht – im Schnitt sogar knapp viermal.

Für Thomas Stewens vom Finanzierungsberater BankM ist der ungebrochene Hang zur analogen Kreditfinanzierung keine Überraschung: „Insbesondere kleinere Mittelständler sind nur schwer in standardisierte Finanzprodukte zu packen. Und wo Standardisierung mit vertretbarem Aufwand nicht möglich ist, können Plattformen keinen Vorteil zu Banken, Beratern und bestehenden Netzwerken entwickeln.“ Ähnlich skeptisch äußert sich auch Max Leitterstorf, Juniorprofessor an der privaten Uni WHU. Er ist Experte für Unternehmensfinanzierung und spricht viel mit Familienunternehmen: „Die natürliche Präferenz liegt nach wie vor bei der Kombination aus thesaurierten Gewinnen und dem Hausbankkredit.“ Den Geschwindigkeitsvorteil der smarten Kredite hält er für relativ: „Da werden die Banken nachziehen, wenn sie es wirklich müssen.“ Zumal sich gerade die gewachsene Beziehung zwischen Bank und Kunde positiv auf die Kreditkonditionen auswirken kann, wie Dr. Markus Demary vom IW Köln betont: „Die Hausbank definiert sich über das Relationship-Banking: Über die Jahre hat die Bank viele Daten über das Geschäftsmodell gesammelt und kann das Risiko besser bestimmen als ein anonymer Finanzmarkt.“